Stasi-Akten Schnipsel-Jagd am Computer

Zerrissene Stasi-Akten könnten bald wieder lesbar sein

Wenn sie so weitermachen müssten, würde die Sache noch Jahre dauern. Hunderte Jahre. In Zirndorf bei Nürnberg sind etwa 15 Mitarbeiter der Birthler-Behörde seit Jahren damit beschäftigt, Papierschnipsel aus Säcken zu fischen, sie zu vergleichen und wieder zusammenzusetzen. Millionen Teilchen warten noch auf sie. Es ist ein riesengroßes Stasi-Puzzel.

Im November 1989 hatte die Stasi damit begonnen, Dokumente, die noch auf den Schreibtischen oder in den Bezirken im Umlauf waren, zu vernichten.

Die Reißwölfe liefen heiß, also machte man per Hand weiter. 16.000 Säcke mit etwa 600 Millionen Schnipseln kamen zusammen und warten nun auf die Entzifferung, der Inhalt von 250 Säcken wurde bereits wieder zusammengefügt. Etwa zehn Seiten schafft ein Mitarbeiter pro Tag. Bei diesem Tempo würde die Suche noch etwa 400 Jahre dauern.

Seit Jahren schon arbeiten Firmen und Forschungsinstitute auf Anregung des Bundestages an Möglichkeiten, die mühsame Suche zu beschleunigen. Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und die Lufthansa Systems Group glauben nun, einen Weg gefunden zu haben, wie sie in fünf Jahren das große Stasi-Puzzel wieder zusammensetzen können.

Am Montag wurde eine Machbarkeitsstudie vorgestellt, die sie im Auftrag der Stasi-Unterlagenbehörde gefertigt haben. Es ist eine Art industrieller Verarbeitung der Geschichte.

Im ersten Schritt werden die Schnipsel aus den Säcken, "in einem fließbandähnlichen Prozess vereinzelt", sagt Gunter Küchler von Lufthansa Systems, einer Tochtergesellschaft der Luftlinie, die für Unternehmen im großem Umfang Quittungen sortiert und einscannt. Die einzelnen Stasi-Schnipsel werden dann verschweißt, nummeriert und durch einen großen Scanner gejagt, der 10000 Bilder pro Stunde verarbeiten kann.

So werden die zerrissenen Akten auf insgesamt 40000 DVD's gespeichert. Im zweiten Schritt beginnt eine vom Fraunhofer-Institut entwickelte Software, die Schnipsel nach besonderen Merkmalen abzusuchen. "Wir unterscheiden nach Farbe des Papiers, Typografie, Linien, Grafiken, Stempeln und Abrisskanten", sagt Ottmar Bünnemeyer vom Fraunhofer-Institut. "Jedes Dokument wird in Zahlen umgewandelt und mit der Datenbank verglichen."

Stimmen alle Parameter überein, werden die Teilchen einander zugeordnet. Mehr als 80 Prozent der Dokumentenreste könnten so maschinell zusammengefügt werden, der Rest müsste manuell am Bildschirm geschehen, sagt Bünnemeyer.

Die Kosten für das System lägen jährlich im einstelligen Millionenbereich, sagt Günter Bormann von der Birthler-Behörde. Nun müssten Bundestag und das Innenministerium entscheiden, ob das Geld dafür zur Verfügung gestellt wird. Bei den Dokumenten handele es sich um Stasi-Unterlagen aus den siebziger und achtziger Jahren. Sie beträfen Inoffizielle Mitarbeiter und bespitzelte Personen. Die zusammengesetzten Dokumente könnten Historikern Aufschluss geben und in Einzelfällen auch zu neuen Strafverfahren führen, glaubt die Birthler-Behörde.

Beim Fraunhofer-Institut haben sich nach eigenen Angaben weitere Interessenten nach der Software erkundigt, die ebenfalls Probleme mit zerstörten Dokumenten haben - darunter Archäologen und die Steuerfahndung.