Streit um Wandgemälde Chemnitzer Ansichten

Die Stadtverwaltung will ein zehn Meter langes Wandgemälde in einer Schule entfernen lassen. Um das Gemälde tobt ein bizarrer Streit, denn: Der junge Maler ist ein Rechter.

Von Marc Felix Serrao

Wenn Benjamin Jahn Zschocke will, darf er sein Bild noch einmal fotografieren. So steht es im Schreiben der Stadt Chemnitz, das am Dienstag im Briefkasten des 22-jährigen Künstlers lag. An diesem Donnerstag endet die Frist. Danach, heißt es, werde die Stadt "in Ausübung ihres Beseitigungsanspruchs (. . .) das Wandbild entfernen lassen". Am Telefon sagte Zschocke am Mittwoch, dass er "erschrocken und ratlos" sei. Er wolle sich zwar noch mit einem Anwalt beraten. Doch allzu optimistisch klingt er nicht: "Ich habe wirklich gehofft, dass wir das Bild retten können."

Bild ist gut. Es geht um ein 30 Quadratmeter großes Wandgemälde, zehn Meter breit und drei Meter hoch. Zu sehen sind wichtige Chemnitzer Gebäude. Die bunten stehen noch, etwa das Opernhaus in der Bildmitte oder die Markthalle links davon. Die grauen, etwa die St. Nikolaikirche, wurden im Krieg zerstört. Die Stadtverwaltung nennt das Bild "aufgedrängte Kunst".

Dabei wurde im März 2008 ein Vertrag unterzeichnet: vom Maler und vom Förderverein des Beruflichen Schulzentrums für Wirtschaft 1 in Chemnitz. Die Schüler, Lehrer und Elternvertreter bekamen vorab einen Entwurf zu sehen. Einwände gab es keine. Seit einem halben Jahr nun hängt Zschockes Bild in der Schulkantine - verhüllt von alten Tapeten. Denn genau so lange tobt in der sächsischen Stadt ein so skurriler wie hitziger Streit. Es geht um Kunst und Politik, und um die Frage, wie viel das eine mit dem anderen zu tun haben darf, denn: Der Maler ist ein Rechter. Kein Neonazi oder NPD-Mann, aber ehemaliger Burschenschafter und Mitarbeiter der Stadtratsfraktion "Pro Chemnitz/DSU" (früher Republikaner).

Für Petra Zais reicht das. Sie ist Vorstandmitglied der Grünen in Chemnitz, Mitarbeiterin des "Mobilen Beratungsteams" gegen Rechtsextremismus und eine der schärfsten Kritikerinnen des Schulgemäldes. "Der Beschluss, das Bild zu entfernen, ist richtig", findet sie. In Schulen dürfe keine Kunst hängen "von Leuten, die unsere freiheitliche Gesellschaft ablehnen". Zschocke bezeichnet den Vorwurf als "Quatsch". Er sei "einfach konservativ". Kontakte zur NPD oder zu Neonazis habe er nie gehabt.

Umstrittene Symbolik

Konkret stört sich Zais vor allem an dem sogenannten Keltenkreuz auf der Kuppel der Markthalle. Das Kreuz, um dessen Mitte ein Ring liegt, war in der mittelalterlichen Sakralkunst der Kelten weit verbreitet, es gilt aber auch als "White Power"-Symbol vor allem amerikanischer Neonazis. Zschocke sagt, er habe sich dabei "nichts gedacht", sich beim Malen allenfalls an die Keltenkreuze auf der Chemnitzer St.-Markus-Kirche erinnert - was ihm Zais wiederum "auf keinen Fall" glaubt. Nun könnte man fragen, warum das strittige kleine Kreuz nicht einfach übermalt wird. Zschocke wäre dazu bereit, sagt er. Doch wer mit seinen Kritikern spricht, merkt rasch, dass es nie wirklich um das Bild ging.

Über das Bild wolle er "gar nicht erst reden" , sagt dann auch Berthold Brehm (CDU), Bürgermeister von Chemnitz und unter anderem zuständig für die Schulen der Stadt. Für Brehm, der auch den Brief an Zschocke unterschrieben hat, ist dessen Wandgemälde vor allem ein Verstoß gegen amtliche Zuständigkeiten: "Der Schulleiter und der Förderverein können nicht einfach so etwas in Auftrag geben, ohne den Träger zu informieren", sagt er. Der Träger ist die Stadt. Also er.

Viel Kritik

Schulleiter Andreas Kahl, der das Projekt Wandgemälde auch als Vizevorsitzender des Fördervereins maßgeblich mit angeschoben hatte, war wegen der Ferien in Sachsen für eine Stellungnahme am Mittwoch nicht erreichbar.

Von Zschockes Bild habe er erst erfahren, als es fertig war und die Einladungen zur Enthüllung im Oktober in seiner Pressestelle ankamen, sagt Bürgermeister Brehm. Zur politischen Haltung des Künstlers will er anfangs nichts sagen. Dann sagt er nur, dass Zschocke in Chemnitz einschlägig bekannt sei: "Der bewegt sich ja in diesen Kreisen."

Anfang Februar wurde das umstrittene Großgemälde übrigens kurz enthüllt. Der Erste Bürgermeister war mit Justin Sonder in die Kantine gekommen, einem der wenigen jüdischen Auschwitz-Überlebenden aus Chemnitz. Brehm wollte wissen, was Sonder von dem Bild hält. Der sagte, dass er kein Problem damit habe - das bestätigt auch Brehm.

Bleibt die Frage, weshalb der junge Maler die Schule nicht vorab über seine Arbeit für die rechte Stadtfraktion informiert hat. "Ich bin nirgendwo Parteimitglied", sagt Zschocke. Den Halbtagsjob bei Pro Chemnitz, der aus "normaler Schreibarbeit" bestehe, mache er, weil er von seiner Kunst allein nicht leben könne. Das dürfte sich so bald nicht ändern. Seit vergangenem Herbst, sagt Zschocke, sei die Auftragslage "ziemlich flau".