Vergewaltigungen in Südafrika Die vergessenen Opfer

Vom Baby bis zur Greisin ist in Südafrika niemand vor Vergewaltigungen sicher. Doch wer am wenigsten auf Gerechtigkeit hoffen kann, sind die Männer.

Südafrikas offizielle Statistik liest sich wie die eines Bürgerkriegslandes: 1000 Frauen und Kinder werden jede Woche vergewaltigt - 40 Prozent von ihnen sind minderjährig. Dabei schätzen Experten die Dunkelziffer weit höher. Hinzu kommen Vergewaltigungen von Männern, die die Behörden im Land am Kap nicht einmal erfassen, geschweige denn verfolgen.

Schlüssige Erklärungen für die schier unglaubliche Brutalität sind Mangelware. Mal ist es das Erbe der vor anderthalb Jahrzehnten beendeten Apartheid, das als Ursache bemüht wird, mal der Aberglaube, Sex mit Jungfrauen helfe gegen die Immunschwächekrankheit Aids.

Doch in einem Land, in dem weder Babys noch betagte Seniorinnen vor Vergewaltigungen sicher sind, greift diese Erklärung zu kurz. Soziologen verweisen vielmehr auf zerrissene Familienstrukturen, die durch die Aids-Epidemie im Lande immer weiter aufklaffen.

Ein Menschenleben wiegt wenig

Aids-Waisen landen auf der Straße oder finden Unterschlupf bei Banden, die sich ihren Unterhalt mit Raub oder Diebstahl sichern. Der Wert von Menschenleben gilt dabei als gering.

So gehen Hauseinbrüche oft mit Gruppenvergewaltigungen einher - ohne Unterschied von Alter oder Geschlecht. In den überbelegten Gefängnissen gilt die Vergewaltigung männlicher Häftlinge fast schon als Norm. Angesichts einer der höchsten Aids-Raten der Welt kommt eine solche Misshandlung für viele Opfer oft einem Todesurteil gleich.

Nur zirka fünf Prozent der Straftäter werden verurteilt. Doch gerade vergewaltigte Männer können kaum auf Gerechtigkeit hoffen. Das Verfassungsgericht des Landes hat jetzt entschieden, dass erzwungener Analverkehr als Vergewaltigung gilt - allerdings ausschließlich bei Frauen.

Bei Männern wird Analverkehr unter Zwang als Notzucht gewertet. Für diese aber sind untergeordnete Gerichte zuständig. Die Strafen, die diese Gerichte verhängen, sind angesichts übervoller Gefängnisse oft relativ milde. "Das Trauma der Männer wird nicht anerkannt und obendrein macht man sich über die Opfer auch noch lustig", meinte eine Mitarbeiterin der in Kapstadt ansässigen Hilfsgruppe Rape Crisis.