Kindesmissbrauch Die Chance einer Therapie

Also noch mal: Keine Therapie macht aus einem Pädophilen einen Nicht-Pädophilen. Die sexuelle Präferenz eines Menschen ist mehr als eine Vorliebe - sie ist Teil von ihm, eine strukturelle Verankerung. Aber es gibt, so Beier, Möglichkeiten, einem pädophilen Menschen zu einer verbesserten Integration, einem Umgang mit seiner Neigung zu verhelfen. Ihm die lebenslange Verpflichtung bewusst zu machen, dass aus seinen Gefühlen keine Tat werden darf.

An die 500 Bewerber melden sich hier in Berlin pro Jahr. Beier lässt sie standardisierte Vorabtests machen und führt individuelle Gespräche mit ihnen; und am Ende dieser Prozedur, so Beier, wisse er dann, wie die Filme lauten.

Die Filme?

Die Vorstellungswelten des Patienten, "was da in ihnen erregungsbegleitend wirkt". Deutlicher: die Details, wie die Kinder in ihren Phantasien aussehen. Das kann alles sein, von einer Verwahrlosungstendenz bis zur Zahnlücke.

Was bringen Beier diese Details?

Sie spielen später, bei der Präventionsstrategie, eine entscheidende Rolle. Wer von verwahrlosten Straßenkindern träumt, ist von Kinderprostituierten möglicherweise nicht weit entfernt. In der Therapie - sie dauert ein Jahr - werden diese "Filme" durchgespielt, um, wie Beier sagt, "eine andere Weichenstellung aktiv zu schalten". Was so bewirkt werden kann: eine Abnahme von Fehleinschätzungen ("Der Kleine lächelte mich so an, der wollte es ja auch"). Und: Opferempathie, das Hineindenken in das, was das Kind wirklich will. Dazu verabreicht Beier auch Medikamente, die Impulse herunterdirigieren.

Einer der wesentlichen Ansatzpunkte dieser Therapie ist die Kinderpornographie. Fast alle Pädophilen konsumieren sie. Beiers Therapie zielt darauf ab, dass seine Patienten sich davon lösen, denn durch die Verfügbarkeit an den Internet-Tauschbörsen, durch die massenhafte Existenz dieser Bilder sinkt die Hemmschwelle, relativiert sich das Problembewusstsein; also die Voraussetzung, wenn nicht sogar: die Chance dieser Therapie.