Gelassenheit ist anderswo: Selten ist die Reporterin so oft angesprochen worden wie bei dieser Recherche. Eine Fußgängerin wollte sie gleich im Kampf gegen Geisterradler einspannen.
Alle regen sich auf. Radfahrer, Fußgänger, Autofahrer. Jeder schimpft über jeden. Die Reporterin ist selten so häufig bei ihrer Arbeit angesprochen worden wie bei der Recherche entlang ein paar Münchner Fahrradwege. Eine aufgebrachte Bürgerin in der Lindwurmstraße verlangte sogar, sofort einen Geisterradler zur Rede zu stellen, zu fotografieren und in der Zeitung anzuprangern.
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Der Zorn jedoch ist verständlich, wenn man eine Viertelstunde an der Stelle stehenbleibt, an der er sich entlud: Nämlich an der Unterführung in der Lindwurmstraße. Hier vereint sich der Rad- mit dem Fußweg zu einem Streifen, der kaum drei Schritte breit ist. Auf diesem begegnet sich alles, was kein Auto ist. Brenzlig wird es nicht nur, wenn die U-Bahn in der Poccistraße eine Ladung Menschen ausspuckt, die dann zumindest teilweise ihren Weg durch die Unterführung nimmt.
Die Fußgängertraube begegnet anderen Fußgängern, ihnen entgegen kommen Radfahrer, einige von ihnen ziehen schrilles Klingeln der Bremse vor. Und dann auch noch die Geisterradler, also diejenigen Radfahrer, die den Radweg in verkehrter Richtung befahren und Fußgänger scheuchen, wenn sie ausweichen müssen. Kriminell sei das, sagt die Dame, die in der Nähe wohnt und sich oft durch diese Unterführung wagen muss. Und Rücksicht nehme niemand.
Zumindest im letzten Punkt muss man der Dame Recht geben, wenn man einen Tag lang durch München geradelt ist, an einigen Stellen angehalten und den Verkehr ein bisschen genauer beobachtet hat. Der deutsche Verkehrsteilnehmer beharrt auf seinem Recht, auch wenn er gar keins hat. Gelassenheit ist anderswo.
Auf der Lindwurmstraße sucht man die Gelassenheit vergebens, was daran liegen mag, dass man sie nur mit wirklich geschärften Sinnen befahren kann: Der ADFC hat die Piste, die zum Sendlinger Tor führt, zur gefährlichsten Münchens gekürt.
Die Risikofaktoren: Obwohl der Radweg einer der am meisten befahrenen der Stadt ist, ist er viel zu schmal. Die vielen Fußgänger achten zu wenig auf die Radler. Weil es wenige Kreuzungsmöglichkeiten gibt, fahren überdurchschnittlich viele Radfahrer in falscher Richtung.
Und nicht zuletzt münden stadteinwärts auf dem kurzen Stück zwischen der Unterführung und dem Sendlinger Tor ganze elf Straßen ein. Genügend Gelegenheit für Rechtsabbieger, einen Radfahrer zu übersehen.
Kein Waldweg, nirgends
Wer sich nun denkt, man könne gefahrloser und nervenschonender durch die Thalkirchnerstraße radeln, täuscht sich. Dreimal muss bei der Testfahrt stadteinwärts wegen anliefernder Lastwagen auf die Straße ausgewichen werden. In Höhe des alten Arbeitsamts, direkt nach einer Bushaltestelle, endet der Weg abrupt und mündet in die Straße.
Eine Frau mit Anhänger wechselt auf die Straße und fährt einem Auto vor die Schnauze, das den anhaltenden Bus überholt. Bremsen quietschen. Weiter stadteinwärts radelt man an parallel geparkten Autos entlang und tut gut daran, hellseherische Fähigkeiten zu entwickeln: Um rechtzeitig zu reagieren, wenn ein Autofahrer plötzlich die Türe öffnet. Das kann stadtauswärts weniger passieren - hier parken die Autos quer und damit oft gleich ganz auf dem Radweg.
Nadelöhr und Mausefalle
In eine richtige Falle kann man in der Kapuzinerstraße tappen. Auf dem Abschnitt zwischen Thalkirchner- und Dreimühlenstraße fahren Radler in östlicher Richtung auf dem Gehweg, was aufgrund der Breite kein Problem wäre. An der Ecke Kapuziner-/Dreimühlenstraße steht jedoch eine meterhohe Kirchenmauer, die jede Sicht in die andere Straße verhindert. Und so treten immer wieder arglose Fußgänger, die sich auf einem Bürgersteig wähnen, hinter dieser Mauer hervor, um dann um ein Haar von einem Radfahrer umgefahren zu werden. Während der Testfahrt passiert das einer Nonne. Die sich entsetzt gerade noch rettet.
