Justiz-Affären in Sachsen Eingeholt vom alten Schrecken

Als 16-Jährige wurde Manuela in einem Leipziger Bordell gefangengehalten. Mehr als 15 Jahre später soll sie Licht in dunkle Affären bringen - denn ihre Geschichte ist in größere Zusammenhänge verstrickt.

Eine Reportage von Christiane Kohl

Auf dem Zettel, der hier auf dem Küchentisch liegt, scheint die Szene in wenigen Strichen lebendig zu werden. "Dort auf der Sofalehne habe ich gesessen", sagt Manuela, während sie mit dem Kugelschreiber an ihrer Skizze zeichnet: "Wir waren fünf Mädchen, alle völlig nackt." Schräg gegenüber habe "der Ingo" in einem schwarzen Ledersessel Platz genommen; Manuela markiert seinen Standort mit einem kleinen Halbkreis.

Er sei leger, aber gut bürgerlich gekleidet gewesen, im hellbeigefarbenen Jackett. Außer ihm sah Manuela an diesem Tag noch vier andere fremde Herren im Raum - allesamt Westdeutsche, "das spürte man sofort". Micha, der Zuhälter, hatte die Besucher als "Geschäftsfreunde aus Hamburg" vorgestellt. Die jungen Mädchen, die in dem heruntergekommenen Gründerzeithaus am Leipziger Stadtrand festgehalten wurden, sollten den Herren einen netten Abend bereiten.

Manuela erinnert sich, dass aus dem Kassettenrekorder gerade Tina Turner ihren Erfolgssong "We don't need another hero" krächzte, als der Mann im schwarzen Ledersessel sie zu sich hinüberwinkte. Kurz darauf sei Ingo mit ihr ins Schlafzimmer gegangen. Das geschah mehrmals an diesem Abend. Später sei der Herr, der bereits ergraut war, noch öfter zu der damals 16-Jährigen gekommen.

Während des Geschlechtsverkehrs, berichtet Manuela, habe sie im Stillen immer von 1 bis 17 gezählt. So viele Holzstreben hatte der dekorative Fächer, der an der Wand über dem Bett hing. Es war Manuelas Methode, sich über die Erlebnisse zu retten, die sie im Schlafzimmer der Leipziger Zwei-Raum-Wohnung erleiden musste. Wie viele Männer ihr dort zusetzten, weiß sie nicht mehr - doch an einige ihrer Gesichter meint sich Manuela noch zu erinnern.

Ein Herz aus Schiefer

Heute sitzt die mittlerweile 31-Jährige an dem langen, hölzernen Küchentisch eines hübsch restaurierten Weinbauernhäuschens in Westdeutschland. An den Wänden hängen Fotos mit strahlenden Kindergesichtern, auf der Anrichte steht ein aus Schiefer gemeißeltes Herz. Manuela, deren Namen wir aus Rücksicht auf ihre Familie geändert haben, ist mit einem Handwerker verheiratet und hat zwei Söhne.

Draußen vor der Küchentür streicht die Frühlingssonne über die ersten Knospen des Rosenbogens. Leipzig scheint weit weg zu sein, die Ereignisse liegen 15 Jahre zurück. Drinnen am Küchentisch aber sitzt zitternd eine hübsche junge Frau, während sie über jene Monate im Winter 1992/93 erzählt, als sie zusammen mit einer Handvoll anderer Mädchen in einem illegalen Bordell an der Merseburger Straße in Leipzig zur Prostitution gezwungen wurde: "Es war eine immer wiederkehrende Vergewaltigung", sagt sie.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie Manuelas Geschichte wieder in den Mittelpunkt des Interesses rückte.