Mafia Die gute Seite des Bösen

Italien lässt konfiszierte Güter inhaftierter Mafiosi in soziale Einrichtungen umwandeln, 55 Projekte sind geplant. Doch die Mafia sieht nicht tatenlos zu.

Von Julius Müller-Meiningen

Walter Schiavone hatte sich das Ende seines ganz persönlichen Films anders vorgestellt. Der Camorra-Boss ließ sich in Casal di Principe, einem kleinen Städtchen in Kampanien, originalgetreu die Luxusvilla des Groß-Dealers Tony Montana aus dem Film "Scarface" nachbauen. Der von Al Pacino gespielte Montana starb im Kugelhagel seiner Feinde.

Die Villa von Walter Schiavone, die einer Filmkulisse nachempfunden ist. Nun zieht hier ein Reha-Zentrum für Behinderte ein.

(Foto: Foto: SZ)

Den echten Paten Schiavone schnappte vor acht Jahren die Polizei, als er über die Gartenmauer springen wollte. Nun will der italienische Staat auf dem konfiszierten Grundstück ein Rehabilitationszentrum für Behinderte bauen. Die Eröffnung ist für das kommende Jahr geplant.

In diesen Tagen haben Architekten der Universität Neapel die Planungen für den Umbau der Scarface-Villa fertiggestellt. Das Projekt ist Teil des stillen Kampfes der süditalienischen Region Kampanien gegen die Übermacht der Camorra.

Das was die Verbrecherorganisation mit ihren illegalen Geschäften an Reichtümern hortet, soll den Menschen in Kampanien zurückgegeben werden. "Es ist von großer symbolischer Bedeutung, dass ein Ort, an dem Böses geschah und der mit illegal erworbenem Geld bebaut wurde, jetzt einem sozialen Zweck gewidmet wird", sagt Giovanni Allucci von der Organisation Agrorinasce.

Die Vereinigung, die in sechs Gemeinden der von der Camorra beherrschten Gegend um Caserta im Norden Neapels vertreten ist, koordiniert den Umbau von 15 konfiszierten Gütern eingesperrter Camorristi. Die Regionalverwaltung finanziert den Umbau der Scarface-Villa mit 1,5 Millionen Euro. Insgesamt verwaltet der Staat in ganz Kampanien etwa 650 beschlagnahmte Villen, Wohnungen, Garagen oder Ländereien, 55 soziale Projekte sind in der Region im Aufbau. In Palermo oder Corleone auf Sizilien gibt es ähnliche Initiativen.

Nach einem Gesetz von 1996 geht das Eigentum zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilter Mafiosi an die Gemeinden über. Seit 2004 steuerte das Innenministerium etwa fünf Millionen Euro an Zuschüssen für den Aufbau verschiedener Projekte bei: Die Organisation Agrorinasce hat sein Büro im Anwesen eines ehemaligen Verbrechers.

"Die Mafia macht man kaputt, indem man ihre Schätze zerstört"

In der Casaleser Villa des berüchtigten Camorrista Mario Caterino ist ein Betreuungsheim für Behinderte im Aufbau. Auf dem Landgut des Zaza-Clans in Castel Volturno ist ein Erlebnis-Bauernhof, auf dem Grundbesitz der Magliulos in Teano wird ein Sportplatz geplant, an anderen Orten sollen Frauenhäuser, Jugendbetreuungseinrichtungen, Ökogärten, Therapiezentren und sogar eine Mozzarella-Fabrik entstehen. "Die Mafia macht man kaputt, indem man ihre Schätze zerstört", glaubt Enrico Tedesco, der bei der Regionalverwaltung die konfiszierten Güter betreut.

Doch Hindernisse gibt es genug. Das größte Problem, meint Tedesco, sei die Zeit. Es vergehen bis zu zehn Jahre zwischen Konfiszierung und öffentlicher Nutzung.

Inzwischen demonstriert die Camorra weiter ihre Macht. Schiavones Villa wurde verwüstet und in Brand gesteckt, Fenster und Türen sind herausgebrochen. Dass seit einiger Zeit auch das Projektschild am Haus fehlt, scheint nur eine Fußnote zu sein. Aber auch sie hat Symbolcharakter: Wir sind noch da und bestimmen, wo es langgeht - diesem Credo wollten die Diebe mit dem Entfernen des Schildes wohl Nachdruck verleihen.

Tatsächlich ist die Machtfülle der Casalesi, der Camorra aus Casal di Principe, enorm. Auch nach dem 2006 abgeschlossenen Prozess gegen 140 Beschuldigte, der den Einfluss vor allem auf das nationale Baugeschäft offenlegte, ist die Camorra in Kampanien präsent wie zuvor.

Die Organisation profitiert von Drogenhandel und Markenpiraterie und vom Geschäft mit der illegalen Müllentsorgung. Dass in und um Neapel seit Monaten chaotische Zustände herrschen, weil die Menschen ihren Abfall auf den Straßen deponieren, passt ins Konzept. Im Herbst 2006 verunsicherten zudem blutige Bandenkriege in Neapel die Bevölkerung.

Eines der größten Probleme aber bleibt die enge Verbindung vieler Bürger zu den Camorra-Familien. "Wir haben viele beschlagnahmte Wohnungen. Aber drüber oder drunter wohnen immer noch Camorristi oder Verwandte von ihnen", sagt Tedesco.

Damit die Camorra nicht durch die Hintertür an ihre Güter kommt, werden die Mitarbeiter der Baufirmen angeblich streng kontrolliert. Doch darüber, ob der stille Kampf und die Rückgabe des Mafia-Eigentums an die Bürger gelingt, wird die Bevölkerung selbst entscheiden. Mit Neugier und Skepsis würde der Aufbau der sozialen Projekte verfolgt, beobachtet Tedesco. Doch das bei den Italienern sowieso schon geringe Vertrauen in den Staat geht in Kampanien gegen null. Giovanni Tedesco sagt: "Die Menschen hier wurden einfach zu oft enttäuscht."