Italien unter Schock: Wegen neuer Mafia-Drohungen gegen ihn will Roberto Saviano nun das Land verlassen.
"Ich will leben. Ich will eine Wohnung haben. Ich will mich verlieben, irgendwo ein Bier trinken gehen, mir ein Buch in einer Buchhandlung aussuchen. Ich will spazieren gehen, mich in die Sonne legen, durch den Regen laufen und meine Mutter treffen, ohne dabei Angst zu haben oder sie zu erschrecken." Ein ganz normales Leben also, das ist es, was sich der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano wünscht.
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Normaler Lebenswandel unmöglich: Roberto Saviano (© Foto: AFP)
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Daher sagte er nun der Zeitung La Repubblica, für die er häufig über die neapolitanische Camorra berichtete: "Ich werde Italien verlassen, zumindest für eine gewisse Zeit. Danach wird man sehen."
Saviano hat genug von dem gepanzerten Leben im Verborgenen, das er führen muss, seit er im Jahr 2006 seinen fulminanten Tatsachenroman "Gomorrha" über die Machenschaften der Mafia im Großraum um Neapel veröffentlichte. Bislang harrte er tapfer in Italien aus, ständig von Carabinieri bewacht, ständig in Gefahr, von dem besonders umtriebigen Camorra-Clan der Casalesi ermordet zu werden. Er fühle sich isoliert, verliere seine Freunde und spüre, wie "eine dunkle Seite" in ihm die Oberhand gewinne, klagt er. In diesen Tagen wurden zudem neue Drohungen der Casalesi gegen ihn bekannt. Der junge Autor meint daher: "Derzeit sehe ich keinen Grund mehr, so weiterzuleben, als ein Gefangener meiner selbst, meines Buches, meines Erfolges. Er kann mich mal, der Erfolg."
Soll Saviano gehen oder bleiben? Das ist nun die Frage, die Italiens Politiker, Schriftsteller und Anti-Mafia-Kämpfer bewegt. Am klarsten fasst Staatspräsident Giorgio Napolitano das Problem in Worte. Die Drohungen der Casalesi gegen Saviano träfen das ganze Land. "Auf dem Spiel stehen die Grundwerte unserer Freiheit und nationalen Würde und der Ruf des demokratischen Italiens in Europa." Allen ist klar: Wenn sich der Schriftsteller ins Ausland flüchten muss, ist das eine Niederlage für das zivilisierte Italien. Viele appellieren daher an ihn zu bleiben. "Er ist ein Beispiel für uns", meint Senatspräsident Renato Schifani. "Die anständigen Leute und das ehrliche Italien stehen zu ihm. Daher wünsche ich mir, dass er unser Land nicht verlässt."
Die Fatwa der Camorra
Die Schriftstellerin Dacia Maraini dagegen sagt: "So wie er kann man doch nicht leben. Ich verstehe Savianos Entschluss, ins Ausland zu gehen, sehr gut." Maria Falcone - die Schwester des von der Cosa Nostra ermordeten Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone - appelliert sogar an ihn: "Roberto, geh fort und rette dich!" In diesen Tagen beschleiche sie das gleiche böse Gefühl wie vor dem Tod ihres Bruders.
Die italienischen Gewerkschaften überlegen, im ganzen Land eine Schweigeminute für den bedrohten Schriftsteller einzulegen. Im Internet - etwa auf der Seite "Facebook" - bildet sich eine virtuelle Schutzgemeinschaft. "Niemand rühre Saviano an!", lautet die Parole. Die süditalienische Provinz Caserta, in der die Casalesi ihre Hochburgen haben, hat ein Bild Savianos auf ihre Internetseite gestellt. Das Porträt setzt sich aus tausend winzigen Fotos von Schülern zusammen. Die Botschaft lautet: Wir lassen dich nicht allein. Sogar die Krippengestalter Neapels werden aktiv. Der Kunsthandwerker Marco Ferrigno hat für den kommenden Weihnachtsmarkt eine Figur des Schriftstellers geschaffen.
