Flüchtlingsdrama vor Italien Gefährliche Flucht über das Meer

Das Bootsunglück vor Lampedusa zeigt, wie riskant eine Flucht nach Europa ist. Doch warum nehmen die Flüchtlinge dieses Risiko auf sich? Wie verlaufen die Reiserouten? Und welche Rolle spielen Schlepperbanden? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Christina Metallinos und Pascal Paukner

Mehr als 110 Flüchtlinge sind tot, Hunderte gelten als vermisst. Seit Jahren schon debattiert die Europäische Union über ihren Umgang mit Flüchtlingen. Nun schreckt die Katastrophe vor der italienischen Mittelmeerküste den Kontinent abermals auf. Lampedusa ist Sinnbild für eine gescheiterte Flüchtlingspolitik, die wenige Gewinner, aber viele Verlierer hervorbringt.

Woher kommen die Bootsflüchtlinge?

Wenn Flüchtlinge an den europäischen Mittelmeerküsten stranden, dann haben sie einen Großteil ihrer Flucht schon hinter sich. Somalia, Äthiopien, Eritrea - das sind die Länder, aus denen viele Menschen über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Auch die nun verunglückten Bootsinsassen stammten größtenteils aus Eritrea. Die Hoffnung auf ein besseres Leben, das Ende der Verfolgung aus religiösen oder politischen Gründen oder das Wiedersehen von Verwandten sind laut wissenschaftlichen Untersuchungen die häufigsten Gründe, weshalb Menschen ihre Heimatländer verlassen.

Doch kaum ein Flüchtling macht sich dabei alleine auf den Weg. Eine wichtige Rolle spielen Schleuserbanden, die den Transport organisieren. Unter welchen Bedingungen der geschieht, hängt stark vom Herkunftsland und der finanziellen Situation des Flüchtlings ab. Flüchtlinge aus dem bürgerkriegsgeplagten Somalia beispielsweise reisen oftmals über die Staaten im Nordosten Afrikas nach Libyen oder Tunesien.

Wie verlaufen die Fluchtrouten?

Dort angekommen, brechen die Flüchtlinge bevorzugt von den Küstenstädten Tripolis, Bengasi, Sfax oder Sousse auf und setzen nach Lampedusa, Sizilien oder Malta über. Wenn es gut geht. Die Route über das Mittelmeer ist riskant, weshalb sie auch hauptsächlich von Migranten aus Afrika benutzt wird, die sich keine gefälschten Papiere oder einen Flug nach Europa leisten können. Eine Schiffsüberfahrt von Libyen nach Italien ist manchmal für tausend Euro zu haben. Eine perfekt organisierte Einreise beispielsweise aus China mit gefälschtem Pass, Flug und Unterkunft kann auch bis zu 100.000 Euro kosten.

Die Wege, auf denen Flüchtlinge nach Europa gelangen, verändern sich ständig, wie Daten der europäischen Polizeibehörde Europol und der Grenzschutzbehörde Frontex zeigen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam die Mehrzahl der Flüchtlinge aus Westafrika. Die Flucht nach Europa erfolgte dann über Mali, Algerien und Marokko nach Spanien. Das änderte sich fünf Jahre später. Die meisten Flüchtlinge versuchten, von Marokko und der Westsahara aus auf die Kanarischen Inseln zu gelangen. Seit 2008 verlagern sich die Wanderungsrouten weiter ostwärts.

Seit einigen Jahren, vor allem aber seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, gewinnt die Einreise über die Türkei und Griechenland an Bedeutung, begünstigt durch das visumsfreie Reisen, das die Türkei Einreisenden aus Syrien noch immer ermöglicht. 90 Prozent der illegalen Einwanderer kamen bis vor kurzem auf dem Landweg in die EU. Seit der Ausweitung von Schutzwällen und Kontrollen verlagert sich der Migrantenstrom wieder auf den Seeweg.

Wie viele Bootsflüchtlinge insgesamt über das Mittelmeer nach Italien einreisen, ist unklar. Während die EU für das erste Halbjahr von 8400 Flüchtlingen ausgeht, die alleine in Italien und Malta angekommen sind, sprechen italienische Behörden von 22.000 Flüchtlingen, die seit Beginn des Jahres in Italien angekommen sind.

Welche Rolle spielen dabei Schlepperbanden?

Laut Frontex sinkt seit Jahren die Zahl der gefassten Schlepper, von mehr als 9000 im Jahr 2009 auf 7720 im Jahr 2012. Dabei handle es sich vor allem um EU-Bürger, die aus der Situation der Flüchtlinge Profit schlagen möchten. Sie kümmern sich nicht nur um die Weiterreise der Flüchtlinge, sondern auch um gefälschte Papiere oder dauerhafte Auslandsgenehmigungen durch organisierte Eheschließungen. Wer in Griechenland strande müsse, so Karl Kopp von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl, einen vierstelligen Betrag in die Hand nehmen, um von Schleppern in andere EU-Länder gebracht zu werden.

Wann ist die Einreise am ungefährlichsten?

Eigentlich ist der Spätsommer die optimale Überfahrtszeit. Das Mittelmeer ist dann ruhig. Hohe Wellen und Stürme sind selten. Und doch kann es auch zu dieser Jahreszeit zu solch folgenreichen Unglücksfällen kommen, wie es nun geschehen ist.

Klar ist, dass die Überfahrt per Boot in allen Fällen hohe Risiken birgt. Tagelang sind die Flüchtlinge in zumeist kleinen Booten, bei mangelhafter Ernährung und fehlenden sanitären Einrichtungen unterwegs. Laut unbestätigten Berichten war das nun verunglückte Schiff 13 Tage auf See, bis es vor Lampedusa sank.

Während ihrer Reise durch das Mittelmeer müssen die Flüchtlinge damit rechnen, auf Mitarbeiter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex zu stoßen. Diese sind angehalten, Bootsflüchtlinge an der Einreise nach Europa zu hindern. Es sei denn, das Boot befindet sich in Seenot. Dann müssen die Insassen gerettet werden.