Nach dem Trockenmilchskandal sitzen in China 60 Manager in Haft. Doch die Verbraucher zweifeln am Aufklärungswillen der Regierung.
Am Neujahrstag meldeten sich Chinas Milchpulverhersteller per SMS:. "Wir bedauern den Schaden zutiefst, der den Kindern und der Gesellschaft entstanden ist, wir bitte vielmals um Vergebung." Nach dem Skandal um vergiftete Babynahrung haben Chinas Trockenmilchhersteller das Vertrauen der Bevölkerung verloren; es war der größte Lebensmittelskandal in der Geschichte des Landes.
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Giftiges Milchpulver: Der kleine Hu Shuang sitzt auf dem Schoß seiner Mutter. Er ist an Nierensteinen erkrankt. (© Foto: dpa)
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Die Kurznachricht an 560 Millionen Handybesitzer sollte ein Neuanfang sein; sie endete mit dem Versprechen, das Leiden der erkrankten Kinder zu entschädigen. Nun warten die Opfer darauf, was das Versprechen wert ist.
"Die Mittel im Entschädigungsfonds stehen bereit, die Nachricht wurde verschickt, um die Menschen noch einmal davon zu überzeugen", sagte Song Kungang, Chef des Branchenverbandes chinesischer Milchhersteller. Insgesamt hat die Industrie Entschädigungsgelder von umgerechnet 120 Millionen Euro gesammelt. Jedes Kind soll zwischen 220 und 3300 Euro erhalten. Zugleich will man die Behandlungskosten übernehmen. Chinas Regierung hätte am liebsten, dass der Skandal schnellstmöglich vergessen wird. 60 Manager und Milchproduzenten sind verhaftet worden. Pekings Behörden haben rasche Aufklärung und die Verurteilung der Schuldigen angekündigt.
Der Skandal hatte im vergangenen September begonnen, als bekannt wurde, dass Babys nach dem Konsum von Babynahrung der Marke Sanlu mit Nierenproblemen behandelt werden mussten. Erste Fälle waren bereits im Frühjahr aufgetreten. Doch Krankenhäuser und Behörden verschwiegen das Problem zunächst, offenbar um die Olympischen Spiele nicht zu stören. Untersuchungen ergaben, dass die Kinder mit der Industriechemikalie Melamin vergiftet worden waren.
Chinesischen Behörden zufolge sind inzwischen landesweit fast 300.000 Kinder erkrankt. Mindestens sechs Säuglinge starben. Bauern und Milchhändler nutzen Melamin, um bei gepanschter Milch einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen. Zunächst bestritt der Sanlu-Konzern jede Verantwortung und versuchte sogar, die Suchergebnisse im Internet zu manipulieren. Doch der Skandal weitete sich aus: 22 chinesische Lebensmittelkonzerne sind inzwischen betroffen, Melamin wurde auch in Süßigkeiten und Eiern nachgewiesen.
Nach Angaben des obersten Staatsanwaltes der Provinz Hebei haben die Prozesse gegen 22 Angeklagte im Melamin-Skandal in der letzten Dezemberwoche begonnen. Tian Wenhua, ehemalige Chefin des Skandalkonzerns Sanlu, gestand vor Gericht, dass sie bereits seit Mitte Mai von den Verunreinigungen gewusst habe. Sie habe die Information jedoch nicht weitergegeben, um den Verkauf nicht zu beeinträchtigen. Die 66-jährige Managerin arbeitet seit 40 Jahren für Sanlu. In ihrem Schlusswort entschuldigte sie sich unter Tränen bei den Opfern.
Doch will Tian die Schuld für die Vergiftung nicht allein tragen. In einer von ihrem Anwalt verbreiteten Stellungnahme kritisierte sie, dass die Verwendung von Chemikalien in Lebensmitteln vom der Pekinger Regierung nicht ausreichend geregelt sei. China solle sich an den Richtlinien der Europäischen Union orientieren. Auch die Manager anderer Firmen müssten bestraft werden. Neben Tian sind drei weitere frühere Direktoren angeklagt. Wang Yuliang erschien im Rollstuhl zu dem Prozess. Bei einem Selbstmordversuch hatte er sich ein Bein gebrochen.
