Udo Röbel hat für sich beschlossen, nicht über das zu reden, was im Auto geschah. Man kann das nicht in Worte fassen, sagt er, wie das ist, wenn neben einem Menschen sitzen, die voller Angst sind, Todesangst. Er hat Ines Voitle, inzwischen verheiratete Falk, die überlebende Geisel, danach nie wiedergesehen, 20 Jahre lang, bis sie sich vor ein paar Wochen in einer Talkshow trafen.

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Der Kidnapper Dieter Degowski bedroht seine Geisel Silke Bischoff mit einer Waffe. (© Foto: AP)

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Sie saßen nebeneinander, und Ines Falk sagte, als Röbel im Auto war, sei die Stimmung "etwas brenzliger" geworden. "Weil er Fragen gestellt hat, die den Degowski sehr nervös gemacht haben: Warum geben Sie nicht auf, warum machen Sie das hier." Röbel sagte dazu nichts.

Ines Voitle sprach über ihre Depression, über das Loch, in das sie geschickt worden war, von den Tätern, von den versagenden Polizisten, von den berauschten Journalisten, von allen. Auch von ihm. Udo Röbel hörte zu. Irgendwann wischte er sich kurz über die Augen.

Am 18. August 1988 fährt Röbel eine kurze Strecke mit, und als die Gangster den Weg zur Autobahn kennen, steigt er aus. Die Polizei hat alles vorbereitet für den Zugriff, die Autobahn ist gesperrt, ein Rammfahrzeug rammt den Fluchtwagen, aber nicht an der vorgesehenen Stelle. Die Polizei schießt, und Silke Bischoff stirbt in diesem Auto, getroffen von einer Kugel, die sich offenbar versehentlich gelöst hat aus dem Lauf von Rösners Waffe.

In dem Stau, der sich wegen der Streckensperrung bildet, steht auch der Rechtsanwalt Sascha Prosotowitz. Er erlebt aus relativer Nähe mit, was damals geschieht, und er erfährt die Einzelheiten wenig später. Prosotowitz arbeitet für die Kanzlei, die Dieter Degowski verteidigt, der bis 2013 im Gefängnis bleiben muss, Rösner bis 2016, mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Druck auf Täter und Polizei erhöht

Sascha Prosotowitz sitzt in seinem Büro in der Münchner Leopoldstraße, er hat die Gerichtsunterlagen noch mal durchgesehen und liest sie passagenweise vor, mit einer angenehm sanften Stimme, er könnte im Rundfunk moderieren. "Hier zum Beispiel, hier steht: 'In ihrem Bemühen um möglichst aktuelle Berichterstattung und Interviews verloren die Pressevertreter jede Distanz zum Geschehen, insbesondere zur Zwangslage der Geiseln.'"

Was ist passiert, aus seiner Sicht? Den Tätern ist eine Plattform geboten worden, sie haben sich wichtig fühlen dürfen, mächtig. Sie mussten wahrmachen, was sie vor aller Augen versprochen hatten. Welcher Ganove hätte sich je zugestanden, weich zu werden? Die Journalisten haben nicht nur den Polizeiautos physisch den Weg versperrt, sie haben psychisch eingegriffen und das Verhältnis auch der Täter untereinander beeinflusst.

"Degowski hat sich größer und stärker gemacht. Das hat die Presse nach außen transportiert, mit der weiteren Folge, dass Rösner das in seiner Richtung ausgenutzt hat und sagen konnte: Mein Kollege, der ist brandgefährlich." Die Journalisten haben auch den Druck erhöht auf die Polizei. Weil sie alles ausbreiteten und gleichzeitig verlangten: Tut endlich was.

Die Journalisten haben die Täter nicht nur durchhalten lassen, indem sie ihnen Kaffee brachten in Köln, sie haben sie auch durchhalten lassen, indem sie sendeten, was die sagten. Sie gierten doch nach Aufmerksamkeit, nach Anerkennung, Rösner und Degowski. Es war wie ein Elixier.

"Die Rolle der Medien war fatal", sagt Sascha Prosotowitz. "Einige waren ganz nah an der Beihilfe dran."

Was bleibt, von Gladbeck? Manfred Protze, Sprecher des Presserats, erwähnt eine Richtlinie im Pressekodex, die erst in Kraft gesetzt wurde nach Gladbeck. Es ist die Richtlinie 11.2, in der unter anderem steht: Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben. Protze sagt: "Es blieb nicht folgenlos." Natürlich kann er nicht garantieren, dass sich jeder an so eine Richtlinie hält.

Udo Röbel sagt, dass die Polizei inzwischen die Reporter nicht mehr so nah ranlassen würde. "Aber was ich schon glaube, ist, dass wir irgendwann ein Gladbeck anderer Art kriegen könnten. Inzwischen tummeln sich ja Leute in der Medienwelt, die Journalismus gar nicht gelernt haben. Es gibt Müller, Meier, Schulze, die mit dem Handy unterwegs sind und jederzeit in Situationen kommen können, wo etwas passiert, was sie dann filmen."

Sascha Prosotowitz sagt, er weiß nicht, was anders geworden ist. Er hat die Berichterstattung von der Tragödie im Amstetten verfolgt, wo ganz am Anfang auch einer saß, ein Arzt, und einen Appell an die Journalisten gerichtet hat. Und später mussten sie von den Bäumen geschüttelt werden, weil sie Fotos wollten von der gequälten Familie, weil die Öffentlichkeit diese Fotos wollte. Der Markt ist immer da.

"Wir waren alle kollektiv durchgeknallt", hat Röbel gesagt. Vielleicht kann man den Markt besser bedienen, wenn man berauscht ist?

Sascha Prosotowitz raucht, auch er schaut dem Rauch manchmal hinterher, wenn er überlegt. Dann sagt er: "Wenn ich berauscht bin, kann ich meine Arbeit nicht mehr tun. Mehr fällt mir dazu nicht ein."

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(SZ vom 13.08.2008/vw/hai)