Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 37: Liebkind im Vogelnest von Peter Hacks

Ein Vorfall an der Endhaltestelle An der Endhaltestelle entstiegen nur noch wenige Fahrgäste der Straßenbahn. Unter ihnen befand sich ein junger Mann mit mittelblonden Haaren und einem hübschen, ernsthaften Gesicht. Er trug eine Aktentasche und machte sich munter daran, seinen Weg in Fahrtrichtung fortzusetzen.

Plötzlich nahm er eine Menschenmenge wahr, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite von fern auf ihn zubewegte. Die Menge bestand aus Männern, Frauen und Kindern. Sogar einige Autos, die es nicht eilig hatten, fuhren in Schrittgeschwindigkeit neben dem Gehsteig her. Es war ein richtiger Auflauf. Den Gegenstand der Aufregung bildete ein älterer Herr, der, als ob ihn das Ganze nicht beträfe, still vor dem Haufen herwandelte. Seine Kleidung glich in der Tat kaum derjenigen, welche bei älteren Herren sonst üblich ist. Er hatte nichts am Leib als ein steingraues Gewand, knöchellang, oben ausgeschnitten und auf der Schulter mit Trägern gehalten. Im Grunde muss man zugeben: Er ging im Hemde. Dieses Hemd hielt er vorm Bauch gerafft, sodass es eine Tasche formte. Die Tasche enthielt Gartenfrüchte aller Art. Dazu hatte er einen Leinensack und ein Gartenmesser umhängen. Im Übrigen besaß er einen klugen Kopf und schöne Augen. Sein Haar und sein Kinnbart waren kurz geschnitten. Unter sein rechtes Ohrläppchen hatte sich ein grauer Vogel geschmiegt. Der Vogel hatte einen kleinen Schnurrbart und war ein Fliegenschnäpper. Der junge Mann mit der Aktentasche winkte dem Herrn im Hemd zu, aber der schien ihn nicht zu bemerken. Da lief der junge Mann über den Damm und gesellte sich ihm bei. "Sie gehen aus?", fragte er besorgt. "Bitte sprechen Sie mich nicht an", bat der Herr im Hemd aus dem Mundwinkel. "Ich reise unauffällig ab und will auf jeden Fall vermeiden, dass man mich beachtet. Am liebsten wäre mir, wenn gar niemand von meiner Abreise erführe." "Keck, weg!" sagte auch der Fliegenschnäpper. "Halt den Schnabel, Schnäpper", sagte der junge Mann und fuhr fort, sie zu begleiten. Die verfolgende Menge rückte jetzt auf und war ihnen dicht auf den Fersen. Der Mann im Hemd griff in seinen Bauchbeutel und warf eine Anzahl von Kohlköpfen und roten Rosen über den Rücken. Die Leute stürzten sich auf die unverhofften Gaben. Die Frauen griffen nach den Kohlköpfen, die Männer nach den Rosen. Hinterher schenkten die Männer die Rosen den Frauen, so hatten die Frauen am Ende alles. "Das war geschickt", sagte der junge Mann. "Jetzt sind Sie alle los." "Alle", sagte der Fliegenschnäpper, "nur Sie nicht." "Ich muss ihn beschützen", beharrte der junge Mann. "Ich verstehe sehr wohl, für meinen Schutz zu sorgen", sagte der ältere Herr. "Freilich, wenn Sie dauernd neben mir herlaufen, könnten wir bei der Öffentlichkeit Aufsehen erregen." Aber schon hatte die Öffentlichkeit ihre Blumen und ihr Gemüse eingesammelt und drang wieder näher heran. "Wie schützen Sie sich nun?", fragte der junge Mann. "Folgendermaßen", verkündete der Herr im Hemd. Er langte in den Umhängesack, entnahm ihm eine Hand voll Körner und streute sie mit einer geübten Armbewegung quer über den Bürgersteig und die Straße. Sofort schoben sich feine grüne Spitzen aus der Straßendecke. Sie dehnten sich und wuchsen, und in wenigen Augenblicken stand da ein Blumenbeet, das die Straße sperrte. Es handelte sich um Stiefmütterchen, an beiden Rändern säuberlich mit rotblühenden Fuchsien abgegrenzt. Die Leute mussten anhalten. Sie fanden keinen Weg, der durch das Beet führte. Als die Autofahrer zu dem Blumenstreifen kamen, glaubten sie, die Fahrbahn ende hier, und suchten nach der Umleitung. "Wie lange soll das helfen?", fragte der junge Mann den älteren. "Lang genug für meine Zwecke", erwiderte der. Er rannte mit überraschender Eile zur Straßenmitte und sprang auf die Straßenbahn, die sich eben mit vielem Geklingel anschickte, zur Stadt zurückzufahren. "Ein sehr merkwürdiges Verhalten", sagte sein zurückbleibender Begleiter zu sich selbst. "Er springt auf eine anfahrende Straßenbahn; um nichts in der Welt hätte ich ihm das zugetraut." Er kehrte um, überhüpfte mit einem Satz die Stiefmütterchen mitsamt den Fuchsien und ging noch eine Strecke, so wie er es ursprünglich vorgehabt hatte. Dann gelangte er zu einem Torgitter, das sich in einen Garten öffnete. Er durchschritt es und schlug einen gepflasterten Weg ein. Zwischen den Wegsteinen wuchs Moos, besonders an solchen Stellen, an denen ein Busch überhing und Schatten verursachte. Mitten auf dem Weg lag ein dicker schwarzer Schnauzerhund. Er schlief fest. Als der junge Mann an ihm vorüberging, wedelte sein Stummelschwanz hin und her.

