Kindesmissbrauch Mitten am Rand

Sexuellen Missbrauch von Kindern gibt es in der realen und in der virtuellen Welt. Im Wahljahr 2009 steht das Thema auch auf der politischen Agenda. Doch ein Besuch bei Fahndern, Therapeuten und in der Justiz zeigt, dass ein Gesetz zur staatlichen Sperrung von Kinderporno-Seiten wenig bringt.

Von Rebecca Casati

Jeden Morgen müssen sie hier also rein, in diesen Steinquader aus den 1960ern zwischen Neuhausen und Maxvorstadt: Kameras draußen am Eingang, Chipkarte am Scanner, Servus, Drehtür, Pförtner, noch mal Servus, Fahrstuhl, Linoleumfußboden, Kaffeemaschine, Teppichbüro. So beginnt man einen Tag als Ermittler bei der Netzwerkfahndung des LKA München, Maillingerstraße. Die Abteilung ist, wie es also auch in solchen Disziplinen heißt: deutschlandweit führend.

Die Ermittler tragen keine Pistolen über der Hüfte, vernehmen keine Zeugen, stellen keine Mörder. Selten setzen sie einen Fuß vors Büro. Der Fahndungsraum ist das helle Monitor-Rechteck. In diesem Rechteck rufen die Fahnder Dinge auf, die entseelt sind, infernalisch.

Von morgens bis abends durchsuchen sie in München das Internet nach Kinderpornos. Sie bekommen rund 6000 Hinweise im Jahr. 2008 haben sie Fälle mit mehr als 48000 Tatverdächtigen bearbeitet, die in 98 Staaten leben. Sie verfolgen diese Tatverdächtigen zurück bis zur IP-Nummer - eine IP-Nummer ist wie ein Fingerabdruck im Netz, eine Art Kennnummer - die im Fall eines verbotenen Zugriffs den Anschlussinhaber verrät. Den Namen dieser User übergeben die Fahnder hier in München der jeweiligen Ermittlungsstelle, wo auch immer.

Wie gerät man hierher?

Es ist klar, dass bei einem Interview mit diesen Fahndern keine Intimität aufkommen soll. Sie erscheinen in einer Gruppe mit Pressesprecher, geschlossen wie eine firewall. Man nimmt in einem Konferenzraum Platz, auf persönliche Fragen wird allgemeingültig gekontert - im Zweifel ergreift Herr Bischetsrieder, der Leiter der Fahndung im LKA, das Wort. Er hat schon eine Menge Kollegen hier angestellt, durchgeschleust, und dann auch wieder in andere Abteilungen versetzt, wenn sie, wie es heißt: ausgebrannt waren.

Man müsse freiwillig in diese Abteilung wollen, sagt er, das sei eine Vorgabe. Eine andere sei, "mit der Materie hier zu Rande kommen". Das wiederum wisse man erst, nachdem man sich eine Zeitlang mit dieser Materie beschäftigt hat.

Wie zum Beispiel, seit sechs Jahren: dieser Kollege hier.

Man soll seinen Namen nicht nennen, nicht seinen Dienstgrad. Man kann aber sagen, dass er blond und sympathisch ist, und dass er mit 38 Jahren noch ein recht jugendliches Gesicht hat. Er spricht abwechselnd im bis zur Unkenntlichkeit ausdifferenzierten Beamtendeutsch, dann wieder so klar und menschlich, dass man einen Druck auf der Brust verspürt. Er sagt unter anderem auch das, was alle sagen, die mit solchen Bildern umgehen müssen: "Es ist am besten, das, was man da sieht, nicht an sich rankommen zu lassen."