Top-Terrorist "Carlos" Schwätzer und Berufsrevolutionär

Eine Zeichnung aus dem Gerichtssaal: Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als "Carlos".

(Foto: AFP)

Er bezeichnet sich als "lebenden Märtyrer" und soll mit Anschlägen allein in Frankreich elf Menschen getötet haben: Der Terrorist "Carlos" steht in Paris erneut vor Gericht - und inszeniert sich dort als Revolutionär.

Von Stefan Ulrich, Paris

Manche seiner jungen Mitgefangenen wissen nichts mehr von seinen Taten, und auch in den Medien ist es ziemlich ruhig geworden um Ilich Ramírez Sánchez. Umso mehr scheint er die Bühne zu genießen, die sich ihm an diesem Montag öffnete. Da begann vor einem Sondergericht in Paris ein Berufungsprozess gegen den Mann, der einst als "Carlos, der Schakal" die halbe Welt mit Terror überzogen hatte. Der rundlich gewordene, selbst ernannte Revolutionär erschien elegant gekleidet und gut gelaunt im Tribunal und sagte: "Ich habe meinen Anwälten verboten, zu kommen und mich zu verteidigen." Carlos ist immer noch für Überraschungen gut.

Er wolle den Prozess keineswegs sabotieren, versicherte der 63 Jahre alte Venezolaner den verdutzten Berufsrichtern. Vielmehr gehe es ihm darum, gegen sein Heimatland zu protestieren. Die Regierung in Caracas weigere sich, seine Anwaltskosten zu übernehmen, der venezolanische Botschafter in Paris sei ein "Dieb" und ein "Korrupter". Das Gericht solle ihm daher nun Pflichtverteidiger stellen. Diese hätten zwar keine Ahnung von den Prozessakten. "Aber ich kenne sie."

Die Fälle, um die es geht, liegen 30 Jahre zurück und füllen Dutzende Ordner. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Carlos, in den Jahren 1982 und 1983 in Frankreich Anschläge auf zwei Züge, den Bahnhof von Marseille und eine Zeitung in Paris verübt zu haben. Durch die Attentate wurden elf Menschen ermordet und 150 verletzt. Carlos brüstete sich zwar vor dem Prozess in erster Instanz, im Kampf gegen den "Imperialismus" und für die "arabische Revolution" weltweit 1500 bis 2000 Menschen getötet zu haben. Die Taten in Frankreich seien ihm aber nicht nachzuweisen.

Das erstinstanzliche Gericht verurteilte Carlos jedoch im Dezember 2011 zu lebenslanger Haft. Es argumentierte, der Terrorist habe mit den Attentaten seine damalige Frau Magdalena Kopp und einen Gesinnungsgenossen aus der Haft freipressen wollen. Die Richter stützten sich auf Unterlagen der Stasi und anderer östlicher Geheimdienste, die den französischen Ermittlern nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zugänglich wurden.

Mit seiner Revolutionärsattitüde soll es nicht weit her sein

Wegen eines Teils der Taten wurden auch der in Deutschland inhaftierte Johannes Weinrich sowie ein flüchtiger Palästinenser verurteilt. Die Deutsche Christa Fröhlich wurde freigesprochen. Carlos bezeichnete den Prozess als "Komödie der Serie B" und legte Berufung ein. Die Staatsanwaltschaft ging wegen des Freispruchs Fröhlichs ebenfalls in Berufung. Die Deutsche ließ mitteilen, nicht zu den Verhandlungen nach Paris zu kommen.

Carlos dürfte es auskosten, endlich wieder Reden schwingen zu können. Er selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit nicht nur als "lebenden Märtyrer", sondern auch als "großen Schwätzer". Der Sohn eines reichen venezolanischen Anwalts und Stalinisten pflegte sich schon in jungen Jahren sorgfältig zu inszenieren. Der Deutsche Hans-Joachim Klein sagte 2011 als Zeuge, er habe Carlos 1975 als einen parfümierten Typen im Anzug kennengelernt und zunächst für einen Mafioso gehalten. Mit dessen Revolutionärsattitüde sei es nicht weit her. Carlos habe seit den Achtzigerjahren seine Attentate überwiegend für Geld begangen.

1994 wurde der Venezolaner von französischen Agenten im Sudan gestellt und nach Frankreich gebracht. Dort wurde er bereits in einem ersten Verfahren 1997 wegen mehrerer Morde zu lebenslangem Gefängnis verurteilt. Viele Jahre lang saß er in Einzelhaft. Seit fünf Jahren ist er im Gefängnis von Poissy bei Paris inhaftiert, das als besonders sicher gilt. Nach Auskunft seines Anwalts Francis Vuillemin verbringt Carlos seine Tage mit Lesen, Schreiben, philosophischen Studien und Diskussionen mit Mithäftlingen oder Besuchern.

Sein Mandant lebe wie ein "Mönch in einer Abtei", meint der Anwalt. Andere Quellen beschreiben den einstigen Terroristen als teuer gekleideten Zigarrenliebhaber, der charmant und höflich auftrete. Vor Gericht will er nun wieder die Revolutionärspose einnehmen. Auf die Frage des Präsidenten nach seinem Beruf sagte Carlos am Montag: "Sie wissen ganz genau, dass ich Berufsrevolutionär bin."