Kritik an der Polizei von Rio de Janeiro: In groß angelegten Razzien suchen die Beamten offiziell nach Drogenhändlern, in Wirklichkeit leiden darunter unschuldige Passanten.
Wie es zugeht in den Hügeln von Rio de Janeiro, das ahnen Kinofreunde spätestens seit Brasiliens Erfolgsfilm; das schießwütige Werk "Tropa de Elite" (Elitetruppe) des Regisseurs José Padilha erzählt von der brutalen Spezialeinheit Bope, die anlässlich eines Papstbesuches unter vermeintlichen Delinquenten der zahllosen Armenviertel aufräumen soll.
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Brasilianische Polizisten in den Favelas von Rio: Offiziell gehen sie gegen Drogenhändler vor. (© Foto: AFP)
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Millionen Brasilianer sahen zu. Die Szenen von Folter und Tod sind für Zuschauer schwer erträglich, doch sie entsprechen ungefähr der grausigen Wirklichkeit in der Cidade Maravilhosa, der Wunderbaren Stadt. Jetzt, knapp zwei Wochen vor Beginn des weltberühmten Karnevals, wurde eine weitere Folge der realen Tragödie gemeldet: Bei einem Einsatz in Favelas im Westen der Hafenstadt töten Polizisten am Mittwoch zehn Menschen, unter ihnen zwei Minderjährige.
Wie üblich in solchen Fällen, gingen die Polizisten offiziell gegen Drogenhändler vor, in den Hunderten Slums von Rio blüht das Geschäft mit Kokain und Pillen. Auch Einwohner besserer Gegenden decken sich gerne dort ein.
Diesmal jagten die Einsatzkräfte offenbar zwei mächtige Anführer der Rauschgiftbanden, beide entkamen. Dafür streckte man während der Schießerei unter anderen einen 15-Jährigen und einen 16-Jährigen nieder. Alles Kriminelle, meldete die Polizei, wie gewohnt. Die Operation sei ein Erfolg gewesen. Eine unbeteiligte Frau wurde im Kugelhagel verletzt. Es traf sie eine sogenannte Bala Perdida, ein Querschläger, auch das ist eine ständige Gefahr.
Solche Dramen sind Routine im Schatten von Zuckerhut und Corcovado. Besonders vor Großereignissen wie eben den bunten Straßenfesten und Umzügen schwärmen die Kommandos aus, um Bevölkerung und Besuchern in Copacabana oder Ipanema ein trügerisches Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. "In Rio de Janeiro bringt die Polizei jeden Tag drei Menschen um", meldete kürzlich Philip Alston, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen.
Das wären ungefähr 1000 Polizeiopfer pro Jahr, insgesamt werden in Rio jährlich mehr als 5000 Morde gezählt. Vor kurzem feuerte ein Polizist 17 Mal auf ein Auto - hinter den Scheiben starb ein Kleinkind, die Mutter wurde verletzt. Der Beamte hatte das Fahrzeug verwechselt, ging aber zum Entsetzen der Beobachter straffrei aus.
Vor allem die groß angelegten Razzien würden Passanten sehr viel mehr schaden als den Kriminellen, klagte UN-Experte Alston. Bei der tagelangen Belagerung des Complexo do Alemao erschoss 2007 ein gigantisches Aufgebot von 1450 Polizisten 19 Verdächtige, fand jedoch nur ein paar Waffen und Drogen.
Die meisten dieser Reviere betritt die Staatsgewalt nur für solche Großeinsätze. Sonst bleiben die Favelas meistens sich selbst überlassen, ihren Rauschgiftgangs und Milizen. Menschenrechtler sprechen von regelrechten sozialen Säuberungen, geduldet von Politikern. Als Mahnmal steckte eine Initiative 700 Kreuze in den Sand der Strände, und im Dezember wies die Organisation "Rio de Paz" mit einem symbolischen Massengrab auf 9000 Verschwundene seit 2007 hin. "Da sterben arme Leute, die nicht zur Schule gehen", betonte der Aktivist Antonio Carlos Costa. "Wenn die Mittelklasse die Gewalt in solchen Proportionen erleiden würde, stünde Rio still."
Doch Rio ist lebendig wie immer, besonders natürlich im Karneval. Ein beliebtes Kostüm im vergangenen Jahr war übrigens die Uniform des Bope-Kommandanten Nascimento aus dem Film "Elitetruppe".
Schauspieler David Kross über Talent, kreischende Schwedinnen, die Arbeit mit Steven Spielberg und seinen Karrierestart im Weihnachtsmärchen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 06.02.2009/cag)
Pop-Diva stirbt mit 48 Jahren
...unschuldige Passanten...
...so wie dieser "unschuldige Passant" damals in Hannover, der nach seiner 60. vorläufigen Festnahme (sechzigste!!!! ) in seinen Asylbewerber-Ausweis den Vermerk hineingeschrieben bekam: Rauschgifthändler aus dem Senegal. Der dies schreibende Polizeibeamte wurde schwer bestraft und vom Dienst suspensiert, der "unschuldige Passant" handelt weiter mit Rauschgift.
