Mafia in Deutschland Absatzmarkt und Ruheraum

Seit den Morden von Duisburg wird der 'Ndrangheta in Deutschland mehr Aufmerksamkeit gewidmet - dabei operiert die Mafia aus Kalabrien hier schon seit vielen Jahren.

Von Hans Leyendecker

Die Camorra in Neapel und die Cosa Nostra in Sizilien sind zweifelsohne die bekanntesten europäischen Verbrechersyndikate. Vergleichsweise unbekannt blieb lange die 'Ndrangheta. Erst seit den Schüssen von Duisburg wird der Organisation in Deutschland mehr Aufmerksamkeit gewidmet.

Seit den Schüssen von Duisburg wird der 'Ndrangheta auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Das Archivbild zeigt den Tatort in Duisburg im Jahr 2007

(Foto: Foto: dpa)

Dabei hat die Mafia aus Kalabrien schon seit vielen Jahren Filialen in Deutschland. In den achtziger Jahren verschoben ihre Banden in Deutschland bevorzugt Luxuslimousinen und betrieben Geldwäsche in großem Stil, was damals in der Bundesrepublik noch nicht strafbar war. Die Clans legten Geld an, das vorzugsweise aus dem Waffenhandel oder aus Entführungen stammte.

Bereits Anfang der neunziger Jahre kam das Bundeskriminalamt (BKA) zu dem Ergebnis, dass sich die kalabrischen Clans in Deutschland "mit verschiedenen Ablegern in steigender Tendenz" ausdehnten. Diese Entwicklung hat sich noch verstärkt, seit die Organisation einen ihrer Geschäftszweige stark ausgebaut hat. Seit geraumer Zeit gilt sie als die Nummer eins der italienischen Mafia im internationalen Rauschgiftgeschäft. Längst hat sie den Vorrang der Cosa Nostra auf diesem Gebiet beendet.

Nach Schätzungen des Forschungsinstituts Eurispes liegt der Jahresumsatz der 'Ndrangheta bei 44 Milliarden Euro. Das Syndikat, dessen Mitglieder tief in den Dörfern Kalabriens verankert sind, operiert global und pflegt privilegierte Beziehungen zu den Drogenkartellen in Kolumbien und Peru. Deutschland ist ein Absatzmarkt für Rauschgift, Ruheraum für flüchtige Killer und immer noch ein Platz zum Geldwaschen.

Anders als andere Mafia-Clans ist die 'Ndrangheta nicht hierarchisch, sondern zellenartig organisiert. Das erschwert die Arbeit der Ermittler. Nach ihren Feststellungen hat die Organisation, die besonders stark in den neuen Bundesländern verankert ist, ihre Territorien auch in Deutschland abgesteckt. Stützpunkte sind Lokale, Baubetriebe und Reisebüros. Wie ein kaum sichtbares Pilzgeflecht durchzieht diese Industrie des Verbrechens die Gesellschaft.

Nach der Wiedervereinigung soll die 'Ndrangheta viel Geld bei Immobilienspekulationen im deutschen Osten verloren haben. Da die Clans kräftig an der Börse investiert haben, gilt es als wahrscheinlich, dass auch sie Verlierer der Finanzkrise sind.

In den vergangenen Jahren ist die 'Ndrangheta ein wenig aus dem Blick der Ermittler geraten. Seit 2001 ist die Zahl der Beamten zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität (OK) stark rückläufig. Im Jahr 2000 waren es noch mehr als 3000 Beamte, vier Jahre darauf nur noch 2500. Insbesondere beim BKA wurden nach den Anschlägen des 11. September viele OK-Beamte abgezogen und zum Staatsschutz versetzt.

Italienische Ermittler sagen, dass die 'Ndrangheta in Deutschland - wie in der Heimat - Einfluss auf Politik, Verwaltung, Justiz und Wirtschaft nehme. Deutsche Fahnder hingegen bezweifeln, dass die Clans hier tatsächlich so weit vorgedrungen sind.