Appell an Regierung Experte fordert Kommission gegen Kindesmissbrauch

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung warnt vor einem Einstellen der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen. Das künftige Kabinett müsse sich "konsequenter und mit mehr Mitteln" um Prävention bemühen, etwa in Form einer ständigen unabhängigen Kommission. Zumal Rörigs eigenes Büro nach der Wahl geschlossen werden soll.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat davor gewarnt, das Thema Kindesmissbrauch in der öffentlichen Diskussion "in den Hintergrund zu schieben". Die Politik dürfe "bei dem unbequemen Thema Missbrauch nicht bequem werden", erklärte Rörig bei der Vorstellung seines Bilanzberichts in Berlin. Die künftige Bundesregierung forderte er auf, sich "konsequenter und mit mehr Mitteln" für die Bekämpfung von Kindesmissbrauch einzusetzen.

Rörig fordert die Einrichtung einer unabhängigen Kommission. Diese war in der Vergangenheit von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) abgelehnt worden. "Bis heute gibt es keine systematische Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland", ermahnte der Regierungsbeauftragte. Runde Tische reichten dafür nicht aus.

Länder zieren sich bei Finanzierung

Rörig kritisierte, dass Betroffenen zu wenig Hilfe zur Verfügung gestellt werde. Dass Länder und Kommunen noch nicht das Netz der Beratungsstellen ausgebaut hätten, bezeichnete der Missbrauchsbeauftragte als "ärgerlich". Auch sollten die Länder ihren Anteil am Hilfefonds leisten, in den bisher nur der Bund 50 Millionen Euro eingezahlt hat.

Weiterhin hohen Investitionsbedarf sieht Rörig bei Prävention und Intervention. Das habe die zweite bundesweite Befragung zu Schutzkonzepten unter anderem in Kitas, Schulen, Vereinen und kirchlichen Einrichtungen ergeben. Zwar gebe es "Einzelaktivitäten", umfassende Schutzkonzepte kämen aber noch selten zur Anwendung. Positiv hervorzuheben sei, dass Fort- und Weiterbildungen in der Mehrzahl der Einrichtungen angeboten und Ansprechpartner häufiger benannt würden.

Das Büro des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung war 2010 eingerichtet worden, nachdem bundesweit Missbrauchsfälle an Schulen bekannt geworden waren. Die unabhängige Stelle wurde zunächst von der SPD-Politikerin Christine Bergmann geleitet. Laut Rörig wurden bis Ende Juli insgesamt 16.500 Menschen von Mitarbeitern des Büros telefonisch beraten, etwa 4500 schriftliche Anfragen gingen ein. Das Büro soll voraussichtlich nach der Bundestagswahl geschlossen werden.