Sonnenspiegel in Norwegen Es werde Licht in Rjukan

Eine Stadt holt sich Sonne ins Tal: Das norwegische Rjukan erreichte im Winter nie ein Sonnenstrahl - bis jetzt. Heute wurden dort Sonnenspiegel eingeweiht, die für Licht sorgen sollen. Die Idee ist nicht neu, umgesetzt wird sie in dieser Form aber weltweit erst zum zweiten Mal.

Von Caro Lobig

Seit einem Monat müssen die Einwohner von Rjukan auf die Sonne verzichten, wie jedes Jahr. Im Winter schaffen es die Strahlen einfach nicht über die Berge bis ins Tal. Das soll sich jetzt ändern und dieser Winter soll der erste werden, in dem die etwa 3000 Bewohner nicht im Dunkeln sitzen müssen. Drei gigantische Reflektoren in 45 Metern Höhe sollen zumindest auf dem zentralen Platz des Ortes für Licht sorgen.

Um 11.30 Uhr wurde die Stadt im Süden Norwegens erleuchtet. Die jeweils 17 Quadratmeter großen Sonnenspiegel, in der Fachsprache Heliostaten genannt, fangen die Sonnenstrahlen auf einem Berg über der Stadt ein und reflektieren sie ins Tal. Etwa 3000 Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz, um bei der Eröffnung dabei zu sein, berichtet Kgell Gunnar Dahle, Pressesprecher der Gemeinde. "Das Interesse ist riesig und die Vorfreude der Bewohner sowieso."

100 Jahre alte Idee

Die Idee für die Spiegel gibt es schon lange, nur an der Umsetzung hat es bisher gehapert. Deswegen ist die Einweihungsfeier auch an einen Jubiläumstag geknüpft. "Morgen wird die Idee des Sonnenspiegels hundert Jahre alt", erklärt Dahle. Bereits 1913 wollte der norwegische Ingenieur Sam Eyde solche Spiegel in Rjukan aufstellen. "Damals war das aber technisch noch nicht umsetzbar", sagt der Sprecher. 2005 hat der ortsansässige Künstler Martin Andersen die Idee wieder aufgegriffen. Eingeweiht würden die Spiegel schon einen Tag vor dem offiziellen Jubiläum, da im Wetterbericht für Dienstag Wolken vorhergesagt wurden, erläutert Dahle. Dann könnten auch keine Sonnenstrahlen eingefangen werden.

Etliche Bewohner, Interessierte und Medienvertreter kamen heute morgen zum Marktplatz von Rjukan, um im reflektierten Sonnenlicht zu stehen.

An Wolken sind die Bewohner der 180 Kilometer westlich von Oslo gelegenen Stadt gewöhnt. "Im Winter ist es hier nicht so stockdunkel wie im Norden Norwegens, aber es ist sehr bewölkt. Wir sehen die Sonne manchmal oben über den Bergen, aber sie erreicht unser Tal nicht", erklärt Dahle.

Rjukan liegt zwischen den Ausläufern der größten Hochebene Europas, Hardangervidda, und einem der bekanntesten Berge Norwegens, dem Gaustatoppen. Das Tal ist so eng, dass die Sonne dort von Oktober bis März nicht ankommt.

Auch im Winter Wärme spüren

Das etwa 615.000 Euro teure Projekt "Mirror Projects Solspeil" soll das nun ändern. Solspeil heißt Sonnenspiegel. Die Firma "Solar Tower Systems GmbH" aus Starnberg bei München wurde Ende 2012 mit Design, Herstellung und Entwicklung beauftragt. Geschäftsführer der Firma und Projektleiter Joachim Maaß sagt: "Die Umgebungsbedingungen waren sehr anspruchsvoll und das Design des Gesamtsystems war im Vergleich zu unserem anderen Geschäft recht speziell." Normalerweise entwickelt die Firma Heliostaten für solarthermische Kraftwerke in Ländern wie Nordafrika oder Australien.

Finanziert wurde das Projekt von der Stadt Rjukan selbst, der Provinz Telemark, einer großen norwegischen Bank und dem Hauptsponsor "Norsk Hydro", einem Aluminiumproduzenten mit Sitz in Oslo. Anfangs seien nicht alle Einwohner Rjukans von der Idee überzeugt gewesen, erklärt Dahle. "Viele waren skeptisch und wollten, dass das Geld nicht in Sonnenspiegel, sondern in Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten investiert wird." Mittlerweile seien aber alle Bürger davon begeistert, dass im Winter Licht ins Tal gebracht wird.

Die reflektierte Sonne erleuchtet zumindest den Marktplatz der norwegischen Stadt - der Rest der Gemeinde wird wohl düster bleiben.

Der Bürgermeister setze große Hoffnung in das Projekt, sagt Dahle. "Wir wollen auch im Winter das Gefühl von Wärme und Sonne spüren und zumindest auf dem Marktplatz einen Lichtfleck haben, zu dem die Bürger hingehen können". Außerdem wolle die Stadt die neu entstandene etwa 200 Quadratmeter große Licht-Fläche für Veranstaltungen im Ortskern nutzen.

Dunkelster Ort Italiens bereits erhellt

Es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass Sonnenstrahlen mit Hilfe von Solartechnik gespeichert werden, aber umgelenkt wurde die Sonne weltweit bisher nur in einem Ort: im italienischen Dorf Viganella. Der damalige Bürgermeister der zu diesem Zeitpunkt 200 Seelen großen Gemeinde, Pierfranco Midali, setzte schon im Dezember 2006 seine Idee durch, die Sonnenstrahlen einzufangen. Auch in dem Ort im Piemont halten hohe Berge das Licht der Sonne davon ab, in das Bergdorf vorzudringen. Die Idee hatten der Bürgermeister und ein befreundeter Architekt Giacomo Bonzani bereits 1999.

Mit Hilfe der Energy Service Company, die ähnliche Systeme für Autobahntunnel entwirft, wurde das Projekt vor sieben Jahren realisiert. In einigen hundert Metern Höhe wurden 14 Einzelspiegel mit einer Gesamtfläche von 40 Quadratmetern angebracht, um die 83 Tage Dunkelheit im Winter zu überbrücken. Zumindest auf dem Dorfplatz scheint seither auch zwischen November und Februar die Sonne. Die Bewohner standen damals fast geschlossen hinter dem Bürgermeister und seiner Idee. Denn auch wenn niemand dort von Winterdepressionen sprach, hatten alle die Dunkelheit satt.

Der jetzige Bürgermeister von Viganella, Giuseppe Colombo, sieht das anders: "Wir waren auch vorher glücklich in unserem Dorf, das war kein dunkles Loch." Mittlerweile sei der italienische Ort zwar bekannter geworden, es gebe mehr Touristen und durch die Sonnenspiegel spare man Energie, aber grundlegend habe sich nichts geändert. "Genau wie in anderen kleinen Dörfern wandern auch bei uns nach wie vor junge Leute ab", klagt er.

Heute könne der Ort so ein 100.000 Euro teures Projekt gar nicht mehr finanzieren. In skandinavischen Ländern hält Colombo die Idee dagegen für sinnvoll: "Dort ist das ja was ganz anderes, weil es viel länger dunkel und kalt ist." Es bleibt zu hoffen, dass das sechs Mal so teure Projekt im norwegischen Rjukan größere Erfolge feiert. Denn für die Stadt wurde damit ein Jahrhunderttraum wahr. "Das ist großartig! Endlich!", schwärmte Bürgermeister Steinar Bergsland bei der Eröffnungszeremonie im Sender TV2.