Archäologie Waren die ersten Künstler Neandertaler ?

Untersuchungen an Skelettresten regen eine radikal neue Theorie über die Steinzeit-Kunst an.

Von Von Christian Stöcker

"Eine seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten bestehende Annahme wird in Frage gestellt." Der Archäologe Nicholas Conard ist selbst erstaunt über die Ergebnisse, die an diesem Donnerstag im Fachmagazin Nature (Bd.430, S.198, 2004) erscheinen.

Für die moderne Menschheit sind die Erkenntnisse fast peinlich: Die ältesten beweglichen Kunstwerke Europas, Elfenbeinfigürchen aus der schwäbischen Vogelherdhöhle, stammen womöglich gar nicht von unseren Vorfahren - sondern von Neandertalern. Das Resultat könnte unsere Sicht der Altsteinzeit vollständig verändern.

Die elf Figuren, die der deutsche Archäologe Gustav Riek 1931 in der im Lonetal gelegenen Höhle ausgrub, galten bislang als bedeutende Zeugnisse frühen menschlichen Kunstschaffens. Die fein ausgearbeiteten Statuetten, kleine Mammuts etwa, ein Pferdchen und ein Höhlenlöwe, waren die ersten, aber nicht die einzigen Sensationsfunde in der Region.

Später wurde dort in einer anderen Höhle auch der so genannte Löwenmensch entdeckt, eine zweibeinige Figur mit dem Kopf eines Höhlenlöwen. Er wurde von vielen Forschern als Hinweis auf eine Schamanen-Religion bei den Menschen in der Aurignacien genannten Periode betrachtet. Zwei Knochenflöten deuteten zudem auf musikalische Interessen der prähistorischen Schwaben hin.

Insgesamt wurden die Funde aus der Gegend als Hinweis gewertet, dass in der schwäbischen Alp vor etwa 35000 Jahren eine Art kultureller Urknall der modernen Menschheit stattgefunden hat.

Das Aurignacien begann etwa vor 40.000 Jahren und endete 10.000 Jahre später. In dieser Phase der Altsteinzeit, davon war man zumindest bislang ausgegangen, lebten in Mitteleuropa sowohl unsere Vorfahren als auch die kurz darauf ausgestorbenen Neandertaler.

Conard und seine Kollegen haben nun mit Hilfe der so genannten Radiokarbonmethode die menschlichen Skelettreste datiert, die in der Vogelherdhöhle gemeinsam mit den Elfenbeinfiguren gefunden wurden.

Bislang hatte man diese Knochen als Beleg dafür angesehen, dass die aus Mammutzähnen geschnitzten Figuren von unseren direkten Vorfahren hergestellt wurden.

Jetzt stellte sich heraus: Während die kleinen Kunstwerke aus der Vogelherdhöhle 30.000 bis 40.000 Jahre alt sind, sind die menschlichen Skelette, die im Eingangsbereich der Höhle gefunden wurden, nicht älter als 5000 Jahre.

Sie wurden dort wohl beerdigt - eine bereits von anderen Stätten bekannte Praxis dieser Zeit.

Schon vor einiger Zeit waren auch Skelettreste aus der französischen Dordogne neu datiert worden und erwiesen sich als nicht älter als 25.000 Jahre. Damit entstammen sie der auf das Aurignacien folgenden Gravettien-Kultur.

Es gibt damit keinen stichhaltigen Beleg mehr, dass der moderne Mensch für das Aurignacien und damit auch für die berühmten Zeichnungen in französischen Höhlen wie der von Chauvet verantwortlich ist.

Höhlenzeichnungen, Figuren, Flöten - all das könnte ebenso gut das Werk von Neandertalern gewesen sein. Dass die im Aurignacien in Mitteleuropa präsent waren, ist nämlich anhand von Knochenfunden eindeutig nachgewiesen.

"Im Grunde", so der Archäologe Jürgen Richter von der Universität Köln, "sind wir im Moment gezwungen zu sagen, das Aurignacien geht auf den Neandertaler zurück".