Ungewöhnliche Reise nach Tibet So weit die Füße tragen

Er hat Job und Wohnung gekündigt. Jetzt ist Stephan Meurisch zu Fuß auf dem Weg nach Lhasa. Eine Wanderung über 13.000 Kilometer, ohne Hilfsmittel und ohne Geld. Über Schmerzen und Einsamkeit - und eine lückenhafte Vorbereitung.

Interview: Philipp Crone

Die Tour ging gar nicht gut los. Am 12. März machte sich Stephan Meurisch morgens nach seiner Feier zum 31. Geburtstag auf den Weg, nach zwei Stunden Schlaf, zu Fuß, mit einem 20 Kilo schweren Rucksack. Das Ziel: 13 000 Kilometer wandern, bis nach Tibet. Die Ausrüstung: Campingkocher, Zelt, Paracetamol, Pflaster, das Allernötigste. Die Regeln: Keine Hilfsmittel wie Bus oder Pferd, kein Geld. Wobei ihm dann doch noch eine Frau 50 Euro zugesteckt hat. Reisezeit: zwei Jahre. Zweck: ein guter. Vorbereitungen: kaum, möglichst wenig Planung. Und dann das: Im Internettagebuch (http://longtrailtotibet.blogspot.de), wo man jederzeit sehen kann, wo Meurisch gerade ist, schreibt er am zweiten Tag von "bösen Schmerzen" in den Beinen. Da sind es ja nur noch 12.950 Kilometer. Am Montag, nach einer Woche, klingt Meurisch am Telefon sehr fröhlich.

Herr Meurisch, haben Sie Schmerzen?

Ach, Sie haben das Tagebuch gelesen? Es geht im Moment. Die ersten Meter morgens sind immer ein wenig komisch, da muss ich mich erst warmgehen, jetzt ist es aber wunderbar, es tut nichts weh.

Wo sind Sie denn gerade?

Ich gehe von Salzburg Richtung Nordosten nach Strasswalchen. 27 Kilometer.

Zig Kilometer, jeden Tag. Warum machen Sie das denn eigentlich?

Ich will zeigen, wie frei man als mitteleuropäischer Mensch ist. So frei, dass man fast ohne Hab und Gut bis nach Tibet kommt.

Wo die Menschen nicht so frei sind.

Genau, deshalb werbe ich um Spenden für ein Kinderhilfsprojekt, das nennt sich Shelter 108 und hilft Flüchtlingskindern aus Tibet. Es ist der zweite Grund und Motivation meiner Aktion. Und allein in der ersten Woche gab es schon mehr Spenden, als wir gehofft hatten. Mich kann man aber natürlich auch unterstützen auf dem Weg.

Mit Geld.

Ja, auch das, aber gerne auch mit Tipps für eine Unterkunft, das hat die ersten Tage schon wunderbar geklappt. Als ich in Burghausen ankam, habe ich zwei auf der Straße angesprochen, die haben mich sofort aufgenommen.

Wo schlafen Sie in Strasswalchen?

Das weiß ich noch nicht.

Klingt nicht sehr durchorganisiert, ohne einen Plan für die ersten Tage. Wie soll das denn erst in Iran werden? Da geht's laut grober Route ja auch durch.

Also, ich habe ja zum einen genug Zeit, um mir da noch etwas einfallen zu lassen, nach Iran komme ich ja wohl erst in ein bis eineinhalb Jahren. Außerdem will ich auch zeigen, dass man nicht alles bis ins letzte Detail planen muss. Das klappt schon. Ich freue mich zum Beispiel schon sehr auf die Türkei, da war ich oft, ein sehr gastfreundliches Land. Nur vor Pakistan habe ich ein wenig Bammel.

(Im Hintergrund bellt ein gereizt klingender Hund) Alles in Ordnung?

Ja, hehe, der ist hinter einem Zaun.

Haben Sie etwas dabei, um sich im Notfall zu verteidigen?

Na ja, ich habe ein Messer dabei, aber das ist vor allem dafür gedacht, um Holz klein zu schneiden.

Sie haben bei einer Versicherung gearbeitet, sind Sie denn versichert auf der Reise?

Ja, den Job habe ich gekündigt, genauso wie meine Wohnung. Und jetzt bin ich derzeit in Deutschland nicht gemeldet, was eine kuriose Auswirkung hat: In Deutschland war ich nicht versichert, erst jetzt wieder in Österreich, da greift die Auslandsversicherung.

Wenn Sie in zwei Jahren in Tibet ankommen werden, wie geht es denn dann weiter?

Wie gesagt, ich habe keine großen Pläne, vielleicht gehe ich in ein Kloster, vielleicht gehe ich weiter nach Thailand.

Was sagt denn Ihre Freundin dazu?

Ja, das war wirklich nicht leicht. Job, Wohnung, das ging alles, aber meine Freundin zurückzulassen, das war hart.

Was ist da geplant? Ach, es gibt ja keine Pläne.

Ja, in dem Fall wissen wir nur, dass unsere Beziehung weitergeht, wir telefonieren, und sie kommt auch mal dazu und läuft mit mir mit.

Keine Angst vor der Einsamkeit?

Ich glaube nicht, ich bin ja immer in der Zivilisation, denn ich bin auf die Menschen und ihre Gastfreundschaft angewiesen. Und ich kenne solche Situationen auch schon von meinen Wanderungen durch die Rocky Mountains oder auf dem Jakobsweg. Das Gehen ist wie eine Meditation.

Tagelang?

Na ja, ich bin zwischen sechs und neun Stunden unterwegs, je nachdem, wie es läuft, da meditiert man mal, und dann sieht man sich um, es passiert ja permanent etwas, man kommt an neuen Orten vorbei, trifft Leute.

Schon welche getroffen?

Am ersten Abend bin ich in einen Gasthof gelaufen, der Chef hat mich eingeladen. Er hat erzählt, dass er auch gerne viel gereist wäre, aber das ging nicht. Er musste das Haus übernehmen.

Sie leben auch ein wenig von der Sehnsucht der anderen.

Ich biete den Leuten meine Geschichte, ein Gespräch und einen Anlass zum Nachdenken. Darüber, ob man selbst dahingekommen ist, wo man hinwollte. Ob man sein eigenes Leben gelebt hat oder das von jemand anderem.

Was kann Sie aufhalten?

Höchstens eine Krankheit. Alles andere schaffe ich. Wenn mir das Geld ausgeht, arbeite ich mal ein paar Wochen irgendwo. Bislang habe ich aber erst sechs Euro gebraucht.

Wie fühlt sich die Reise an, nach einer Woche?

Auf der einen Seite merke ich langsam, worauf ich mich da eingelassen habe. Bis vor kurzem war das ja alles noch Theorie. Die Wahrheit ist: Ich lasse meine Freunde und mein Leben für zwei Jahre zurück, aber gewinne auch hoffentlich immer wieder neue Freunde, so wie in Burghausen.

Solche Begegnungen geben Ihnen Kraft für den Weg?

Ja, das gibt mir Energie, und auch vor ein paar Tagen, als ich einen mentalen Hänger hatte, da haben mir die Facebook-Posts und die Mails sehr geholfen.

Wie stellen Sie sich das vor, wenn Sie am Ende in Lhasa ankommen?

Das ist ja nur ein Ort, den ich mir als Ziel gesetzt habe. Das wird nicht so besonders sein, denn in dem Fall ist der Weg das Ziel. Die Reise, das Erleben.