Ein Anruf bei... Christa Dürscheid

"Schön, bist du da!" oder "Schön, du bist da!"? Ein Gespräch mit der Linguistin Christa Dürscheid, die die grammatikalischen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz untersucht.

Interview Von Charlotte Theile

Wenn einen Schweizer begrüßen, sagen sie gerne mal: "Schön, bist du da!" Als Deutscher ahnt man zwar, was das heißen soll, ist aber auch verwirrt. Hat man das gerade richtig verstanden? "Aber klar!", antwortet Christa Dürscheid. Die deutsche Linguistin lebt seit 14 Jahren in Zürich. Die grammatikalischen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz verarbeitet sie inzwischen in ihrer Forschung.

SZ: Frau Dürscheid, als Sie in die Schweiz gezogen sind, waren Ihnen nicht nur einzelne Worte fremd, sondern auch die Grammatik. Richtig?

Christa Dürscheid: Ich weiß noch, wie ich am Bahnhof ein Plakat des Bauernverbandes entdeckte. Darauf stand der Slogan: "Gut, gibt's die Schweizer Bauern."

Und was haben Sie gedacht?

Das ist aber seltsames Deutsch! Nein, im Ernst: Ich habe bald festgestellt, dass das sehr wohl Hochdeutsch ist. Einfach eines, das anderen Grammatikregeln folgt.

Woran haben Sie das gemerkt?

Zum Beispiel an den E-Mails meiner Kollegen. Darin hieß es dann: "Ich bin froh, findet die Sitzung heute später statt." Oder an Zeitungsüberschriften: "Bereits liegt in den Bergen Schnee."

Unterschiedliche Nachbarn.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Sowohl Ihre Kollegen als auch Journalisten gehen professionell mit Sprache um. Sind ihnen die Unterschiede bewusst?

Einerseits ja. Schweizer wissen natürlich, dass sich ihr Hochdeutsch von dem unterscheidet, das sie von Deutschen hören. Andererseits: Dass es andere grammatikalische Regeln gibt, die nicht richtig oder falsch sind, sondern einfach eine regionale Variante - das wissen die wenigsten.

Sie arbeiten daran, das bekannt zu machen.

2019 wollen wir eine Variantengrammatik herausbringen. Analog zum Variantenwörterbuch sollen darin regionale Auslegungen der Hochsprache beschrieben werden. Dabei beschränken wir uns nicht nur auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. Auch in Liechtenstein, Südtirol oder Ostbelgien gibt es spannende grammatikalische Besonderheiten.

Als Deutscher neigt man ja dazu, diese Abwandlungen für Dialekt zu halten.

Dieser Wahrnehmung möchten wir entgegenwirken. Es geht nicht um Dialekte, sondern um unterschiedliche Ausprägungen des Hochdeutschen. Wenn ein Schweizer schreibt, er gehe "an eine Tagung", dann ist das weder ein Fehler noch Dialekt. Es ist die regional korrekte Grammatik. Die Unterschiede sind subtiler als unbekannte Wörter, die fallen sofort auf. Aber auch eine andere Grammatik kann ein "Fremdheitsmarker" sein. Wer sich in der Schweiz unauffällig bewegen will, tut gut daran, diese Regeln zu kennen.

Christa Dürscheid, 56, ist Professorin für Gegenwartssprache an der Universität Zürich. Ihr Projekt findet sich online unter variantengrammatik.net.

(Foto: Universität Zürich)

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihre Forschung?

Viele Schweizer schreiben mir Briefe und fragen nach: Ist es wahr, dass man in Deutschland nicht durch Tunnels fährt, sondern durch Tunnel? Und gibt es bei der Deutschen Bahn wirklich niemals Zugsverspätungen?

Das Fugen-s ist ein großes Thema.

Uns geht es nicht darum, Einzelfälle zu beleuchten, sondern um grundsätzliche Regeln. Da ist das Fugen-s ein gutes Beispiel: In Deutschland sagt man Zugdurchfahrt, in der Schweiz und in Österreich kommt zwischen beiden Teilen des Wortes meistens noch ein s.

Das muss für Deutschlehrer in der Schweiz ziemlich kompliziert sein.

Allerdings. Es kann ja auch nicht sein, dass ein Schweizer Lehrer im Aufsatz eine Formulierung anstreicht, die in jeder Schweizer Zeitung gedruckt werden würde.

Gibt es auch deutsche Wendungen, die in der Schweiz kein Mensch versteht?

Ja, sicher. "Jemanden abstrafen" zum Beispiel. Wer das schreibt, wird in der Schweiz sofort als Deutscher erkannt. Um es schweizerisch auszudrücken: All das ist genug interessant, um eine Grammatik zu schreiben.