Flüchtlingshilfe @Deutschland

Mit der "phase6 hallo-App" lernen Flüchtlingskinder Deutsch.

(Foto: phase6)

Sprache lernen, Anträge stellen, Job finden: Zwischen Berlin und München entstehen immer mehr Apps, die Flüchtlingen und deren Kindern helfen sollen.

Von Sophie Burfeind

Es fängt mit einem Hund an. "Das ist ein Hund", sagt also eine Stimme. Dann kann man den Satz nachsprechen, aufnehmen und noch mal anhören. Ein gelber Smiley jubelt einem zu, wenn man es geschafft hat. Nach den Tieren kommen Familie, Schule, Kleidung und Berufe dran. Man lernt: Der Mann mit der braunen Mütze und der großen Lupe ist ein Detektiv, und: Ein Tierarzt kümmert sich um Tiere. Im letzten Level kann man all das zuordnen, sprechen und schreiben.

"Phase6 Hallo-App", so heißt das Programm für Smartphones, mit dem Flüchtlingskinder spielerisch Deutsch lernen sollen. Sie sehen Bilder, hören den Namen der Dinge auf Deutsch und erkennen, in welchem Kontext sie stehen. Das Ganze wird mit verschiedenen Übungen und Spielen wiederholt, nach ein paar Wochen sollen die Kinder einen Grundwortschatz von 1400 Wörtern haben. Manfred Kastner aus Wien hatte die Idee zu dieser kostenlosen App, am Freitag wurde sie im Literaturhaus in München vorgestellt. Sie ist nun ein besonders kreatives Beispiel, wie Flüchtlingshilfe auch aussehen kann.

Der Gedanke ist naheliegend: Wer in Deutschland ein neues Leben beginnen will, muss sich unter anderem durch einen Bürokratie-Dschungel kämpfen, Ausländerbehörde, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Sozialamt, Agentur für Arbeit, Härtefallkommission, und das alles ohne Deutsch-Sprachkenntnisse. Aber die meisten Flüchtlinge haben Smartphones, es ist ihr einziger Weg, mit der Heimat in Kontakt zu bleiben, da bieten sich natürlich Apps und Webdienste an. Hilfe, für die man nicht in Warteschlangen stehen oder Formulare ausfüllen muss.

Eine der ersten und erfolgreichsten Apps haben zwei Dresdner Start-ups im August herausgebracht: die "Welcome-App-Dresden". Diese App bündelt alle wichtigen Informationen zu Deutschland, zu Sachsen und zu Dresden; wo man im Ort einkaufen kann, wo der Arzt ist, wo die nächste Moschee, welche Freizeitangebote es gibt. In der App können die Flüchtlinge auch nachlesen, wie ein Asylverfahren abläuft oder welche Rechte und Pflichten sie haben. Weil die Welcome-App so gefragt war, gibt es sie seit Anfang Oktober auch für ganz Deutschland, außerdem wollen 50 weitere Städte die App auf ihre Stadt und Region anpassen lassen.

Auch Studenten und Schüler haben sich digitale Angebote ausgedacht, um den Flüchtlingen zu helfen. Ende Juni haben David Jacob, 24, und Philipp Kühn,25, zwei Berliner Studenten, mit der Website workeer.de ihre Bachelorarbeit fertiggestellt: eine Börse für Jobs und Praktika für Flüchtlinge. Ohne große Formalitäten können Arbeitssuchende und Arbeitgeber miteinander in Kontakt kommen. Eine Schülergruppe aus Hessen hat beim "Jugend-Hackt-Wettbewerb" Anfang Oktober in Berlin mit der Website und App germany-says-welcome.de gewonnen. In beiden Anwendungen können Flüchtlinge und Helfer auf einem Schwarzen Brett Güter und Dienstleistungen austauschen, Asylbewerber können nach einem deutschen Mentor oder dem nächsten Wlan-Netz suchen. Das Angebot ist noch in der Testphase.

Eines der größten Projekte, um Apps und Webdienste für Flüchtlinge zu entwickeln, fand Ende Oktober in Berlin beim "Refugee Hackathon" statt: 300 Freiwillige, darunter 45 Flüchtlinge, entwickelten zwei Tage lang digitale Angebote für Asylbewerber. "Viele Flüchtlinge haben gesagt, dass sie sich Angebote wünschen, wie sie schneller mit den Leuten hier in Kontakt kommen können", sagt Anke Domscheit-Berg, die Organisatorin der Veranstaltung. Deswegen wurden auch Plattformen entwickelt, um Menschen kennenzulernen, die dieselben Hobbys haben oder um zusammen zu kochen. Gearbeitet wurde auch an der Website home4refugess.org, auf der Privatpersonen Wohnraum an Flüchtlinge vermitteln können, einer Seite, um vermisste Familienmitglieder in der Heimat zu finden oder Waslchiraa, eine Art "Groupon" für Asylbewerber - mit Gutscheinen für den Friseur oder eine Pizza zum Runterladen. Auch zahlreiche Apps, um die Flüchtlingshilfe deutschlandweit besser zu koordinieren, sind in Planung.

Einen Haken aber gibt es in dieser Sache für Flüchtlinge: Nach Recherchen des Blogs netzpolitik.org gibt es lediglich in 15 Prozent der Unterkünfte einen Internetzugang, weil viele Betreiber fürchten, dafür haften zu müssen, wenn einer der Bewohner illegal streamt oder Raubkopien herunterlädt. Das heißt: Die meisten Flüchtlinge können viele der Angebote gar nicht nutzen. Wie man dieses Problem umgehen könnte, zeigt die "Hallo-App": Die App muss nur einmal heruntergeladen werden, und dann funktioniert sie offline.