Ein Anruf bei... Petra Pohl, deren Les-O-Mat in einem Krankenhaus steht

Was wollen Menschen lesen, wenn sie krank sind? Petra Pohl kennt die Antwort: Sie hat einen Bücherautomaten im Würzburger Klinikum aufgestellt.

Von Hannes Vollmuth

In Frankfurt traf sich gerade wieder die Buchwelt, es ging um Anspruch und Tiefe, Preise und Preisträger, vor allem aber ging es um die Botschaft: Bücher sind wichtig. Die Würzburger Buchhändlerin Petra Pohl, 52, sieht das natürlich genauso, und deshalb hat sie einen Les-O-Maten gebaut und ebendort aufstellt, wo Menschen ihrer Meinung nach Bücher besonders dringend brauchen: im Krankenhaus.

Frau Pohl, ein Bücherautomat im Universitätsklinikum Würzburg - wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?

Petra Pohl: Ich hab' vier Kinder, ich war für vier Geburten im Krankenhaus, da kann's einem elendig langweilig werden. Und weil ich ja Buchhändlerin bin, dachte ich mir: Stellst du doch einen Bücherautomaten auf. Zuerst wollte ich einen Zigarettenautomaten umbauen, aber ich hab' keinen bekommen. Dann hab ich's mit einem Getränkeautomaten versucht, die Kühlung abgeklemmt, die Spiralen anders angeordnet, Bücher reingesteckt und aufgestellt.

1936 hat Erich Kästner als Doktor Kästner die "Lyrische Hausapotheke" geschrieben. Da gibt es auch Gedichte gegen Einsamkeit, Lebensüberdruss, Faulheit und Krankheit. Was empfehlen Sie?

So leicht, wie sich der Doktor Kästner das vorgestellt hat, ist es leider nicht. Was wollen Sie einem Krebspatienten empfehlen, der Chemotherapie bekommt? Die einen wollen sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, die anderen nicht. Raten Sie mal, was am meisten gezogen wird: "Tagebuch für gute und schlechte Tage" von Doro Ottermann.

Ein Tageskalender, in den man hineinschreibt, wie es einem geht, mit Kästchen zum Ankreuzen und ausfüllen?

Ich konnt's auch nicht glauben, aber es ist so. Mein anderer Verkaufsschlager heißt: "Keimfrei kochen". Viele, die eine Stammzelltransplantation haben, kaufen das.

Was ist mit der hohen Literatur? "Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf zum Beispiel, das er angesichts seines Hirntumors geschrieben hat? Oder der "Zauberberg" von Thomas Mann, der in einem Sanatorium spielt?

Da muss ich Sie enttäuschen. Hohe Literatur ist nicht unbedingt das Beste, wenn man im Krankenhaus liegt. Wissen Sie, den Leuten geht es schlecht, die Narkose wirkt noch nach, die Stimmung ist gedrückt. Die Glückseligkeit der Sätze hat man da nicht, da braucht man einfachere Sachen.

Der französische Philosoph Paul Valéry erzählt in seinen Tagebüchern von einem Kranken, der ohne Betäubung operiert wurde und zur Linderung seiner Schmerzen ein Gedicht aufsagt. Kann Literatur Schmerzen lindern?

Auf jeden Fall. Wer es einmal schafft, in einem Buch zu verschwinden, wird bestätigen: Da bleibt die Zeit stehen, und man hört überhaupt nichts mehr. Ich habe jetzt das Buch "Alle meine Wünsche" von Grégoire Delacourt in den Automaten getan, ein kurzer, schöner Herbstroman. Keine ganz große Literatur, aber da fängt man an zu lesen und ist sofort weg.

Wie geht man vor, wenn man Bücher aussucht für Menschen, die krank sind?

Es braucht schon Fingerspitzengefühl. Ich hab' mir vorher viele Gedanken gemacht und auch mit Krankenschwestern gesprochen. Die Frage ist doch: Was ist zumutbar für einen Patienten, und welche Bücher kann man gebrauchen im Krankenhaus? Was man dort eher nicht brauchen kann, sind dicke, schwere Romane von Thomas Mann. Lagen Sie schon mal im Krankenhaus?

Ja, eine Blinddarmoperation. "Kabale und Liebe" von Schiller lag auf dem Nachttisch, blieb wegen der Nachwirkungen der Narkose aber dort liegen.

Sie Ärmster. Ich sage Ihnen jetzt mal was. Seitdem ich den Automaten im Krankenhaus habe, ist mein Verhältnis zu leichter Literatur ein ganz anderes.

Und zwar?

Ich habe jetzt viel mehr Verständnis für einfachere Bücher als früher. Lesen ist so unterschiedlich, und es gibt so viele Phasen des Lesens. Da darf man kein Snob sein. Früher hätte ich einen Roman wie die "Tuchvilla" nie in den Automaten getan, so eine historische Liebesgeschichte wär mir viel zu seicht gewesen. Heute habe ich kein Problem mehr damit. Als Buchhändlerin bin ich ja auch eine Art Apotheker. Alles, was dem Patienten hilft, ist gut.