Polizei in Rio de Janeiro Drei Opfer pro Tag

Kritik an der Polizei von Rio de Janeiro: In groß angelegten Razzien suchen die Beamten offiziell nach Drogenhändlern, in Wirklichkeit leiden darunter unschuldige Passanten.

Von Peter Burghardt

Wie es zugeht in den Hügeln von Rio de Janeiro, das ahnen Kinofreunde spätestens seit Brasiliens Erfolgsfilm; das schießwütige Werk "Tropa de Elite" (Elitetruppe) des Regisseurs José Padilha erzählt von der brutalen Spezialeinheit Bope, die anlässlich eines Papstbesuches unter vermeintlichen Delinquenten der zahllosen Armenviertel aufräumen soll.

Millionen Brasilianer sahen zu. Die Szenen von Folter und Tod sind für Zuschauer schwer erträglich, doch sie entsprechen ungefähr der grausigen Wirklichkeit in der Cidade Maravilhosa, der Wunderbaren Stadt. Jetzt, knapp zwei Wochen vor Beginn des weltberühmten Karnevals, wurde eine weitere Folge der realen Tragödie gemeldet: Bei einem Einsatz in Favelas im Westen der Hafenstadt töten Polizisten am Mittwoch zehn Menschen, unter ihnen zwei Minderjährige.

Wie üblich in solchen Fällen, gingen die Polizisten offiziell gegen Drogenhändler vor, in den Hunderten Slums von Rio blüht das Geschäft mit Kokain und Pillen. Auch Einwohner besserer Gegenden decken sich gerne dort ein.

Diesmal jagten die Einsatzkräfte offenbar zwei mächtige Anführer der Rauschgiftbanden, beide entkamen. Dafür streckte man während der Schießerei unter anderen einen 15-Jährigen und einen 16-Jährigen nieder. Alles Kriminelle, meldete die Polizei, wie gewohnt. Die Operation sei ein Erfolg gewesen. Eine unbeteiligte Frau wurde im Kugelhagel verletzt. Es traf sie eine sogenannte Bala Perdida, ein Querschläger, auch das ist eine ständige Gefahr.

Solche Dramen sind Routine im Schatten von Zuckerhut und Corcovado. Besonders vor Großereignissen wie eben den bunten Straßenfesten und Umzügen schwärmen die Kommandos aus, um Bevölkerung und Besuchern in Copacabana oder Ipanema ein trügerisches Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. "In Rio de Janeiro bringt die Polizei jeden Tag drei Menschen um", meldete kürzlich Philip Alston, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen.

Das wären ungefähr 1000 Polizeiopfer pro Jahr, insgesamt werden in Rio jährlich mehr als 5000 Morde gezählt. Vor kurzem feuerte ein Polizist 17 Mal auf ein Auto - hinter den Scheiben starb ein Kleinkind, die Mutter wurde verletzt. Der Beamte hatte das Fahrzeug verwechselt, ging aber zum Entsetzen der Beobachter straffrei aus.

Vor allem die groß angelegten Razzien würden Passanten sehr viel mehr schaden als den Kriminellen, klagte UN-Experte Alston. Bei der tagelangen Belagerung des Complexo do Alemao erschoss 2007 ein gigantisches Aufgebot von 1450 Polizisten 19 Verdächtige, fand jedoch nur ein paar Waffen und Drogen.

Die meisten dieser Reviere betritt die Staatsgewalt nur für solche Großeinsätze. Sonst bleiben die Favelas meistens sich selbst überlassen, ihren Rauschgiftgangs und Milizen. Menschenrechtler sprechen von regelrechten sozialen Säuberungen, geduldet von Politikern. Als Mahnmal steckte eine Initiative 700 Kreuze in den Sand der Strände, und im Dezember wies die Organisation "Rio de Paz" mit einem symbolischen Massengrab auf 9000 Verschwundene seit 2007 hin. "Da sterben arme Leute, die nicht zur Schule gehen", betonte der Aktivist Antonio Carlos Costa. "Wenn die Mittelklasse die Gewalt in solchen Proportionen erleiden würde, stünde Rio still."

Doch Rio ist lebendig wie immer, besonders natürlich im Karneval. Ein beliebtes Kostüm im vergangenen Jahr war übrigens die Uniform des Bope-Kommandanten Nascimento aus dem Film "Elitetruppe".