Ärzte sind aufgeschlossen, aber die Justiz bremst - das Beispiel einer Schmerzpatientin zeigt, wie Kranke in die kriminelle Ecke gedrängt werden.
Scheibe-Alsbach, im August - Wenn es Abend wird, steigt die Stimmung bei Familie Köhler. Dann nimmt die Mutter ihre Medizin. Zwanzig, dreißig Tropfen aus dem braunen Fläschchen reichen, und eine halbe Stunde später ist Ute Köhler ein bisschen aufgekratzt.
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"Seitdem ich die Tropfen habe, bin ich wieder Mensch", sagt die 50-jährige Hausfrau. Vor vier Jahren noch, da hat die Blondine mit den lustigen Rehaugen und dem langen Pferdeschwanz oft im Bett gekniet vor Schmerzen. "Mein Mann wusste gar nicht, was er mit mir machen soll", erinnert sie sich.
Und damit man das auch wirklich versteht, nennt sie noch eine Zahl: 5000 Menschen in Deutschland nehmen sich wegen unerträglicher Schmerzen pro Jahr das Leben, sagt die Deutsche Schmerzliga. "Ich war nah dran", sagt Ute Köhler.
Inzwischen ist die gebürtige Sächsin fast zu fröhlich für eine Schmerzpatientin. Für eine, die mit 33 Jahren Gebärmutterhalskrebs bekam.
Und die man dann in der Universitätsklinik zu Jena bestrahlte. So stark, dass der Krebs zerstört wurde - und auch ein Teil ihrer inneren Organe.
Nach dem Strahlenangriff tat ihr der ganze Unterleib weh. Die Blase wollte sich 40-mal am Tag entleeren, auch wenn nur noch Blut kam. 14 Jahre lang ging das so, und kein Schmerzmittel half.
Daheim, im Dörfchen Scheibe-Alsbach mitten im Thüringer Wald, lag sie nur noch auf dem Sofa, sagt Ute Köhlers 20-jähriger Sohn Jens. "Wir wussten uns nicht mehr zu helfen. Und als sie vor viereinhalb Jahren wieder ins Krankenhaus ging, da dachten wir, jetzt kommt sie nicht mehr zurück."
Hasch vom Apotheker
Doch bei diesem letzten Mal wagte ein Schmerztherapeut in der Klinik im nahen Schleusingen einen ungewöhnlichen Schritt: Er versuchte es mit Cannabis, genauer gesagt mit dem reinen Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, der Substanz Tetrahydrocannabinol, die in Deutschlands Apotheken seit 1998 auf Rezept ausgegeben werden darf.
Dronabinol heißt das flüssige Hasch vom Apotheker. "Mit einem Schnips ging's mir besser", erinnert sich Ute Köhler und strahlt unter ihrem blonden Pony. "90 Prozent meiner Schmerzen sind fort."
Jeder Abend ist seitdem berauschend im Hause Köhler, einem schieferverkleideten Einfamilienhaus, in dem fromme Sprüche nicht nur als Holztäfelchen an der Wand hängen, sondern sogar die Kaffeebecher zieren.
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