Die Staatsanwaltschaft Neapel versucht derweil herauszufinden, was an den jüngsten Drohungen gegen Saviano dran ist. Wie diese Woche bekannt wurde, verriet ein Informant der Polizei, die Casalesi wollten den unbequemen Enthüllungsautor noch vor Weihnachten ermorden. Die italienischen Medien berichteten, die Informationen stammten von einem Cousin des in Haft sitzenden Casalesi-Bosses Francesco "Sandokan" Schiavone. Der Cousin bestritt nun aber gegenüber den Ermittlern, etwas von einem Mordplan zu wissen.
Das italienische Fernsehmagazin "Matrix" berichtete zudem am Mittwochabend von einem Fax, das "Sandokan" Schiavone aus dem Gefängnis heraus an einen seiner Anwälte geschickt haben soll. Darin schimpft er, Saviano verbreite "falsche, verleumderische Unterstellungen über mich". Das müsse aufhören.
Beobachter bezeichneten diese Worte Schiavones bereits als eine "Fatwa". Sie meinen damit ein Todesurteil gegen den Schriftsteller. Die Zeitung La Repubblica ist jedenfalls überzeugt: "Wenn die Casalesi die Möglichkeit bekommen, werden sie Roberto Saviano töten."
Der 29 Jahre alte Autor lässt sich von den Mafiosi dennoch nicht kleinkriegen. Er verspricht, auch wenn er ins Ausland gehe, "werde ich mich mit ihnen beschäftigen - diesmal auf internationaler Ebene". Die Wut auf die Camorra gebe ihm die Kraft weiterzukämpfen. "Ich bin nur ein Schriftsteller, und ich habe nur Wörter benutzt. Genau davor aber haben sie Angst: vor den Wörtern. Ist das nicht wunderbar?"
"Leben, das ist Bewegung": Felix Grützner tanzt auf Beerdingungen, um an die Verstorbenen zu erinnern und Raum für Gefühle zu schaffen. Jetzt lesen ...
- Saviano und die Mafia Der Lohn ist Angst 15.10.2008
- Mafia-Festnahmen Razzia am Rand von Neapel 30.09.2008
- Italien "Von der Mafia befreite Erde" 03.08.2008
(SZ vom 17.10.2008/grc)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
Über solche Beitrag wie das von "olleluja" kann ich mich als Italienerin nur ägern. Sorry aber Sie haben keine Ahnung.
Dass Saviano über eine Ausreise nachdenkt, zeigt doch wie schwer es ist, sich gegen das Mafiasystem zu stellen, dagegen zu kämpfen. Es ist viel zu festgefahren. Es ist ein Teufelskreis. Glauben Sie wirklich, dass sich etwas ändert, wenn Saviano bleibt? Glauben Sie, dass ein Opfer mehr das Land ändern würde? Italien wird von wenigen Dingen beherrscht: der Mafia, dem Rassismus, dem Faschismus, der Korruption, der Ignoranz und der Heuchelei. Es ist beschämend. Che bella vita!
Im Ausland ist Saviano für die Mafia schwer greifbar und gibt der Mafia (Leider) so die Möglichkeit ihr Gesicht zu wahren.
Wenn es die Mafia darauf anlegt, helfen keine Panzerungen oder Personenschützer mehr.
Man sehe sich dieses Bild der Liquidierung des Mafiajägers Giovanni Falcone an:
mpg.de/bilderBerichteDokumente/multimedial/bilderWissenschaft/2004/04/paoliFalcone/Web_Zoom.jpeg
Fakten:
Detonation einer halben Tonne Sprengstoff neben der Autobahn
Die Scheibe die dort in dem 50 Meter breiten Krater liegt ist gepanzert
Der Richter (53), seine Frau Francesca (36) und drei Leibwächter wurden getötet.
Saviano hat meiner Meinung nach bereits den Status eines Falcones erreicht und ist somit ein Top-Ziel für die Mafia. Savianos Position ist allerdings schwächer als die Falcones, da er zu keinem Staatsorgan zugehörig ist.
