Muslimische Frauen Die Unberührbaren

Leben im Dilemma: Der Zwang zur Enthaltsamkeit stellt muslimische Frauen vor große Probleme. Und wenn sie sich sexuelle Freiheiten nehmen, zahlen sie dafür oft einen hohen Preis.

Von Cathrin Kahlweit

Sie sei nicht die Anführerin einer Bewegung, sie wolle nur, dass man sie in Ruhe lasse. So äußerte sich vor ein paar Tagen, ratlos und empört, die französische Muslimin, deren Schicksal im Mai Schlagzeilen gemacht hatte. Die Krankenschwester aus Lille, die einen zum Islam übergetretenen Ingenieur geheiratet hatte, war noch in der Hochzeitsnacht von ihrem Mann hinausgeworfen und der "Familie zurückgegeben", die Ehe auf Drängen des Gatten vom Landgericht Lille annuliert worden.

Der Grund: Die Braut war, anders als sie es ihrem Mann versprochen hatte, keine Jungfrau mehr. Der archaische Test - Blut auf dem Bettlaken -, der bis heute in vielen islamischen Ländern als Beweis für die Unberührtheit der Braut herhalten muss, war fehlgeschlagen.

Über Jahrhunderte hinweg war dieses Ritual auch in der christlichen Kultur weit verbreitet; und wenn sich herausstellte, dass eine Braut keine Jungfrau mehr war, wurde sie bisweilen zur Strafe statt mit einem Jungfernschmuck aus Myrten mit einem Kranz aus Stroh vor den Altar geschickt. Bis in die frühen siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war zudem in Deutschland die Jungfräulichkeit vor der Ehe rechtlich geschützt: Männer, die eine Frau deflorierten, diese aber dann nicht heirateten, hatten laut Paragraph 1300 BGB ein sogenanntes Kranzgeld zu zahlen. Doch das ist Geschichte.

"Wie ein gebrauchter Gegenstand"

Im islamischen Kulturkreis hingegen sind es bis heute die jungen Frauen allein, die einen hohen Preis zahlen, wenn sich herausstellt, dass sie sich jene sexuellen Freiheiten zu nehmen wagen, die muslimischen Männern zugestanden werden. Ayaan Hirsi Ali, niederländische Autorin und Politikerin, nennt das Leben junger Musliminnen einen "Jungfrauenkäfig".

Eine Frau mit einem beschädigten Jungfernhäutchen sei "wie ein gebrauchter Gegenstand", schreibt die gebürtige Somalierin in ihrem Buch "Ich klage an". Eine Muslimin, die vorehelichen Sex hatte, werde diskriminiert, bestraft, zwangsverheiratet; ihre Familie gelte als entehrt. Ayaan Hirsi Ali verweist auf eine Untersuchung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2003, nach der alljährlich etwa 5000 junge Frauen ermordet würden, weil sie für die Familie "wertlos" geworden seien.

Offenbar deswegen hatte Frankreichs Justizministerin Rachida Dati, ebenfalls Muslimin, zunächst gesagt, dass die Annulierung der Ehe von Lille "im Interesse der Frau" gewesen sei - besser, so lässt sich das interpretieren, die Frau werde schnell in ihr eigenes Leben zurückgeschickt, als sich von ihrem Mann und dessen Familie demütigen lassen zu müssen. Das Gerichtsurteil, das in Frankreich bis ins Parlament empörte Debatten auslöste, wird nun auf Weisung der Justizministerin von den Behörden überprüft.

Der Fall aus Lille habe, wie eine Pariserin aus Marokko der New York Times berichtet, die Bedeutung der Virginität für Muslime auch in einem modernen Land wie Frankreich auf dramatische Weise deutlich gemacht: "Ich hatte schreckliche Angst, man könnte so über mich reden wie über diese Frau." Die Pariserin sollte der Familie ihres zukünftigen Mannes eine Jungfräulichkeitsbescheinigung präsentieren - und hätte das nicht gekonnt. Also ließ sie sich operieren und das Hymen instand setzen. Heimlich, natürlich.

Auch in Deutschland befinden sich viele muslimische Frauen in einem quälenden Dilemma zwischen der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und dem Respekt vor den archaischen Regeln einer patriarchalischen Tradition. Zwar gibt es, wie der Imam der islamischen Gemeinde im oberbayerischen Penzberg, Benjamin Idriz, erläutert, im Koran keine explizite Vorschrift, die besagen würde, eine Frau müsse unberührt in die Ehe geben.

Gleichwohl sei dieses Diktum Teil der Kultur; "gläubige muslimische Männer wollen eben eine Jungfrau haben". Idriz, der als Liberaler unter Deutschlans Imamen gilt, findet das "diskriminierend, weil Männer absolute Freiheit haben, während Mädchen jede Freiheit genommen wird".

Jungfernhäutchen reparieren lassen

In der Anonymität des Internets wird derweil heftig diskutiert, wie mit dem Zwang zur Unberührtheit umzugehen sei. Von tagesschau.de über Algerien-Forum bis zu Yahoo.Clever sind die Blog-Einträge, indes vor allem pragmatischer Natur: Wo kann ich mir mein Jungfernhäutchen reparieren lassen, damit mein Freund oder Mann nichts merkt?

Die Hamburger Ärztin Salika Akalin behandelt in ihrer Praxis im Stadtteil Altona vor allem Türkinnen. Viele erzählen nur zögernd von ihren Konflikten - sollen sie dem Mann nachgeben, der sie zum Sex drängt, sie aber eine Hure nennen könnte, wenn sie es tun? Wie können sie ihre Lust befriedigen, ohne ihren Ruf zu ruinieren?

Salika Akalin enthält sich einer moralischen Bewertung und überlässt den Mädchen selbst, ob sie lügen, schweigen, schummeln - oder enthaltsam leben wollen. "Das muss jede Frau für sich entscheiden. Ich helfe, wenn meine Patientinnen Hilfe brauchen." Zum Glück, sagt sie, kenne sie eine Reihe von Frauenärzten, welche die Jungfräulichkeitsbescheinigung auch dann ausstellten, wenn ihre Patientin Sex vor der Ehe hatte. "Viele tun das selbst dann, wenn die misstrauische Mutter im Wartezimmer sitzt. Die geht dann nach Hause und ist glücklich, weil sie glaubt, ihre Tochter als Jungfrau weiterverkaufen zu können."