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"Nett, dass du dich freust", sagte der junge Mann. "Worüber sollte ich mich freuen?", sagte der Hund. "Dass ich nach Hause komme", sagte der junge Mann. "Sehen Sie nicht, dass ich schlafe?", sagte der Hund. "Ich sehe deinen Schwanz wedeln", sagte der junge Mann. "Mag sein", sagte der Hund. "Mag sein, der Schwanz wedelt. Sogar zugestanden, er tut es. Was ist hieraus zu entnehmen: Der Schwanz freut sich. Ich, was mich als vollständigen Hund betrifft, schlafe, und ich habe mein bisschen Schlaf sehr nötig. Ich habe jetzt wahrhaftig keine Zeit, mich zu freuen. Haben Sie übrigens den Knochen mitgebracht?" "Geduld", sagte der junge Mann. "Ich frage mich", sagte der Hund, "wann Sie jemals etwas Verständnis für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens entwickeln werden." In dem Augenblick kam aus einem Seitenpfad ein reizendes Mädchen mit einem Blumenkorb herausgelaufen. Ihr Kleid flatterte, um ihren Kopf flogen helle Locken. Sie hatte einen schmalen Rumpf und lange Beine, vielleicht war ihr Hintern ein bisschen zu dick. Sie stellte sich auf ihre nackten Zehen, schlang dem jungen Mann beide Arme um den Hals und überschüttete sein Gesicht mit Küssen.

Nach einer Weile kam er zu Wort und fragte: "Hat jemand das Schaf bestellt? Der Rasen muss unbedingt endlich abgefressen werden." "Ich denke schon", antwortete das Mädchen. "Wer?", fragte er. "Das französische Eichhorn, soweit ich weiß", sagte das Mädchen unbestimmt. "Was machen wir heute Abend? Du musst schrecklich müde sein. Glaubst du, du bist zu müde, um mich zu küssen? Könntest du bitte einmal meinen Korb halten?" Der junge Mann nahm ihr den Korb ab. Das Mädchen fiel ihm wieder um den Hals und küsste ihn und redete dazwischen hundert ganze oder halbe Sätze, die, kurz auf ihren Inhalt gebracht, so viel besagten wie gar nichts. Ihr Opfer stand mit hängenden Armen. "Das ist ungerecht", beklagte es sich. "Wenn ich in einer Hand den Korb trage und in der andern die Tasche, wie soll ich mich da wehren?" "Überhaupt nicht", sagte das Mädchen. "Wer verlangt denn von dir, dass du dich wehren sollst?" Sie bog, ohne von seinen Lippen abzulassen, ihren Körper ein wenig beiseite, und so gingen sie, in einen einzigen langen Kuss verschmolzen, in den duftenden Garten. Der Hund tapste unwirsch hinter ihnen drein. "Schmatz, Schmatz", ahmte er sie nach. "Ekelhaftes Getue."