Verkehr in München Jeder gegen jeden

Gelassenheit ist anderswo: Selten ist die Reporterin so oft angesprochen worden wie bei dieser Recherche. Eine Fußgängerin wollte sie gleich im Kampf gegen Geisterradler einspannen.

Von Birgit Lutz-Temsch

Alle regen sich auf. Radfahrer, Fußgänger, Autofahrer. Jeder schimpft über jeden. Die Reporterin ist selten so häufig bei ihrer Arbeit angesprochen worden wie bei der Recherche entlang ein paar Münchner Fahrradwege. Eine aufgebrachte Bürgerin in der Lindwurmstraße verlangte sogar, sofort einen Geisterradler zur Rede zu stellen, zu fotografieren und in der Zeitung anzuprangern.

Nadelöhre und Mausefallen

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Der Zorn jedoch ist verständlich, wenn man eine Viertelstunde an der Stelle stehenbleibt, an der er sich entlud: Nämlich an der Unterführung in der Lindwurmstraße. Hier vereint sich der Rad- mit dem Fußweg zu einem Streifen, der kaum drei Schritte breit ist. Auf diesem begegnet sich alles, was kein Auto ist. Brenzlig wird es nicht nur, wenn die U-Bahn in der Poccistraße eine Ladung Menschen ausspuckt, die dann zumindest teilweise ihren Weg durch die Unterführung nimmt.

Die Fußgängertraube begegnet anderen Fußgängern, ihnen entgegen kommen Radfahrer, einige von ihnen ziehen schrilles Klingeln der Bremse vor. Und dann auch noch die Geisterradler, also diejenigen Radfahrer, die den Radweg in verkehrter Richtung befahren und Fußgänger scheuchen, wenn sie ausweichen müssen. Kriminell sei das, sagt die Dame, die in der Nähe wohnt und sich oft durch diese Unterführung wagen muss. Und Rücksicht nehme niemand.

Zumindest im letzten Punkt muss man der Dame Recht geben, wenn man einen Tag lang durch München geradelt ist, an einigen Stellen angehalten und den Verkehr ein bisschen genauer beobachtet hat. Der deutsche Verkehrsteilnehmer beharrt auf seinem Recht, auch wenn er gar keins hat. Gelassenheit ist anderswo.

Auf der Lindwurmstraße sucht man die Gelassenheit vergebens, was daran liegen mag, dass man sie nur mit wirklich geschärften Sinnen befahren kann: Der ADFC hat die Piste, die zum Sendlinger Tor führt, zur gefährlichsten Münchens gekürt.

Die Risikofaktoren: Obwohl der Radweg einer der am meisten befahrenen der Stadt ist, ist er viel zu schmal. Die vielen Fußgänger achten zu wenig auf die Radler. Weil es wenige Kreuzungsmöglichkeiten gibt, fahren überdurchschnittlich viele Radfahrer in falscher Richtung.

Und nicht zuletzt münden stadteinwärts auf dem kurzen Stück zwischen der Unterführung und dem Sendlinger Tor ganze elf Straßen ein. Genügend Gelegenheit für Rechtsabbieger, einen Radfahrer zu übersehen.

Kein Waldweg, nirgends

Wer sich nun denkt, man könne gefahrloser und nervenschonender durch die Thalkirchnerstraße radeln, täuscht sich. Dreimal muss bei der Testfahrt stadteinwärts wegen anliefernder Lastwagen auf die Straße ausgewichen werden. In Höhe des alten Arbeitsamts, direkt nach einer Bushaltestelle, endet der Weg abrupt und mündet in die Straße.

Eine Frau mit Anhänger wechselt auf die Straße und fährt einem Auto vor die Schnauze, das den anhaltenden Bus überholt. Bremsen quietschen. Weiter stadteinwärts radelt man an parallel geparkten Autos entlang und tut gut daran, hellseherische Fähigkeiten zu entwickeln: Um rechtzeitig zu reagieren, wenn ein Autofahrer plötzlich die Türe öffnet. Das kann stadtauswärts weniger passieren - hier parken die Autos quer und damit oft gleich ganz auf dem Radweg.

Nadelöhr und Mausefalle

In eine richtige Falle kann man in der Kapuzinerstraße tappen. Auf dem Abschnitt zwischen Thalkirchner- und Dreimühlenstraße fahren Radler in östlicher Richtung auf dem Gehweg, was aufgrund der Breite kein Problem wäre. An der Ecke Kapuziner-/Dreimühlenstraße steht jedoch eine meterhohe Kirchenmauer, die jede Sicht in die andere Straße verhindert. Und so treten immer wieder arglose Fußgänger, die sich auf einem Bürgersteig wähnen, hinter dieser Mauer hervor, um dann um ein Haar von einem Radfahrer umgefahren zu werden. Während der Testfahrt passiert das einer Nonne. Die sich entsetzt gerade noch rettet.

Göttlichen Beistand könnte man an diesem Tag öfter gebrauchen. Zum Beispiel in der Leopoldstraße, in der sich der Radweg um U-Bahn-Abgänge und Straßencafés herumschlängelt. An der Münchner Freiheit umfährt man den Busbahnhof und trifft nach einer 90-Grad-Kurve urplötzlich auf sich öffnende Autotüren. Übersichtlicher, dafür umso enger ist es am Max-Joseph-Platz: Vor dem Spatenhaus quälen sich Radfahrer durch ein Nadelöhr, durch das sich auch etliche Fußgänger quetschen, obwohl der Fußweg ganz woanders verläuft.

Den Gästen des Spatenhauses wird allein deshalb schon nicht langweilig, umso lustiger wird die Vorstellung noch durch umher-stolpernde Touristen, die die rot gestrichene Fahrradpiste entweder gar nicht wahrnehmen oder nicht deuten können. Zumindest bayerische Schimpfwörter kann der Besucher hier gut lernen.