Auch wenn Sie von "hier" schreiben, so scheinen Sie doch wenig Einblick in die Realitäten Rios zu haben. In den Favelas (ohne H) können die meisten ohne Drogen und Prostitution leben. Wo glauben Sie denn, dass die Empregada oder der Porteiro oder der ganze Rest der ehrlich arbeitenden Bevölkerung Rios lebt? Woher Sie den Schluß ziehen, vom "Carnevals- und Copacabanatourismus lebt die ganze Stadt", frage ich mich ehrlich gesagt auch. Recht haben Sie dagegen mit Ihrer These der korrumpierten Stadt. Aber es sind nicht die "crackdichten" Kinder, sondern weite Kreise der brasilianischen Elite (und nicht eine "kleine Gruppe", wie Sie meinen) die das Sytem aus Armut und Gewalt am Leben halten, weil ihr Reichtum auf der Armut der Mehrheit fußt. Und es ist auch die Elite, die es sich leisten kann Gesetze mit den Füßen zu treten. Gehen Sie doch mal auf eine Party in Barra da Tijuca. Dort wird mit einer Selbstverständlichkeit gekokst, die sie in der Rocinha oder Cidade de Deus vergeblich suchen.
P.S.: Die Forca Nacional als "positive Präsenz des Staates" zu bezeichnen ist ja wohl Zynismus pur. Da würde ich als Favela-Bewohner auch das Comando Vermelho vorziehen.
Wenn der im Artikel beschriebene Beamte, der auf das Auto mit der Frau und dem Kleinkind gefeuert hat, das fahrzeug tatsaechlich verwechselt hat, dann waere er auch bei uns straffrei ausgegangen: Fuehlt er sich (oder Kollegen oder Passanten) subjektiv von dem Fahrzeug bedroht und ist die Verwechlung sowie die Bedrohung objektiv nachvollziehbar, so trifft den Schuetzen strafrechtlich gesehen keine Schuld. Natuerlich ist es fraglich, ob dem denn so gewesen ist - ich denke nur, die SZ macht es sich hier etwas einfach, wenn sie ueber keinerlei Hintergruende berichtet und in ihrer Darstellungsweise sugeriert, der Polizist sei einfach nur schiesswuetig gewesen und die Offiziellen wuerden einen Mord decken.
Denn man muss auch mal die andere Seite sehen: Die Polizisten bringen mit ihrem Gehalt so grade eben ihre Familien durch und riskieren dafuer staendig, entweder bei Einsaetzen getoetet zu werden - oder in den letzten Jahren auch Anschlaegen zum Opfer zu fallen (die Mafia toetet dort, aehnlich wie in Mexiko, immer wieder eine Reihe wahllos ausgesuchter Polizisten innerhalb kurzer Zeit, etwa an einem Wochenende, um der regierung den Kampf anzusagen). Wenn diese Polizisten dann dazu uebergehen, im Zweifel eben doch erst zu schiessen und dann zu fragen, dann mag das falsch sein und zu schrecklichen Vorfaellen fuehren - aber aus Sicht des Polizeibeamten, der dort auf Razzia ist, ist es nur zu verstaendlich. Auch wenn das einige von ihrem sicheren deutschen Schreibtisch aus hier wahrscheinlich gaaaanz anders sehen werden und viiiieeel besser machen wuerden...
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.... leider greift der Artickel ein wenig zu kurz. Beispielsweise wird der Film Tropa de Elite hier ganz anders gesehen, und zwar in bester "law and order" - Manier, nach dem Motto, jetzt wird aufgeräumt. So wird die Titelmusik jedesmal abgespielt wenn die Polizei dort ausrückt. Und diesem Propagandewerk entsprechend wird agiert.
So unschuldig sind die sogenannten Passanten nicht, wenn man überhaupt eine Schuldfrage stellen kann. In den Favelhas dort gibt es leider Gottes nur die Möglichkeit mit Drogen und Prostitution zu überleben. Und von diesem Carnevals- und Copacabanatourismus lebt die ganze Stadt. Dementsprechend korrumpiert ist die ganze Stadt. Ergo sind diese Favelhas vom Kleinkind bis zur Großmuttr durchorganisiert. Und wenn man vor etwas wirklich Angst haben muss in Braislien, dann sind es Crackdichte Kinder, leider ist das so.
Hoffnung gibt es dennoch, so war es erst letztes jahr möglich endlich auch in den Favelhas freie und faire Wahlen abzuhalten, dank der Besetzung jener viertel durch die Forca Nacional (eine eigentlich eigens für korrupte, bürgerkriegsähnliche Provinzen wie diese gegründete Bundeseinheit Brasiliens). Obhl wiederum ein korrupter Prefekt gewählt worden ist, sind erstmals dennoch in unteren Ebenen wirkliche Vertreter gewählt worden. Mehr noch, eben jene Forca Nacional führte zeitgleich medizinische Fürsorgen durch, renovierte das was noch von einigen schulen übrig war, uvm.Alles in allem entsprach das ganze endlich mal eien positivve Präsenz des Staates.
Auch die neuen Pläne mit Verkehrsanbindungen zu den teils auf unwegsamen Hängen angesiedelten Armenvierteln (sogar Gondelbahnen sind geplant) holen die Bevölkrung vielleicht wieder zurück in einen regulären Wirtschaftskreislauf.
Dennoch, solange eine kleine Gruppe der elitären Cariocas dort ihr Geld im horizontalem und Drogengewerbe verdient, was ja zur Zeit ja auch eine ehemaliger "Richter Gnadenlos" in vollen Zügen genießt, werden alle Anstrengungen der Zentralregierung nicht fruchten. wird ein Spass 2014
Paging