Kampagne gegen K.-o.-Tropfen Vergewaltiger am Tresen

Sexueller Missbrauch nach Betäubung mit K.-o.-Tropfen nimmt zu. Expertin Ursula Schele hofft auf die Wirkung einer Kampagne, die als Pilotprojekt in Kiel startet.

Interview: Johann Osel

Verbrechen mit K.-o.-Tropfen: Behörden in Schleswig-Holstein starten jetzt eine Aufklärungskampagne. Andere Bundesländer könnten bald folgen. Die Tropfen bestellen sich die Täter im Internet oder mixen sie aus frei erhältlichen Einzelbestandteilen. Diese Form der Kriminalität werde immer mehr zum Problem, sagt Ursula Schele, Vorstand des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF). Sie arbeitet selbst bei einem Notruf in Kiel.

sueddeutsche.de: Wie häufig kommen Vergewaltigungen nach dem Einsatz von K.-o.-Tropfen überhaupt vor?

Ursula Schele: Das ist ganz schwer zu sagen, erst recht bundesweit. In Schleswig-Holstein hatten wir im vergangenen Jahr 29 Fälle, die in die Rechtsmedizin gekommen sind. Die Dunkelziffer ist wohl viel höher. In den Statistiken der Polizei laufen die Fälle unter Vergewaltigung, der Aspekt der K.-o.-Tropfen fällt dabei weg. Immer wenn wir Öffentlichkeitsarbeit machen, schnellen die Zahlen der angezeigten Vergewaltigungen in die Höhe. Auf eine angezeigte Vergewaltigung mit K.-o.-Tropfen kommen vermutlich zehn nicht angezeigte.

sueddeutsche.de: Warum werden die Taten so selten angezeigt?

Schele: Viele können die Geschehnisse nicht richtig einordnen. Da sind oft nur Erinnerungsfetzen übrig oder nach dem Aufwachen Spuren von Geschlechtsverkehr. Wenn die Opfer auch Alkohol getrunken haben, denken sie nicht an K.-o.-Tropfen. Auch geben sie sich selbst oft eine Mitschuld oder zeigen die Vergewaltigung aus Scham nicht bei der Polizei an. Immer häufiger existieren auch Videos vom Geschlechtsverkehr und die Opfer werden erpresst. Auf den Videos erkennen sich die Opfer selbst kaum wieder. Die Tropfen wirken enthemmend, man ist beim Sex aktiv, steht aber vollkommen neben sich.

sueddeutsche.de: Und wer sind die Täter?

Schele: Sehr oft flüchtige Bekannte, häufig auch mehrere. Das hat eine bundesweite Umfrage von uns ergeben. Das sind zum Beispiel Zufallsbekanntschaften in Diskotheken, in Kneipen oder auf Festivals. Es können aber auch nähere Bekannte, Kollegen, Freunde oder sogar der eigene Partner sein.

sueddeutsche.de: Also Vertrauenspersonen. Haben Sie ein Beispiel dafür?

Schele: In Flensburg hatte ein 15-jähriges Mädchen eine Freundin besucht und dort übernachtet. Der Vater der Freundin träufelte ihr K.-o.-Tropfen in den Kakao und missbrauchte sie in der Nacht. Das Landgericht Flensburg verurteilte ihn zu vier Jahren und neun Monaten Haft. Hier konnten das Kakao-Glas und die Tropfenflasche sichergestellt werden. Das ist nicht immer der Fall. In einem anderen Fall hat ein Mann seine Nachbarin zum Kaffeetrinken eingeladen, um dann zuzuschlagen. Der Einsatz von K.-o.-Tropfen kommt beim Strafmaß verschärfend zu der Vergewaltigung hinzu.

sueddeutsche.de: An wen richtet sich die aktuelle Kampagne? Und warum wird sie erst jetzt gestartet?

Schele: Es gab immer die Überlegung, das Problem nicht so öffentlich zu machen, um keine Nachahmungstäter anzulocken. Doch jetzt ist allerhöchste Zeit für mehr Information. Und dadurch auch für Prävention! Es gibt Flyer und Info-Material für Lehrer, Polizisten und Gaststättenpersonal. Eine Postkarten-Aktion in Kneipen soll mögliche Opfer über das Problem aufklären. Wir haben auch eine Informationskarte für Ärzte entwickelt, um sie sensibler für Vergiftungen durch K.-o.-Tropfen zu machen.

sueddeutsche.de: Mit welchem Lerneffekt?

Schele: Am wichtigsten ist es, dass das soziale Umfeld wachsamer wird, dass die Option K.-o.-Tropfen zumindest in Betracht gezogen wird. Zum Beispiel, wenn jemand scheinbar betrunken aus der Kneipe geführt wird oder in ein Auto gezerrt wird. Und natürlich sollen mögliche Opfer die Symptome erkennen.

sueddeutsche.de: Schmeckt man die Tropfen in einem Getränk?

Schele: Bei Mixgetränken hat man kaum eine Chance. Im schummrigen Licht einer Kneipe lassen sich die Tropfen im Glas nicht erkennen und der leicht bittere Geschmack wird schon durch Campari überdeckt. Man sollte in Lokalen immer genau auf sein Getränk achten. Doch wenn der Täter aus dem sozialen Umfeld kommt, hat man kaum eine Chance. Da darf man die Opfer nicht alleinelassen.