Therapeutin über Idealbilder und realen Sex "Wir stecken voller Hemmungen"

Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann über die Frage, warum viele Frauen mit dem Leistungsdruck in einer sexualisierten Gesellschaft nicht zurechtkommen.

Ein Interview von Tanja Rest

"Von einem wirklich selbstbestimmten, lustvollen Leben sind viele Frauen weit entfernt." Kann das sein? Wo Sexualität heutzutage so frei gelebt wird wie nie, jedenfalls dem Anschein nach? Der Satz findet sich in dem Buch "Untenrum...Die Scham ist nicht vorbei", das in diesen Wochen für Aufsehen sorgt.

Die Journalistin und Psychotherapeutin Claudia Haarmann, 54, hat sehr intime Berichte von Frauen im Alter von 20 bis 70 Jahren aufgezeichnet und ist dabei zu dem Schluss gekommen: Es gibt sie noch, die Scham. Dass die Autorin mit dieser These offenbar einen Nerv getroffen hat, erlebt sie derzeit auf ihrer Lesereise: Die Ränge sind voll, das Echo ist gewaltig, nicht nur bei Frauen. Wir sprachen mit Claudia Haarmann über Idealbilder und realen Sex.

SZ: Frau Haarmann, der öffentliche Raum ist mit nackten Körpern tapeziert, im Fernsehen werden die abwegigsten Perversionen im Detail verhandelt. Nun kommen Sie und behaupten: Die Scham ist nicht vorbei.

Haarmann: Es ist bestimmt eine unzeitgemäße These. Die meisten Frauenzeitschriften würden dieses Buch nicht behandeln, denn bei denen gibt's kein Sexproblem. Da gibt es nur die Perspektive, wie guter Sex läuft. Machen wir's oral, anal, von vorne oder von hinten? Und damit sagen sie: Das musst du erreichen, dann bist du in Ordnung. Viele Klientinnen, die zu mir in die Praxis kommen, sind aber unzufrieden. Aktuelle Studien besagen, dass sich rund 40 Prozent der Frauen als sexuell gestört empfinden und Stress mit der Sexualität haben.

SZ: Wo kommt der Stress Ihrer Meinung nach her?

Haarmann: Meine These ist, dass die sexuelle Revolution einerseits Befreiung gebracht hat: Wir dürfen heute Ja sagen und auch Nein. Andererseits: Ohne Tabu ist man nicht gleich freier. Eine 49-Jährige hat das mir gegenüber so formuliert: "Du willst was anderes, aber du hast nicht gelernt, wie und was." Viele haben das Gefühl, gerade mit Blick auf die Medien: Alle anderen leben eine befreite Sexualität, nur bei ihnen selbst läuft's nicht so. Und dieses Gefühl erzeugt Scham.

SZ: Die beliebtesten Defizite, die Frauen an sich wahrnehmen?

Haarmann: Das wissen Sie genauso gut wie ich. Wie sehe ich aus? Bin ich zu dick, hab' ich eine Orangenhaut? Hängt mein Busen, wenn ich eine bestimmte sexuelle Position einnehme? Wir wissen, dass viele Frauen bestimmte Sexualpraktiken meiden, weil das nicht mit ihrem Körperbild übereinstimmt.

SZ: Sie finden, viele schauen zu sehr von außen auf sich?

Haarmann: Ich glaube, dass die Kluft zwischen dem, was die sexualisierte Gesellschaft an perfekten Bildern bietet, und dem, was im Inneren erlebt wird, immer größer wird. Und so offen im Fernsehen alle über Sexualität reden: Viele Menschen sind mit ihrem Partner da nicht wirklich im Gespräch. Wir stecken voller Hemmungen. Man möchte gerne was, kann es aber nicht formulieren.

SZ: Trotzdem: Senkt das öffentliche Reden über Sex nicht auch im Privaten die Hemmschwelle?

Haarmann: Das Gegenteil ist der Fall. Es wird der Thrill beim Sex postuliert, die Grenzerfahrung. Es wird postuliert, dass wir in einer Gesellschaft leben, die so frei ist wie noch nie. Die Frauen, mit denen ich geredet habe, sind aber ganz woanders. Wir können auch nicht ernsthaft annehmen, dass innerhalb einer Generation nach '68 all das, was früher nicht lebbar war, überwunden sein kann.

SZ: Was ist mit den heute 18-Jährigen, sind die denn freier?

Haarmann: Eher nein. Ich glaube, dass gerade Jugendliche dieses ästhetische Idealbild in sich haben, und wer diesem Ideal nicht entsprechen kann, leidet unter massivem Stress. Natürlich gibt es auch die jungen Frauen, die selbstbewusst und sehr klar sind; bei denen die Idee von Selbstbestimmung funktioniert. Aber ein ganz großer Teil der jungen Mädchen ist durch ein Idealbild fremdbestimmt.