Wohnungsnot "Es läuft eine Entwöhnung"

Warum Kinder in München nicht mehr zum Alltag gehören

Von Sibylle Steinkohl

(SZ vom 29.1.2001) - Der Wohnungsmarkt in München ist angespannt. Familien bekommen dies in aller Härte zu spüren: In weniger als 20 Prozent der Münchner Wohnungen leben noch Kinder und Jugendliche. Jana Frädrich, die Kinderbeauftragte der Stadt München, plädiert trotzdem für ein Leben in der Stadt.

Wohnungsnot

(Foto: SZ-Grafik)

SZ: Sind die Familien auf dem Münchner Wohnungsmarkt die Verlierer?

Frädrich: Die Familien trifft es hart. In der Regel kann man mit einem Kind noch eine erschwingliche Wohnung finden. Aber schon mit zwei Kindern beginnen die Probleme. Mich rufen oft Familien an, die wegen ihres Einkommens keine Sozialwohnung mehr bekommen. Eine frei finanzierte Vier-Zimmer-Wohnung können sie sich auch nicht leisten.

SZ: Ziehen darum viele aufs Land?

Frädrich: Im S-Bahn-Bereich sind die Miet- und Kaufpreise nicht viel günstiger. Da muss man noch weiter rausziehen. Ich glaube, das ist auch eher eine emotionale Entscheidung: Man möchte dem Kind einen Garten bieten. Trotzdem würde ich empfehlen, den Wunsch nach dem Häuschen im Grünen mit allen Konsequenzen zu betrachten: Kinder werden schnell größer. Dann haben sie andere Bedürfnisse. Wir haben uns als Familie dafür entschieden, in der Stadt zu bleiben.

SZ: Haben Sie eine ideale Wohnung?

Frädrich: Ja. Wir wohnen mit unserem vierjährigen Sohn in Giesing, im vierten Stock. Ich kann ihn allein zum Spielen in den Hof runterlassen. In dem Viertel gibt es viele Kinder und gute Einrichtungen für sie. Vor dem Umzug haben wir Hausbewohner angesprochen, Alte und Junge, und gemerkt, Kinder sind hier kein Konfliktthema. Das würde ich allen Eltern, die eine Wohnung suchen, raten: Das Umfeld muss kinderfreundlich sein.

SZ: Also ein Spielplatz . . .?

Frädrich: Man sollte sich überzeugen, dass nicht nur irgend ein Spielgerät im Hof da ist, sondern ob der Spielplatz auch genutzt wird. Das ist ein guter Hinweis, ob Kinder im Haus wohnen und ob man sie spielen lässt. Dadurch entstehen Kinderfreundschaften, und es bilden sich Netze unter den Erwachsenen. Oft fehlen ja auch die sozialen Kontakte für die jungen Eltern. Spielen in unmittelbarer Wohnungsnähe hat eine ganz andere Qualität, als wenn ich mit meinem Kind jeden Tag zum Spielplatz stapfen muss.

SZ: Worauf achten Sie bei der Wohnung selbst?

Frädrich: Auf eine Küche, in der man einen gemütlichen Essplatz einrichten kann. Wir brauchen auch kein riesiges Wohnzimmer und klitzekleine andere Räume. Wenn die Zimmer etwa gleich groß sind, ist man bei der Aufteilung nicht festgelegt und kann sie im Lauf der Jahre ändern.

SZ: Das sind viele Idealvorstellungen.

Frädrich: Ja, aber sie sind in München schon zu finden. Manchmal muss man allerdings länger suchen.

SZ: Viele suchen aber händeringend.

Frädrich: Die Wohnungen sind da. Aber sie werden eher von Singles oder Partnern ohne Kinder gemietet. Sie können für eine großzügige Drei-Zimmer-Wohnung 2000 Mark und mehr bezahlen; eine Familie mit zwei Kindern und einem normalen Einkommen kann das oft nicht. Es gibt ja das gute München-Modell für den Haus- und Wohnungskauf. Doch dafür braucht man Rücklagen, die junge Familien oft nicht haben. Deshalb wird jetzt ein München-Modell für Mietwohnungen diskutiert. Diese Idee ist bei uns mit entstanden.

SZ: Sollten sich auch die Vermieter ändern?

Frädrich: Leider sagen nur wenige Vermieter, ich nehme bewusst eine Familie. Aber es gibt sie, das haben wir bei unserem Wettbewerb "München - Offen für Kinder" erlebt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Vermieter Familien mit zwei, drei Kindern nehmen. Familien bringen doch etwas mit: Lebendigkeit, Kontaktfreude, Zeit und Nachbarschaftlichkeit. Sie sind nicht nur Bittsteller.

SZ: Dennoch ziehen sie oft den Kürzeren. Das berichten auch Familien, die eine hohe Miete bezahlen könnten.

Frädrich: Wo wenig Kinder sind, läuft eine Entwöhnung. Das normale Dasein von Familien, der Bewegungsdrang von Kindern, ihre Geräusche gelten dann nicht mehr als normal, sondern als störend.

SZ: Was kann man dagegen tun?

Frädrich: Es muss wieder etwas Alltägliches werden, dass Kinder da sind. Wir brauchen eine Mischung von Alten und Jungen, von Familien und Kinderlosen. Die Stadt kann zwar nicht verordnen, dass ein Vermieter Kinder nimmt oder sich Nachbarn nicht über den Lärm aufregen. Aber es ist Aufgabe der Kinderbeauftragten, aktiv an einem Umdenken mitzuwirken.

SZ: Wo soll eine Familie am besten hinziehen?

Frädrich: Jede fühlt sich anders wohl: Die einen stehen auf ein Viertel wie Giesing, andere wollen es anonymer und wieder andere nur mit Garten. Aber es muss eine kluge Entscheidung sein. Ich würde lieber länger suchen - und nicht zu viele Kompromisse machen.