Göttlichen Beistand könnte man an diesem Tag öfter gebrauchen. Zum Beispiel in der Leopoldstraße, in der sich der Radweg um U-Bahn-Abgänge und Straßencafés herumschlängelt. An der Münchner Freiheit umfährt man den Busbahnhof und trifft nach einer 90-Grad-Kurve urplötzlich auf sich öffnende Autotüren. Übersichtlicher, dafür umso enger ist es am Max-Joseph-Platz: Vor dem Spatenhaus quälen sich Radfahrer durch ein Nadelöhr, durch das sich auch etliche Fußgänger quetschen, obwohl der Fußweg ganz woanders verläuft.
Den Gästen des Spatenhauses wird allein deshalb schon nicht langweilig, umso lustiger wird die Vorstellung noch durch umher-stolpernde Touristen, die die rot gestrichene Fahrradpiste entweder gar nicht wahrnehmen oder nicht deuten können. Zumindest bayerische Schimpfwörter kann der Besucher hier gut lernen.
(SZ vom 11.6.2007)
Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld
Die neueste Antwort
Ich denke, Sie täuschen sich. Es ist immer der Radweg auf der rechten Seite zu benutzen. In Gegenrichtung darf nur gefahren werden, wenn ein Zusatzschild das ausweist (das ist das mit den zwei Pfeilen).
Das gilt auch für Einbahnstraßen. Hier darf nur entgegen der vorgeschriebenen Richtung gefahren werden, wenn ein Zusatzschild dies zuläßt (das mit dem Rad drauf und "frei" drunter). D.h. eine Einbahnstraße geht, die andere nicht.
Es ist ohnehin ein zweifelhaftes Privileg, weil weder Autofahrer noch Fußgänger darauf eingestellt sind, daß einer aus der anderen Richtung kommt (ich fahr lieber in der richtigen Richtung auf der Straße als gegen die Richtung auf dem Radweg), für Radfahrer gilt das auch.
Und auch hier heißt es wieder: da hat man zwar recht, aber auch Pech, wenn einem einer in den Weg läuft...
Aber jetzt weiß ich wenigstens, woher die vielen selbstbewußten Geisterradler kommen!
ob er jetzt hinter dem Steuer eines Autos sitzt oder im Sattel eines Fahrrades. Ich radle zwar nicht in München, sondern in Regensburg (wo die Sitten allerdings ebenfalls verrohen), aber auch hier gilt: mein Leben ist mir lieb, also gehe ich davon aus, daß alle anderen kein Hirn haben und versuche, deren Fehler oder Gedankenlosigkeiten mit auszugleichen.
Meine Knochen sind mir wichtiger als die Vorfahrt, also: Blickkontakt suchen! Bremsbereit sein! Und das wirkungsvollste aller Mittel: angepaßte Geschwindigkeit...
Und ist es nicht ein wunderbares Gefühl, sich dauernd überlegen zu fühlen?
Wenn ich in der SZ lese, daß ein Radfahrer in die Kreuzung einfährt, wo ein linksabbiegender Bus darauf wartet, die Kreuzung wieder verlassen zu dürfen und der Radfahrer dann bei erster Gelegenheit über den Haufen gefahren wird (ich weiß jetzt nicht, wie schwer seine Verletzungen waren), dann hat er zwar recht, aber auch Pech gehabt. Wer in einer solchen Situation nicht den Blickkontakt mit dem Busfahrer sucht, hat schon ein seeeeeehr großes Vertrauen in die Menschheit und die StVO.
Wenn einer beim Rechtsabbiegen erkennbar NICHT gesehen hat, daß ich da komme, dann bremse ich doch lieber als mich auf die Motorhaube zu legen, oder?
Ich scheibe auch aus einer Stadt, die sicher nie für Autos geplant war. Aber es scheint den Verkehrsplanern wichtiger, daß man in jeder Straße sein Auto am Rande abstellen darf (und deshalb die Busse an manchen Stellen nicht aneinander vorbeikommen, sondern den Gegenverkehr abwarten müssen), als daß sich Autos und Radfahrer gefahrlos gemeinsam dort bewegen können.
Tja, es bleibt schwierig.
Regensburg grüßt die Landeshauptstadt!
