Rechtsradikalismus Die Gleichgültigen von Potzlow

Marinus S. wurde gefoltert und umgebracht - es war der brutalste Mord, den deutsche Rechtsradikale seit Jahren begangen hatten. Doch noch beunruhigender als das Verbrechen waren die Reaktionen der Bevölkerung. Ein Kommentar von Annette Ramelsberger

Es war der brutalste Mord, den deutsche Rechtsradikale seit Jahren begangen hatten -- ein Mord, der die Republik für kurze Zeit aufrüttelte, weil er blitzlichtartig die Motive erhellte, warum rechte Jugendliche Menschen töten: aus Langeweile, aus Rohheit. Und weil es offenbar vielen Menschen egal ist, was vor ihrer Haustür passiert.

Drei rechtsradikale junge Männer folterten im Sommer 2002 einen gerade 16 Jahre alten deutschen Jungen, der ein bisschen stotterte und dessen Hosen ihnen nicht gefielen, bis er zugab, "ein Jude" zu sein -- obwohl er keiner war.

Danach wurde der Junge grausam getötet und in der Jauchegrube des brandenburgischen Dorfes Potzlow versenkt.

Noch beunruhigender als dieser Mord aber waren die Reaktionen: Da sprach ein Bürgermeister davon, so etwas komme in der Großstadt jede Woche vor. Da ließ man die Familie des Opfers links liegen und beschwerte sich, wenn Sozialarbeiter sich in die Angelegenheiten der Dorfjugend einmischten, die sich -- oft unter den Augen der Eltern -- um den Verstand säuft.

Das Verfahren gegen die drei Angeklagten offenbarte eine Verrohung, die weit über den Kreis der Täter hinausreichte. Nachbarn waren bei den Misshandlungen dabei und taten nichts.

Eltern hielten es noch nicht einmal für nötig, ihren Urlaub im Süden abzubrechen und ihren Kindern beizustehen. Ein Urteil -- so hofften viele -- müsste diese Menschen doch aufrütteln.

Verwirrendes Urteil

Doch das Urteil war verwirrend: Die drei Angeklagten wurden nicht wegen gemeinschaftlichen Mordes verurteilt, sondern nur der jüngste, der mit seinen Springerstiefeln auf den Kopf des Opfers gesprungen war.

Sein älterer Bruder wurde nur des Mordversuchs für schuldig befunden, der Dritte im Bunde durfte das Gefängnis sogar verlassen -- er habe nur schwere Körperverletzung begangen. Der Mann konnte es offensichtlich selbst nicht fassen.

Gegen ihn wird jetzt erneut verhandelt werden. Das hat der Bundesgerichtshof in Leipzig gestern entschieden, und aus diesem neuen Prozess wird der Mann vermutlich nicht in die Freiheit gehen.

Ein juristischer Fingerzeig, auch die generalpräventive, also abschreckende Wirkung von Urteilen zu beachten. Der BGH lenkt die Aufmerksamkeit aber auch auf ein verdrängtes gesellschaftliches Problem. Seit die Welle brutaler Morde an Ausländern abebbte, unter anderem wegen des Fahndungsdrucks, geht die Bundesrepublik wieder zur Tagesordnung über.

Doch die Rechtsradikalen bleiben ein Problem, gerade wenn man sie und ihre anhaltenden Taten nicht wahrhaben will. Das Wegsehen eröffnet den Extremisten Freiräume -- vor allem in den neuen Ländern.

Auf dem Land dort sind rechte Jugendliche nicht mehr die Ausnahme, sondern vielerorts die Regel. Andersdenkende arrangieren sich entweder mit ihnen oder bleiben isoliert. Auch das erklärt, warum der Mord von Potzlow lange unentdeckt blieb.

Rechtsradikalismus findet viel Akzeptanz

Überall in Ostdeutschland gibt es Zeichen, dass der Rechtsradikalismus immer noch viel Akzeptanz in der Bevölkerung findet. Für die NPD kandidieren Ärzte und Handwerker.

Auch in Potzlow regt sich niemand auf, wenn der Mann von der Feuerwehr in kurzer Hose und mit SS-Runen auf der Wade herummarschiert. Und längst schon sind die Braunen nicht nur tumb -- in Brandenburg wurde gerade ein Abiturient als Kopf einer rechten Bombenleger-Bande gefasst.

Vermutlich schaut man erst wieder in die braune Ecke, wenn bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg rechtsradikale Parteien viel stärker werden, als alle vermutet haben.

Die NPD hat sich seit dem gescheiterten Verbotsverfahren erholt. Vor zwei Wochen hat sie in Sachsen ein Politfest aus dem Boden gestampft, zu dem fast 7000 Menschen kamen -- jede Hartz-Demonstration mit 200 Leuten bekommt in Politik und Medien mehr Aufmerksamkeit.