Reportage Der verlorene Sohn

Eine Familientherapeutin hat einen Satz der Mutter notiert: "Ich hasse die Familie Kapp. Ich werde alles daran setzen, die Familie fertig zu machen." Elena fühlt sich von der Schwiegermutter erniedrigt. Von psychischer Gewalt spricht der Familienrichter aus Freising, notiert aber: "Eine Flucht der Mutter mit Sven nach Bulgarien ist nicht ernsthaft zu befürchten."

Minutiös regeln Gerichte, bei wem das Kind wie lange sein soll, die Eltern treffen sich nur in Beratungsstellen und vor Gericht. Sie lehnen Therapeuten und Gutachter ab, ausgerechnet die, die ihnen helfen könnten, bombardieren sie mit Vorwürfen: parteiisch! Rassistisch!

Als Sven vier ist und der Vater bereits mit seiner neuen Partnerin lebt, mit der er ein weiteres Kind hat, besucht ein Gerichtsgutachter erneut die zerstörte Familie Kapp. Er zeichnet das Bild eines schüchternen, leidenden Kindes. Sven stottert, kaut an den Nägeln, macht in die Hose, wacht nachts auf, hat Angst. Wochenlang übergibt er sich, steckt die Faust in den Mund und sagt: "Ich will spucken."

Im Kindergarten hält er keine Regel ein, ist unsicher und unkonzentriert. Sven sagt zu dem Psychologen: Ob seine Eltern ihn immer lieb hätten, wisse er nicht: "Bei meinem Papa gefällt es mir am besten, aber bei meiner Mama auch." Er will bei beiden wohnen. "Wir sind beide schuld, dass es Sven so schlecht geht", gibt der Vater zu Protokoll. Der Gutachter bezeichnet die Eltern zwar "prinzipiell als erziehungsfähig", doch registriert er Kindswohlschädigung durch ihren zwanghaften Kampf gegeneinander.

Die Mutter fürchtet, dass das Gericht ihr das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzieht. Vor Gericht wird sie sagen: Ich hatte doch dieses Recht, also durfte ich mit Sven gehen. Sie wird hören, dass das Aufenthaltsbestimmungsrecht nicht viel wert ist, weil sie trotzdem verpflichtet ist, dem Vater den Umgang zu ermöglichen.

Sven müsse etwas gewusst haben, sagt der Vater. "Papa, wenn ich in Bulgarien bin, dann seh' ich dich ja gar nicht mehr", habe er am letzten gemeinsamen Wochenende gesagt. "Wie kommst du denn darauf?", habe der Vater geantwortet, "Papa lässt dich doch nicht allein!"

Zwei verfeindete Anwältinnen

Am 23.Februar 2004 fährt Elena Kapp zum Münchner Busbahnhof, tags darauf erreicht sie Bulgarien. Den Jungen hat sie dabei. Ihrem damaligen Freund hinterlässt sie einen Abschiedsbrief: "Es gibt einen einzigen Mann für mich, das ist mein Sohn." Ihrer Anwältin schreibt sie: "Ich habe mein Vertrauen in die deutschen Gerichte verloren."

Svens Geschichte ist auch eine Geschichte der Anwältinnen. Vor den Familiengerichten und im Strafprozess, in dem der Vater Nebenkläger ist, treten Cornelia Strasser für die Mutter und Petra Kuchenreuther für den Vater gegeneinander an. "Wir sind bestens befeindet", erklärt Strasser. Kuchenreuther sagt: "Ich gebe ihr nicht die Hand. Ich traue ihr nicht."

Kuchenreuther tritt selbst in den Zeugenstand, sie glaubt, ihr Gegenpart sei in die Flucht verwickelt. "Das ist ein Verbrechen am Kind", sagt sie. Strasser argumentiert: "Ich denke, dass ein so kleines Kind zu seiner Mutter gehört." Die Anwälte kämpfen um, nicht für das Kind. Sie bauen keine Brücken.

"Die Schärfe hat Frau Strasser ins Verfahren gebracht", sagt der Familienrichter. Er sei überzeugt, Strasser habe "einen Anteil daran, dass das arme Kind jetzt mehrere Monate ganz auf die Eltern verzichten muss". Zum ersten Mal in seiner Karriere erlässt der Richter einen Haftbefehl, um die Herausgabe des Kinds zu erzwingen.

Von jetzt an telefoniert Werner Kapp viel, verschickt Faxe und E-Mails, an die Gerichte, die Staatsanwaltschaft, an den Ministerpräsidenten, schreibt "Eilt sehr" darüber und macht sechs Ausrufezeichen. "Ich bin kurz vorm Verzweifeln", faxt er an den Bundeskanzler. Im Mai 2004 eröffnet die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen "Entziehung Minderjähriger".

Werner Kapp führt durch seinen Heimatort, über den die Flugzeuge donnern. Zeigt, wo sie gewohnt haben, eine typische Vorortsiedlung, jeder kennt jeden. Er öffnet das Gartenhäuschen mit Svens Spielsachen. Zu Hause, sagt er, liege noch das Weihnachtsgeschenk, ein Gabelstapler, Sven hat ihn sich gewünscht.

Werner Kapp, der das Programmieren gelernt hat und erkennen muss, dass sich seine und Svens Zukunft nicht mehr programmieren lässt, spricht leise, jedes Lächeln wirkt gequält. Wo ist der Bub? Wie geht es ihm? Geht er in den Kindergarten? Er sagt, er dürfe sich nicht zu sehr hineinsteigern, seiner neuen Familie zuliebe.

Christian Schmidt-Sommerfeld, Chef der Münchner Staatsanwaltschaft, erklärt, dass nach deutschem Recht auf Kindesentzug bis zu fünf Jahre Haft stehen. Was aber würde mit Sven passieren, fragt er, wenn man die Mutter verhaftet? "Hier stößt das Recht an seine Grenzen." Dennoch erlassen die Ermittler einen europaweiten Haftbefehl.