Die Regierung wird die Urteile wohl nutzen, um ein Exempel zu statuieren. In China kann die Todesstrafe gegen Personen verhängt werden, die Lebensmittel wissentlich vergiften. Prozessbeobachter rechnen mit lebenslangen Freiheitsstrafen für die Hauptverantwortlichen.
Boom bei ausländischen Firmen
Doch bereits kurz nach Prozessbeginn wuchsen die Zweifel am Aufklärungswillen der Regierung. Mindestens fünf Eltern erkrankter Kinder wurden festgenommen, weil sie versucht hatten, eine Pressekonferenz zu organisieren. Einen Tag später wurden die Eltern wieder freigelassen.
Menschenrechtsorganisationen und Lebensmittelaktivisten kritisieren, dass es ohne freie Meinungsäußerung und unabhängige Medien auch keine vollständige Kontrolle der Lebensmittelhersteller geben könne. Auch von den Prozessen darf nur eingeschränkt berichtet werden. Und bereits vor fünf Jahren waren in der Provinz Anhui Dutzende Babys an gefälschtem Milchpulver ohne Nährwert gestorben - auch damals hatte China harte Strafen und Kontrollen angekündigt.
Der Verkauf von importierter Milch und Babynahrung boomt seit dem Beginn des Skandals. Einige Firmen haben deshalb ihre Preise verdreifacht. Die staatlichen kontrollierten Medien sind bemüht, die verunsicherten Verbraucher zu beruhigen. Und künftig soll die Produktion von Melamin streng überwacht werden.
Das Gesundheitsministerium hat eine neue Liste mit 17 verbotenen Lebensmittelzusätzen veröffentlicht, darunter Formaldehyd, Beize und das Desinfektionsmittel Borsäure. Und künftig soll die gesamte Lebensmittelbranche kontrolliert werden. Als einer der Hauptursachen des Melamin-Skandals gilt, dass Firmen mit dem Qualitätsstatus "berühmter Markenhersteller" von vielen regelmäßigen Kontrollen befreit worden waren.
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
(SZ vom 12.01.2009/hai)
Analyse des DFB-Kaders
@s.kraut: Richtig ist, dass der Anteilseigner der Fa. Sanlu, die neuseeländische Firma Fonterra, seit Anfang August von der Melaminbeimengung gewußt hat. Aber ernsthafte Versuche, dies zu stoppen und/oder die Milch vom Markt zu nehmen, wurden nicht unternommen. Auch die neuseeländische Regierung, die hiervon Anfang September informiert wurde, hat durch Dilletantismus geglänzt. Bei der Schadensregulierung bleibt die Fa. Fonterra seltsamerweise aussen vor und wird seit anfänglichen Meldungen in der Presse nicht mehr erwähnt. Sehr merkwürdig.
Das Problem, das der Babymilch-Skandal aufzeigte waren die mangelnden neutralen Kontrollen auf dem chinesischen Lebensmittelmarkt. An statt Warnungen von Opfern und privaten Anzeigen nachzugehen, wurden die Melder mundtot gemacht und des versuchten Umsturzes beschuldigt. Alles sollte vertuscht werden, alles sollte seinen gewohnten Gang gehen. Die chinesischen Medien schwiegen. Die lokalen Behörden unternahmen nichts. Kinder starben. Die Olympiade wurde zelebriert. Man wartete ab.
Erst als in Australien oder Neuseeland importierte Babynahrung untersucht wurde, und die Außenministerin öffentlich eine Aufklärung von China forderte, wurde man aktiv. Schnell wurden Sündenböcke gesucht, und dass der Fisch meist vom Kopf her stinkt, ist leicht zu erklären. Jedoch wird sich das Problem nicht durch Enthauptungen von Konzernleitungen korrigieren lassen. Das Strecken von Milch mit Melamin war eine gängige Praxis, in verschiedensten Sammelstellen, in verschiedensten Betrieben.
Was China braucht, sind unabhängige Medien, Überwachungsinstitute wie die Stiftung Warentest, ein freier Informationsfluss. Mein Beileid den Opfern der Missstände, und dazu zähle ich die Manager in den Todeszellen genauso wie die toten Babies.
Das könnte uns auch blühen. Wenn Schäuble die Handydaten alle hat (hat er), dann kann er auch alle per SMS erreichen.