Bulgarien/Rumänien Sklaverei im 21.Jahrhundert

100 Euro für einen Schweinehüter

Von Von Kathrin Lauer

Eines Tages im vorigen Herbst wurde ein Bauer aus dem Dorf Gostinu an der Grenze zu Bulgarien im Bukarester Kinder-Hospital "Grigore Alexandrescu" vorstellig. Er wolle einen Jungen abholen, der ihm gehöre, sagte er. Der Bauer war nicht der Vater des 13-jährigen Gheorghita, der mit schweren Verbrennungen im Krankenhausbett lag. Er war sein Sklavenhalter. Er hatte den Jungen von dessen Familie in Nordost-Rumänien "gemietet", um ihn als Schweinehüter einzusetzen. Der Arzt weigerte sich, den Jungen herauszugeben.

Mit Hilfe von Medien und Hilfsorganisationen gelang es, Gheorghitas Mutter aus dem 400 Kilometer entfernten Dorf Cepelnita an das Krankenbett zu holen. Dort spielten sich dramatische Szenen ab - zwischen dem weinenden Gheorghita, der nach Hause wollte, dem Sklavenhalter, der "sein Eigentum" einforderte, und der hilflosen Mutter, die beteuerte, den Jungen nicht ernähren zu können.

Sie lebt von umgerechnet 50 Cent pro Tag, die sie mit illegalem Holz-Sammeln verdient, und vom staatlichen Kindergeld, das sieben Euro im Monat beträgt. Der Bauer aber hatte der Mutter 100 Euro Miete für das Kind bezahlt, etwa zwei Drittel des rumänischen Netto-Durchschnittslohns im Monat.

Nach dem jüngsten Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef arbeitet jedes fünfte der 5,6 Millionen rumänischen Kinder. Von ihnen schuften 90 Prozent in der Landwirtschaft, der Rest im Verkauf oder auf dem Bau. Im Nachbarland Bulgarien scheint die Situation etwas weniger dramatisch zu sein. 6,4 Prozent der Kinder arbeiten laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), von diesen die meisten auf dem Bauernhof ihrer Eltern.

In beiden Ländern gibt es Kinder, die betteln oder sich an den Verkehrsampeln auf die wartenden Autos stürzen, um für das Scheibenwaschen ein paar Cent zu erhaschen. Beide Länder wollen 2007 der Europäischen Union beitreten. Doch die EU-Kommission hat sich in ihren Jahresberichten bisher immer nur mit der Situation der Waisen und der Heimkinder beschäftigt. Hierbei wird Bulgarien 2003 eine verbesserte Gesetzeslage bescheinigt, wenngleich sich am Zustand der Kinderheime nichts geändert habe.

Auch in Rumänien, meint die EU, habe sich in Sachen Kinderschutz einiges getan. Brüssel ist zufrieden damit, dass in Rumänien immer mehr Heime aufgelöst und die Kinder wieder in die Familien eingegliedert werden - in jene Familien, die sie aus Armut sich selbst überlassen hatten und die sie nun womöglich zur Arbeit schicken.

In Rumänien hat Ausbeutung vor allem in der Landwirtschaft Tradition. Noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurden in Süd-Rumänien Landarbeiter samt Kindern wie Sklaven gehalten. Außerdem wirkt noch das Erbe der Kommunisten, die Familienplanung und Abtreibung verboten hatten.

So setzen gerade die Ärmsten der Armen Kinder in die Welt, die sie entweder aussetzen oder zum Arbeiten und zum Betteln schicken. Überdies wird derzeit in Rumänien über die Möglichkeit gestritten, Kinder zur Adoption im Ausland freizugeben. Die USA setzen sich dafür ein, weil dies dem Wunsch vieler kinderloser Amerikaner entspricht.

Die EU ist dagegen, weil in der Vergangenheit mit der Vermittlung von Adoptivkindern viel Schindluder getrieben wurde. Deswegen ist ein geplantes Kinderschutz-Gesetzespaket immer noch nicht verabschiedet, zu dem neben neuen Adoptionsregelungen auch eine Verschärfung der Strafen für Kinderarbeit gehört.

In Gostinu hüten derweil etwa 400 Kindersklaven die Schweine, heißt es. Gheorghita war in die Klinik gebracht worden, nachdem er, aus Langeweile, auf einen Strommast geklettert und einen elektrischen Schlag erlitten hatte. Dabei konnte er noch von Glück sagen, dass er überhaupt in ärztliche Behandlung kam.

(SZ vom 11.5.2004)