Kindesmissbrauch Das andere Ende

Knapp 500 Kilometer westlich - in Köln - geht auch Julia von Weiler immer wieder dieselben Szenen mit ihren Patienten durch. Allerdings sitzt sie am anderen Ende. Seit 20 Jahren beschäftigt sie sich mit misshandelten, missbrauchten und dabei abgefilmten Kindern.

Julia von Weiler ist eine sehr hübsche Frau. Dazu: fröhlich, ungebrochen und pragmatisch. Als bestünde ihr Alltag zum Beispiel aus attraktiven Fernreisen, überwindbaren Herausforderungen und Komplimenten. Aber da ist auch etwas Irritierendes.

Wenn sie etwas sehr Drastisches beschreibt - zum Beispiel den Opa, der seine vierjährige Enkelin im Genitalbereich mit heißem Fett verbrüht, Kinder, die von den Eltern für Videoaufnahmen geschminkt werden - dann wirft Julia von Weiler zwischendurch, unerwartet, einen ironischen Kommentar ein. Oder sie sagt etwas Flapsiges wie: "Also, das ist schon echt oll, alles."

Die Psychologin hat sich diese ihre Art mühsam erkämpft. Burn-out und neunmonatige Auszeit inklusive. Das Abstraktionsvermögen - denn nichts anderes ist ihre Schnodderigkeit letztlich - gehört dabei zur therapeutischen Grundausstattung. Nicht nur, weil es für sie selber wichtig ist. Das eigentlich unaushaltbar Herzzerbrechende an ihren kleinen Patienten ist: Wenn die einen Menschen mögen und das Gefühl haben, ihm eine Geschichte nicht zumuten zu können, dann schützen sie ihn, indem sie schweigen. Genau wie sie ihre Peiniger schützen, denen viele dieser Kinder in einer geradezu affenartigen Liebe verbunden sind; zumal jenen vielen aus dem Familienkreis.

Julia von Weiler hat Tausende erzählte Bilder, mühsam von kleinen Menschen zusammengesetzt, in ihrem Kopf gespeichert. Und sie muss nicht sich, sondern diesen Kindern diese Haltung vermitteln können: Nichts, was du sagst, nichts wirft mich um! Wir finden einen Weg, wie du mir das Böse vermitteln kannst!

Am 22. März hat Familienministerin Ursula von der Leyen ein Interview in der FAZ gegeben, in dem sie von einem neuen Gesetz sprach, das sie nun auf den Weg bringen wolle: ein Gesetz zum Access Blocking, der staatlichen Sperrung von Seiten, auf denen kinderpornographisches Material zu finden ist. Ihr, von der Leyen, sei das Thema, "das Ausmaß des Grauens", erst Ende des vergangenen Jahres so richtig bewusst geworden. Das verwunderte nicht wenige, denn jedem halbwegs aufmerksamen Zeitungsleser müsste das Ausmaß des Grauens seit vielen Jahren bewusst sein.

Am 23. März war von der Leyen dann vor den Bundestag getreten und hatte über das Access- Blocking-Gesetz gesprochen. Sie führte dabei aus, "dass dies einer der größten Märkte der organisierten Kriminalität ist. Das heißt, da stehen mächtige Geldinteressen dahinter, und deshalb wird diese Auseinandersetzung mit so harten Bandagen geführt." Am Freitag verpflichteten sich dann fünf Internetanbieter in einem Vertrag mit dem Bundeskriminalamt, circa 1000 Internetseiten mit Kinderpornographie zu blockieren.

Leute , die sich mit der Materie auskennen, wissen, dass solche Sperren technisch leicht zu umgehen sind. Erwiesen ist zudem nicht, was von der Leyen im Bundestag forsch als Tatsache ausgab: Dass eine organisierte Industrie hinter der Kinderpornographie steckt. Noch nie ist ein Kinderpornographie-Boss gefasst worden. Es gibt bisher keinen Beweis, dass solche Bosse überhaupt existieren.