Lebenserwartung Wermutstropfen

SZ-Grafik; Quelle: Rosstat

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Die Russen werden immer älter, doch die Männer sterben weiter deutlich früher als die Frauen. Das hat natürlich auch mit Wodka zu tun. Der russische Landwirtschaftsminister rät deshalb: Einfach mehr Wein trinken.

Von Frank Nienhuysen

Der Leichnam liegt nur wenige Meter vom Seeufer entfernt im Wasser, die Retter, die keine mehr sein können, schippern mit ihrem grauen Schlauchboot dicht an ihm vorbei. Für sie ist alles getan. Die Suche ist beendet. Sieben Tote, vier Menschen gerettet, Russland hat gerade mal wieder eine stille Tragödie erlebt, am Ural, in einem See bei Tscheljabinsk. In einem kurzen Film, der in russischen Medien gezeigt wurde, unterlegt mit trauriger Klaviermusik, ist der klare Sommerhimmel zu sehen, das trübe Wasser, und Helfer, die sich zu fragen scheinen: Warum?

Es war ein spontaner Ausflug mit einem winzigen Boot, neun Menschen, die meisten von ihnen Kinder, drängten sich auf wenig Platz, als alle sich gleichzeitig Richtung Heck bewegten, kippte das Boot. Zwei Männer sprangen vom Ufer ins Wasser und wollten helfen. Warum sie ertranken, war zunächst unklar. Aber so viel sickerte durch: Das Boot war überfüllt, es war nicht registriert, niemand trug Schwimmwesten, und die Erwachsenen seien in einem "nichtnüchternen Zustand" gewesen.

Die Tragödie wird sich irgendwann in einer Statistik wiederfinden, und die Frage ist, wie viele Opfer unter der Todesart Alkohol erfasst werden und welche unter Ertrinken. Beide gehören laut einer Untersuchung der Website worldlifeexpectancy.com, die sich auf die Weltgesundheitsorganisation beruft, zu den 20 häufigsten Todesursachen in Russland.

Alkohol, Ertrinken, dazu Gewalt, Selbstmord, Verkehrsunfälle, die meisten dieser tragischen Umstände tauchen in den Todesbilanzen anderer europäischer Länder nicht auf, nicht so weit vorn jedenfalls, weshalb die Lebenserwartung in Russland zwei Besonderheiten umfasst: Sie ist deutlich niedriger als im übrigen Europa, weltweit sogar nicht mal in den Top 100. Und: Männer sterben durchschnittlich um so viele Jahre früher als Frauen wie in kaum einem anderen Land, um mehr als zehn Jahre. Die spektakulären Autocrashs etwa, aufgezeichnet von Dashcams und in Endlosschleife im deutschen Nischenfernsehen gezeigt, lassen ahnen, wie viel Testosteron auf den Straßen im Spiel ist. Und doch freut sich Russland dieser Tage über einen positiven Rekord.

40 Prozent aller Todesfälle im arbeitsfähigen Alter hängen mit Alkohol zusammen

Noch nie ist die Lebenserwartung für Russinen und Russen so hoch gewesen, vor allem in Moskau und den weitgehend abstinenten muslimischen Kaukasusrepubliken. Wer im vergangenen Jahr geboren wurde, kann mit einer Lebensspanne von gut 77 Jahren rechnen - wenn es denn ein Mädchen ist. Russischen Jungs werden 66,5 Jahre vorhergesagt. Macht für beide Geschlechter im Schnitt 71,87 Jahre. Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew hat dem Gesundheitsministerium sogar angeordnet, dafür zu sorgen, dass der Wert im Jahr 2025 mindestens bei 76 Jahren liegt. Das Land will endlich aufholen. In Albanien liegt der Wert schon bei 78, in Belgien und Deutschland sind es 81 Jahre, in Japan 84.

Nach der Umbruchphase in den Neunzigerjahren, als Geld überall fehlte, wächst auch in Russland der medizinische Fortschritt. Seit einigen Jahren wird sogar das extrem weit verbreitete Rauchen per Verboten eingeschränkt.

So gesehen leben Russen immer gesünder und immer länger. Und das gibt es natürlich auch: Männer wie den Schriftsteller Daniil Granin, der vorige Woche mit 98 Jahren starb. Vor allem in den Provinzen aber sind späte Tode noch ein seltenes Ereignis. In einigen fernöstlichen Gebieten werden Männer trotz des Anstiegs statistisch nicht einmal 60 Jahre alt. Der abstinente, sportelnde Präsident Putin sprach im Frühjahr von "vielen ungelösten Problemen", von zu wenigen Ärzten, schwer erreichbaren Spezialisten, zu langen Wartezeiten, zu viel Bürokratie. Und zu viel Missbrauch, der die Statistik trübt, gibt es auch.

"Russen gehen rücksichtslos mit ihrer Gesundheit um, Trinken ist dabei ein relevantes Problem", zitiert die Moscow Times die Demografie-Expertin Olga Isupowa, "die Menschen sehen oft keinen Sinn darin, ihre Zukunft zu planen, sie bevorzugen das Hier und Jetzt." Sanfte Modernisierung und verbesserte Ausstattung in den Großstadtkliniken können nur schwer helfen, wenn fast 40 Prozent aller Todesfälle im arbeitsfähigen Alter mit Alkohol zusammenhängen, der das Leben der Männer um 20 Jahre verkürzt, wie der Vizechef im Gesundheitsausschuss, Nikolaj Goworin, sagte. Vor allem illegaler Alkohol macht den Behörden Sorgen. Ende des vergangenen Jahres starben in Sibirien etwa 70 Menschen an parfümiertem, methanolhaltigem Badezusatz, weil sie nach einem günstigen Wodkaersatz gesucht haben. Ministerpräsident Medwedjew sprach von einer "Schande".

Originelle Ideen kursieren deshalb gerade viele, darunter die, Wodka zu verbilligen, damit günstige alkoholhaltige Arzneien aus der Apotheke oder Selbstgepanschtes weniger lukrativ erscheinen. Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschow sagte nun, die Russen sollten doch ermuntert werden, Wein zu trinken - Wodka sollten sie dafür weglassen. Das könne die nationale Gesundheit und die demografischen Probleme zu einem Besseren wenden.

Immerhin wurde in Russland vor wenigen Tagen erfreut registriert, dass es beim Alkoholkonsum inzwischen von einem EU-Land überholt wurde. Jetzt wird in Litauen am meisten getrunken.