Afrikanische Flüchtlinge in Italien Endstation Sehnsucht

Sie drängen sich in den Kähnen, scheuen selbst die Todesgefahr nicht: Jedes Jahr flüchten Tausende aus Afrika. Ihr Zielort: die italienische Insel Lampedusa, für viele das Tor zur Hoffnung.

Von St. Ulrich

Das "Tor nach Europa" steht an einem unwirtlichen Ort. Der Wind fegt über das nackte, von Steinbrocken übersäte Kap unweit des Hafens von Lampedusa. Die Reste von Weltkriegsbunkern verrotten in der salzigen Luft. Aus dieser Ödnis ragt ein sandfarbenes Monument sechs Meter hoch empor. Das Eisenportal ist mit Keramikplatten verkleidet, auf denen, als Reliefs, Hände und Köpfe zu sehen sind, zerlatschte Schuhe, zerbrochene Tontöpfe, ein löchriger Hut. "Porta di Lampedusa - Porta d'Europa" steht auf dem Denkmal. Es ist den Menschen gewidmet, die auf der Flucht vor Hunger und Krieg übers Meer verloren gingen.

Wie viele Bootsflüchtlinge im Kanal von Sizilien zwischen Afrika und der kleinen italienischen Insel Lampedusa ertrinken, verdursten oder an Erschöpfung sterben, weiß niemand. Hilfsorganisationen schätzen, dass es Jahr für Jahr Aberhunderte sind. Viele dieser Unglücklichen werden nie geborgen. Wenige fanden auf dem Friedhof von Lampedusa ein Grab.

Dort liegt, zwischen schmucken Kapellen der Insel-Familien, ein Stück graubraune, steinige Erde. Ein Gottesacker. Auf Sandhaufen stehen Kreuze aus alten Holzlatten. "O3 M3" und ähnliche Ziffernfolgen bezeichnen namenlose Tote. Das ist alles, was von der Hoffnung übrig blieb.

Lampedusa, Endstation Sehnsucht? Für viele Flüchtlinge aus Asien und Afrika, die in fauligen Holzkähnen meist von den Küsten Libyens losfahren, ist es so. Doch die Todesgefahren schrecken die Menschen nicht. Das italienische Innenministerium teilte jetzt mit: 2008 flohen 37.000 Menschen übers Meer nach Italien. Das sind 75 Prozent mehr als im Jahr davor. 31.000 dieser "Disgraziati", dieser "Unglücklichen", wie die Italiener sagen, landeten auf Lampedusa.

Wie dramatisch die Lage auf der Insel ist, zeigten die vergangenen Tage. Da das Meer ruhig war, wagten sich Tausende auf die Überfahrt. Immer wieder sichtete das Militär Kähne voller Menschen im Meer. Die Küstenwache geleitete sie an eine Hafenmole von Lampedusa. Jeden Abend sahen die italienischen Bürger in den Nachrichten, wie die Boote durchs nachtschwarze Wasser heranglitten. Oft waren so viele Menschen darauf, dass sie nur stehen konnten. Aneinander gepresst, mit Wollmützen gegen die Kälte geschützt, überstanden sie die Reise. "Aiuto", war ihr erster Ruf. "Hilfe."

Symbol für Hoffnung und Furcht

Das für 850 Menschen angelegte, moderne und gut geführte Auffanglager der Insel war wieder einmal überfüllt. Diesmal waren auch viele allein geflohene Jugendliche dabei. Nach einigen Tagen werden die Menschen meist in andere Lager auf Sizilien und dem Festland ausgeflogen. Wer keinen Asylantrag stellt, findet sich oft mit einem Ausreisebefehl allein in Italien wieder. Viele tauchen ab. Sie suchen sich einen der illegal angebotenen Jobs in der Landwirtschaft, der Industrie oder als Haushaltshilfe und hoffen auf eine der Amnestien, mit denen die Regierungen in Rom alle paar Jahre Hunderttausende Menschen "legalisiert".

Ahmed - er heißt in Wirklichkeit anders - ist einer derer, die es geschafft haben. Er stammt aus Bangladesch. Von da aus schlug er sich nach Libyen durch. Dort schuftete er zwei Jahre, um das Geld für die Überfahrt auf einem der Seelenverkäufer zu verdienen. Von Lampedusa aus wurde er in ein Lager im kalabrischen Crotone gebracht, aus dem er entweichen konnte. Heute lebt er als Gehilfe eines italienischen Elektrikers in Rom.

Die Aussicht auf ähnliche Schicksale wird 2009 wieder Zehntausende Asiaten und Afrikaner zu der lebensgefährlichen Reise verleiten. Lampedusa ist für sie ein Symbolort der Hoffnung, einem trostlosen Leben in der Dritten Welt zu entrinnen. Lampedusa ist aber zugleich der Platz, an dem sich die Ängste vieler Europäer festmachen, ihr Kontinent werde von Einwanderern "überflutet".

So gewann die italienische Rechte unter Silvio Berlusconi die Parlamentswahl vom April auch mit dem Versprechen, sie werde die Flucht übers Meer stoppen. Doch ein Vertrag mit Libyen, der gemeinsame Patrouillen im Meer vorsieht, fruchtete bislang nichts. Innenminister Roberto Maroni von der Regional-Partei Lega Nord verlangt nun, Libyen unter Druck zu setzen. Zugleich kündigte er an: "Wer in Lampedusa an Land geht, wird künftig binnen Tagen in seine Heimat zurückgebracht, ohne vorher in andere italienische Auffangzentren zu kommen."

Vor Neujahr wurden prompt 44 Ägypter von Lampedusa nach Kairo geflogen.

Für sie war die Insel eine Endstation Sehnsucht. Für andere wird Lampedusa tatsächlich zum Tor in ein besseres Leben. So erzählen Mitarbeiter des Auffanglagers von einem Nigerianer, der fragte, ob vor einigen Monaten seine schwangere Frau da gewesen sei. Sie war es. Die italienische Polizei machte sie in einem Haus für junge Mütter in Pescara ausfindig - der Nigerianer lernte endlich seine kleine Tochter kennen.