Das sehe ich genauso wie drkosel. Berlusconi sollte ein Machwort sprechen und für den Fall eines Anschlags auf Saviano drastische Konsequenzen androhen. Die Camorra will in Ruhe Geschäfte machen und sollte gewarnt werden, dass es für den Fall eines Attentats lange Zeit keine ruhigen Rückzugsräume mehr geben wird!
In Italien kann man auch sehr schön sehen, wie der Kampf gegen den Terror (Al-Qaida)Kapazitäten gebunden hat und somit der tatsächliche tägliche Terror wieder die Oberhand gewinnen konnte.
@giuseppemaruozzo
Ich finde Berlusconis Vorgehen gegen die angeblich linken Richter und Staatsanwälte auch sehr bedenklich. Manchmal frägt man sich bei Berlusconi tatsächlich, auf welcher Seite er nun wirklich steht
Es scheinen hier Einige Einiges nicht zu begreifen. Wer den Film "Gomorra" gesehen hat, der muss doch erkennen, das der Film eine Innenperspektive der Mafiarealität leistet, d.h. die Kinder werden in dieses System hineingeboren und der Staat taucht nur als "Blaulicht" auf, der immer nur (zu spät) zum Tatort eilt. Er ist aber sonst auch nicht präsent, d.h. der "Fürsorgende Staat" wie sie ihn hier in Deutschland kennen und erleben, existiert in Italien nicht. Italien ist kein Sozialstaat. Begreifen sie das doch endlich. Schlimmer noch: alle politischen Parteien haben darin versagt. Es ist eine Politikerkaste, die mit den Mafiosis unter einer Decke steckt. Saviano ist nur das prominenteste Opfer des Staates. Es gibt eine noch schlimmere Realität. Das Magazin "L'Espresso" hat gerade den Abschiedsbrief des Prof. Parmaliano aus Sizilien publiziert, indem der Familienvater seine Verzweiflung beschreibt als Mafiaankläger, der sogar von den Staatsorganen und den Richtern, dann plötzlich als "Angeklagter" sich wieder findet, weil er die mafiosen Machenschaften in der kleinen Gemeinde im Jahre 2005 aufgedeckt hatte und deswegen von allen geschasst wird, bis er schließlich Selbstmord begeht. Das ist Italien geworden, ein Unrechtsregime, das in Europa unter Quarantäne gestellt werden müsste. Und dann müsste es endlich den Mafiosis im Staat an den Kragen gehen, anstatt denjenigen, die dieses Krebsgeschwür bekämpfen und die im Staat schon längst Metastasen gebildet hat. Wenn unabhängige Richter in Italien ermitteln dürften, würden sie sehr schnell feststellen, das die Mafiosis schon längst die italienischen Institutionen beherrschen. Das ist doch das Dilemma. Italiens Regierungschef ist doch ein Gesetzesbrecher und gerade deswegen findet ihn doch die Mehrheit der Italiener auch noch sexy. Das ist doch sein ERFOLG, verstehen sie? Und er ist sehr glaubwürdig, denn er hat mal gesagt, dass die Justiz in Italien nicht funktioniere. Ja, denn hätte sie funktioniert, dann säße er jetzt hinter Gittern und nicht a der Spitze der Regierung.
wenn er ein Buch über die Enthüllungsbuch über Mafia schreibt, muss er doch mit deren Widerstand rechnen. Jedem italienischem Journalisten, Schriftsteller und Staatsanwalt ist das klar und jeder geht das Risiko bewusst ein. Er selbst ist auch Journalist.
Saviano betreibt unverantwortliche Publicity für sich selbst. Es ergibt doch keinen Sinn, sein eigenes Untertauchen per Fernsehen anzukündigen zumal er ja schon ins Personenschutzprogramm aufgenommen wurde.
Wenn er jetzt darüber in Zweifel geraät, ob es all die Mühe wert war, diskreditiert er alle bsiherigen Opfer der Mafia und noch vielmehr die Kämpfer gegen die Mafia.
Wieso sollte sich der Obermafiosi zu Wort melden?
Vielleicht handelt ja Savianos nächstes Buch über ihn!
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