Mangels Fakten hat die große Stunde der -ologen diverser Fachrichtungen geschlagen: Nach dem Amoklauf sind Erklärungen des Unerklärlichen gefragt - mögen sie auch falsch sein.
Wer Polizei und Staatsanwaltschaft in Baden-Württemberg nun für ihre Ermittlungspanne kritisiert, der sollte sich vor Augen halten, unter welch unglaublichem Druck sie stehen. Seit der 17-jährige Tim K. am Mittwoch 15 Menschen und am Ende sich selbst erschossen hat, beschäftigt sich das ganze Land anscheinend nur noch mit einer einzigen Frage: Warum hat er das getan?
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Albertville-Realschule in Winnenden: Die Tat bleibt unbegreiflich. (© Foto: Getty Images)
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Die Versuchung, darauf gleichermaßen vorschnelle wie einfache Antworten zu präsentieren, ist groß. Auch Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech ist ihr erlegen, weshalb er den Medien einen gefälschten Interneteintrag als vermeintliche Ankündigung der Bluttat präsentierte. Das ist allemal grob fahrlässig und schädigt das Vertrauen in die bisher so hervorragende Arbeit der Polizei. Nur weil die Beamten am Mittwoch sofort eingriffen und dabei ihr eigenes Leben riskierten, konnte der Tod von noch mehr Menschen verhindert werden.
Aber die von Hast und schnellen Schlüssen geprägte Informationspolitik passt zur Art und Weise, wie seit Mittwoch mit dem Amoklauf von Winnenden umgegangen wird.
Über den Täter und seine Familie ist noch immer so gut wie nichts bekannt, was irgendwelche Hinweise auf sein Motiv geben könnte: Tim K. soll an Depressionen gelitten haben - wie Millionen andere Menschen auch. Einen Abschiedsbrief hat er allem Anschein nach nicht hinterlassen. Sein Vater bewahrte die Pistole anscheinend ungesichert im Schlafzimmer auf. Der Ablauf der Tat ist minutiös dokumentiert. Doch erklärt das auch nur ansatzweise den tödlichen Hass eines pubertierenden Jungen auf sich und andere?
Mangels Fakten hat nun die große Stunde der -ologen diverser Fachrichtungen geschlagen - der Psychologen und Kriminologen, der Talkshow-Experten, Sterndeuter und Konsequenzenforderer. Seit Mittwoch verbreiten sie auf allen Kanälen pausenlos ihre Mutmaßungen über den Täter und dessen Beweggründe. Vielleicht war ja der Vater schuld, oder waren es die Klassenkameraden, die ihn gehänselt haben? War es die Schule? Hatte er ein Problem mit Mädchen? Oder trägt doch die gesamte Gesellschaft Verantwortung, so roh und unmenschlich, wie sie angeblich geworden ist?
Weil die Staatsanwaltschaft und Polizei noch am Anfang der Ermittlungen stehen und Geduld nicht unbedingt zu den Tugenden dieser Zeit zählt, wird also weiter über die Tatmotive spekuliert - auch von all den Journalisten, die immer noch zu Hunderten aus Winnenden und Umgebung berichten. Sie bewegen sich in diesen Tagen zwangsweise auf einem schmalen Grat zwischen ihrem Informationsauftrag, menschlicher Anteilnahme und Voyeurismus.
Kein Wunder, dass den Medien aus der Bevölkerung mittlerweile Ablehnung und Misstrauen entgegenschlägt: Noch sind die Toten des Amoklaufs nicht beerdigt, da haben sich schon die journalistischen Klinkenputzer in die Kleinstadt aufgemacht, auf der Suche nach den Angehörigen und Fotos. Oft sind es nur Wichtigtuer und Denunzianten, die dann vor Kameras posieren oder in Notizblöcke diktieren, was sie zu wissen glauben über den Hergang und die Hintergründe des Amoklaufs.
Das Dumme nur dabei ist: All die Küchenpsychologen auf den Straßen und in den Talkshows, die nun Vermutungen anstellen, haben weder den Täter noch seine Familie gekannt. Vielleicht werden Kripo und Staatsanwaltschaft in einigen Monaten in der Lage sein, ein einigermaßen stimmiges Bild von Tim zu rekonstruieren, mit Hilfe seiner Eltern, ehemaliger Freunde, der Therapeuten, die ihn wegen seiner Depressionen behandelten. Doch auch ein noch so genaues Psychogramm des Täters und seines Umfelds wird letztlich nicht erklären können, warum er am Mittwoch mit der Pistole seines Vaters zum Morden loszog. Die Tat bleibt unbegreiflich. Auch wenn das nur schwer auszuhalten ist.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 14.03.2009/grc)
Bundespräsident Gauck in Israel
Waffen und Schützenvereine, Hauptthema der Erklärer und Verschärfer, gab es schon früher als in diesem Jhrtehnt. Aber es ist dieses jahrzehnt, in dem nun schon drei Mal Amokläufe stattfanden. Waffen sind es NICHT. TV gab es früher auch schon.
Ein junger Kerl, der UNZURECHNUNGFÄHIG war, darum geht es. Und der anscheinend - so das Video - dennoch büssen musste, ohne gerichtsverfahren. Kurzer Prozess auf dem Parkplatz nach der Grams-Methode. Man erschiest nicht ungestraft Polizisten oder ihre frauen. Es wird da noch etwas mehr zu untersuchen geben.
man kann getrost davon ausgehen, dass die sogenannten Ermittler der Wahrheit über Ursache und Ziel der Tat nicht auf die Spur kommen werden. Dieser Schrecken ist ein Phänomen unserer Zeit und auf konventionellem Wege nicht entschlüsselbar. Aber solche Taten passieren notwendig und sind auch mit einem ausgeklügelten System nicht verhinderbar.
Es kommt jetzt darauf an, innere Einkehr zu halten, mit den Toten (auch dem Täter) in Gemeinschaft zu treten. So wird man ihnen gerecht.
Aufgabe der Medien ist es, diese Pietät bescheiden und schlicht zu unterstützen oder einfach nur zuzulassen.
Eigentlich sollte die Frage umformuliert werden: warum haben wir das getan.
Den bisher besten Erklärungsversuch für Taten wie die besagte habe ich bisher gefunden in: Hans Magnus Enzensberger, "Schreckensmänner: Versuch über den radikalen Verlierer".
(Habe übrigens finanziell nichts davon, diesen Lesetipp weiterzugeben ;-)
Finde nur, dass das kleine Büchlein das Thema umfassend und - im Gegensatz zu diversen Medien - unaufgeregt behandelt.
Eine Gesellschaft die das natürliche Leben am Anfang und am Ende immer weniger schätzt/schützt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es immer mehr Menschen in dieser Gesellschaft gibt, die das Leben dazwischen auch nicht schätzen.
Paging