Freiwillige Feuerwehr Es brennt

Ein Kind, das sich für die Freiwillige Feuerwehr begeistert, wie offenbar hier in Bienenbüttel in Niedersachsen, muss man heute suchen.

(Foto: Jochen Lübke/dpa)

Das deutsche System der Freiwilligen Feuerwehr war mal das beste weltweit. Jetzt ist es in Gefahr, denn vielerorts fehlt der Nachwuchs. Nur Berlin hat genügend Freiwillige. Doch genau das ist das Problem.

Von Susanne Höll

Sunny ist neun Jahre alt, ein zarter Junge mit Brille und klaren Berufsvorstellungen. Professor will er werden, Medikamente erfinden. Chemiker also? Er denkt nach, nickt dann mit dem Kopf. Ja, Experimente fände er toll. Auch deshalb ist er an diesem grauen, verregneten Samstag in das Feuerwehrhaus in Winnen im Westerwald gekommen. Dort treffen sich die jüngsten Brandexperten der Gegend, gut 20 Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren.

Sie sind die Bambini-Gruppe. Die große Nachwuchshoffnung der Feuerwehr.

Sunny kommt am Morgen des Sankt-Martins-Tages auf seine Kosten. Erst ein Vortag über gefährliche Feuer und die Frage, warum man Kerzen nicht unter einer Gardine anzündet. Dann geht's ab nach draußen. Im Eisenkorb brennen Scheite. Nicole Müller-Nilges, hauptberuflich Erzieherin und ehrenamtliche Leiterin der Bambini, wirft allerlei Dinge in die Flammen: Watte, Papier, Alufolie. Die Kinder lernen, dass Vorsicht geboten ist, wenn man in der Wohnung mit einem Kuscheltier in der Nähe von Feuer hantiert. Und Sunny? Möchte trotzdem nicht so ganz gern Feuerwehrmann werden.

Viele glauben noch immer, der Dienst läge in den Händen von Hauptamtlichen. Falsch

Mehr als 200 Kinderfeuerwehren gibt es inzwischen in Rheinland-Pfalz. Ohne sie hätte die Freiwillige Feuerwehr keine Zukunft mehr. Zwar herrscht nicht überall Notstand, vielerorts aber schon. Von den Bambini findet vielleicht der eine oder die andere den Weg in die Jugendfeuerwehr, in Winnen und dem benachbarten Gemünden sind es in diesem Jahr vier. Sie lindern die Sorge, die Verantwortliche insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Regionen der Republik quält: Immer weniger Leute engagieren sich in ihrer Freizeit bei der Feuerwehr. Frank Hachemer, Präsident des Feuerwehrverbandes Rheinland-Pfalz sagt: "Um das System der Freiwilligen Feuerwehr beneidet uns die ganze Welt. Und wir sind drauf und dran, seinen Niedergang zu erleben."

Etliche Menschen glauben noch immer, der Dienst läge in den Händen von Hauptamtlichen. Falsch. Allein große und größere Städte in Deutschland leisten sich eine Berufsfeuerwehr, gut 100 gibt es in der Republik. Wer einen Unfall hat, Opfer von Überschwemmungen oder Feuer ist, erhält zumeist Hilfe von Freiwilligen. Etwa 24 000 solcher Wehren gibt es deutschlandweit. Noch, wohlgemerkt.

Denn vielerorts finden sich keine Freiwilligen mehr. Dann müssen die Gemeinden Menschen für den Dienst einziehen. Eine Handvoll Orte, vor allem in Norddeutschland, haben Pflichtwehren. Keine ideale Lösung, sagen die, die etwas von der Sache verstehen. Die Freiwillige Feuerwehr in ländlichen Regionen spürt den gesellschaftlichen Wandel. Dort, wo die Wirtschaft nicht brummt und Jobs rar sind, ziehen junge Leute fort. Die, die bleiben, pendeln oft, der Arbeit wegen, haben Schichtdienst und in ihrer Freizeit keine Lust auf ein knochenhartes Ehrenamt. Präsident Hachemer sagt: "Es geht im Grundsatz um eine gesellschaftliche Frage. Wo gibt es noch Strukturen, in denen sich Menschen gern und dauerhaft für das Allgemeinwohl engagieren?"

Ohne intensive Nachwuchsarbeit, da sind sich Fachleute einig, wird die Freiwillige Feuerwehr einen Niedergang erleben und die Sicherheit leiden. Die Retter sollen schließlich möglichst schnell vor Ort sein. Auch in Bayern hat man das erkannt. Der demografische Wandel gehe an keiner Region vorbei, sagt Landesfeuerwehrpräsident Alfons Weinzierl. "Man muss Werbung machen, unaufhörlich Werbung - sonst funktioniert es nicht." Mit einer Plakataktion oder einem Tag der offenen Tür komme man nicht sehr weit. Noch seien die Freiwilligenzahlen im Freistaat relativ konstant. Aber in zehn Jahren wird es enger werden. Weinzierl prophezeit: "Oberbayern wird auch 2030 noch ganz gut dastehen, Oberfranken weniger."

Also werben. Nicht nur um junge Männern, sondern auch um junge Frauen, Migranten und, das ist dem Rheinländer Hachemer wichtig, um Menschen mit Behinderungen. In Winnen sind unter den vier Ex-Bambini, die nun zur Jugendwehr wechseln, immerhin zwei Mädchen. Doch der Frauenanteil insgesamt ist gering. Die Freiwillige Feuerwehr muss heute immer noch gegen ihren Ruf einer Männertruppe ankämpfen.

Das gilt auch für Berlin. In der Hauptstadt hat man aber interessanterweise keine Nachwuchsprobleme. Im Gegenteil. Zur Jahrtausendwende meldete die Freiwillige Feuerwehr 1360 Mitglieder, 107 von ihnen Frauen. In den Jugendwehren waren 985 Teenies aktiv. 2016 zählen die Ehrenamtlichen in der Hauptstadt 1436 Mitglieder, darunter 128 Frauen, die Jugendwehr wuchs auf 1109. Die Gründe, so sagen die Berliner, lägen auf der Hand. Berlin hat seit 40 Jahren eine Jugendfeuerwehr, gewinnt Einwohnern hinzu, die Feuerwehr hat bundesweit einen guten Ruf und zieht deshalb auch Freiwillige aus allen Gruppen der Gesellschaft an, in den Randgebieten, aber auch im Zentrum. Die Jugendwehr im Wedding hat gut 60 Mitglieder, die Hälfte stammt aus Migranten-Familien.

Aber auch in Berlin macht man sich Sorgen, nur halt andere: Die Freiwillige Feuerwehr kämpft mit schlechter Ausrüstung. Mancherorts streiken die Einsatzfahrzeuge, neue Autos würden dringend gebraucht, sagt der Chef des Landesfeuerwehrverbandes Sascha Guzy. Die Stadt ist arm, das erleben Retter Tag für Tag.

Guzy beschreibt die Situation der Feuerwehren der Hauptstadt so: "Wir machen jeden Tag aus Scheiße ein Bonbon."