...ist einfach blöd organisiert, das ist alles. (warum z.B. ist die residenzstr. überhaupt fußgängerzone und nicht fahrradstr? als fußgänger geht man doch eh besser durch die theatinerstr). und ich finde, dass es der radverkehr in münchen schon verdient hätte, weniger als stiefkind behandelt zu werden. meiner beobachtung nach, sind es nämlich (sofern überhaupt vorhanden) IMMER die radwege die das nachsehen haben, wenn man ausweichplatz für fußgänger, parkplätze, bau- und kassencontainer, bauzäune, umleitungen, uns sonstwas braucht. und sie enden oft im nichts und abgasnebel. wenn mal zwei rücksichtslose autofahrer zusammenprallen heisst, es auch nicht gleich tagelang im münchenteil, die strasse des unfallortes müsste für autofahrer künftig gesperrt werden....und der hep wollte sich doch neulich - als velocitykonferenz und die radfahrförderung gerade "en vogue" war- noch dafür einsetzen, dass radler ggf sogar über rote ampeln fahren dürfen und jetzt droht er mit radlerplatzverweis auf dem hauptradweg der stadt? find ich seltsam, ehrlich!
Habe gerade einen Artikel aus der AZ vom 4/5.6.2005 gefunden. Da ging´s um Radler-Verkehrskontrollen, die damals die Polizei verstärkt durchführte. Es wurden u.A. unzählige Rotlichverstösse erfasst.
Und was schreibt die AZ? Sie berichtet von "dreister Abzocke", "Ampel-Fallen", "Abkassieren" usw. Und natürlich hat ein sicher ganz braver und gesetzestreuer Radler auch gleich eine Klage eingereicht, weil er "abgezockt" wurde, als er einen Rotlichverstoss begangen hat.
Kein Wunder also wenn Radler meinen, sie könnten sich alles erlauben. Wo doch selbst ein grosse Münchner Tageszeitung sich so deutlich auf die Seite der Radl-Rambos stellt....
Regeln im Verkehr gelten für ALLE Beteiligten - nicht nur für Diejenigen, die ein Kennzeichen an ihrem Gefährt haben. Aber DAS scheint in o.g. AZ-Bericht ja völlig ignoriert zu werden.
Gruß
Schlaubi
Ich kann nicht verstehen, warum in der SZ so undifferenziert ein angeblicher "Krieg" zwischen Verkehrsteilnehmern herbeigeschrieben wird. Sicher gibt es immer wieder Konflikte zwischen einzelnen Verkehrsteilnehmern, aber genauso sicher auch zwischen Autofahrern.
Die Situation auf der Achse Odeonsplatz - Münchner Freiheit - Sendlinger Tor ist abgesehen davon sicher eine der schwierigsten in der Stadt: es gibt dort eine sehr hohe Fußgänger- und Radverkehrsdichte und gleichzeitig ist für beide Gruppen der Verkehrsweg ziemlich alternativlos. Unter der Prämisse, dass insgesamt der Anteil des Fahrradverkehrs gefördert werden soll, muss eine Innenstadtquerung für Radfahrer möglich bleiben.
Besonders drei Stellen verdienen etwas mehr Aufmerksamkeit:
1) die Sperren an der Residenz, wo sich vor einigen Tagen der schwere Unfall ereignet hat. Wenn man sich die Situation genau anschaut, stellt man fest, dass ohne Not der Durchlass für Radfahrer auf eine, maximal drei Zwischenräume zwischen Pfosten verengt wird. Egal bei welchem Tempo sind hier Konflikte vorprogrammiert. Einfache Bauliche Maßnahmen (z.B. das Entfernen der Pfosten oder zumindest das Entfernen der Bodenschwellen zum Fahrbahnrand hin) könnte Unfälle vermeiden.
2) Dienerstraße/Maximilianstraße: auch hier ist der gemeinsame Verkehrsraum sehr stark verengt, zum Einen durch Tische, zum Anderen durch Sperren und Schilder. Abgesehen davon, dass es vielleicht sinnvoll wäre, die Gastronomiefläche zu verkleinern sollte zumindest der verbleibende Raum viel offener gestaltet werden. Mein Eindruck ist, dass die gut gemeinte rote Markierung eher Konflikte provoziert als beseitigt. In einem Verkehrsraum, der erkennbar von alle Beteiligte gleichermaßen genutzt werden soll, werden Radfahrer auch vorsichtiger fahren als in "ihrem eigenen" Bereich.
3) Marienplatz: Auch hier ist die bauliche Situation so, dass sich Radfahrer "auf der Straße" wähnen und Fußgänger als "Störung" empfinden. Ein einheitlicher Belag (sprich: Platten) würde den Platz anders wirken lassen.
Ich könnte mir Vorstellen, dass in einer gemeinsamen Verkehrsbeobachtung mit Vertretern der Stadt, der Fahrradverbände, der Polizei und Presse an diesen kritischen Stellen die Ursachen der Konflikte besser herausgearbeitet und dann auch beseitigt werden können.
Paging