Starnberg Ein Riss hilft erinnern

Tutzing gedenkt mit einem Mahnmal der KZ-Opfer, die am 30. April 1945 in einem am Bahnhof abgestellten Zug strandeten.

Von Gerhard Summer

TutzingDer "Gang der Erinnerung" ist hell und lang, Stephan Wanner besichtigte ihn im Sommer 2010. Charlotte Knobloch, zu der Zeit noch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte den Tutzinger Bürgermeister nach München eingeladen. Wanner beeindruckte der Tunnel zwischen Synagoge und Gemeindezentrum am Jakobsplatz sehr, ein begehbares Denkmal von Georg Soanca-Pollak. Denn der Künstler ließ auf einem durchlaufenden, beleuchteten Glasband die Namen von 4500 Münchner Juden eingravieren, die in der Nazizeit umkamen, verfolgt und ermordet wurden. "Letztlich geht es ja um die Schaffung von Identität", sagt Wanner dazu. Ihn wühlte der Gang durch die Röhre so auf, dass er am Ende meinte, 200 Meter durchmessen zu haben. Tatsächlich ist der Tunnel 32 Meter lang. Auch Tutzing setzt den Namenlosen und den Menschen, deren Identität rekonstruiert werden konnte, nun ein Ehrenmal: einen Gedenkstein, der an KZ-Opfer und ihre Irrfahrt erinnern soll. Ende April 1945 hatten die Nazis die Spuren ihres Terrorregimes verwischen wollen. Vom KZ-Außenlager Mettenheim bei Mühldorf am Inn aus setzte sich ein Zug mit 4000 Häftlingen Richtung Tirol in Gang, denn die heranrückenden alliierten Truppen sollten nicht sehen, was den Menschen angetan worden war. Der Transport fuhr über München und Beuerberg und wurde irrtümlich von amerikanischen Tieffliegern beschossen. SS-Männer richteten ein Massaker an, als die Passagiere in Poing fliehen wollten. Schließlich wurde der Zug geteilt und strandete in Seeshaupt und Tutzing. Fünf Tage waren vergangen für 100 Kilometer. Zu den 1500 Passagieren, die am 30. April auf Höhe der Bayerischen Textilwerke in Tutzing befreit wurden, gehörten die Holocaustüberlebenden Max Mannheimer und Leslie Schwartz. Der Filmemacher Walter Steffen hat den Irrwitz des Todeszugs in seinem Film "Endstation Seeshaupt" dokumentiert. Schüler des Franz-Marc-Gymnasiums Markt Schwaben wiederum rekonstruierten die Ereignisse in der Chronik "Vergessener Widerstand". Und Schwartz erinnert in seiner Autobiografie "Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau" an die Ankunft der geschundenen, verzweifelten, ausgezehrten Menschen in Tutzing. Einige der Überlebenden waren außer Rand und Band, schreibt er. Sie töteten Deutsche und traten Haustüren ein, "sie wollten sich für ihre Leiden rächen". Mannheimer haben sich andere Bilder eingeprägt. Er berichtet von euphorischen Ankömmlingen, die sich Fahrräder der Einheimischen schnappten und durch den Ort radelten. Er sieht ein kleines Häuschen vor sich, vor der Abzweigung zur heutigen Evangelischen Akademie, eine Frau kochte bei offenem Fenster Kartoffelsuppe. Und wer dort vorbeikam, stellte sich "sehr diszipliniert" an. 54 der KZ-Opfer waren damals in Tutzing an Entkräftung gestorben. Zunächst konnten nur von 17 von ihnen die Namen festgestellt werden. Alle wurden anonym auf dem Neuen Friedhof bestattet, der entlang der Bahnlinie verläuft. 1958 beschloss der damalige Gemeinderat unter Bürgermeister Peter Dreher, die Gräber aufzulösen. Die sterblichen Überreste wurden exhumiert und in eine Grabanlage nach Dachau überführt. Wie Wanner sagt, verfuhren Ende der fünfziger Jahre viele bayerische Gemeinden so. Was in der Nazizeit und in den letzten Kriegstagen geschehen war, sollte "aus dem Bewusstsein verschwinden", meint er: "Es gibt nur wenige Orte, die sich ihren jüdischen Friedhof über die Jahre bewahrt haben, etwa Feldafing." Dort war Leslie Schwartz operiert worden: Ein Hitlerjunge hatte ihn angeschossen, als er beim Stop des Todeszuges in Poing fliehen wollte, und in den Hals getroffen. Schwartz wog damals noch 34 Kilo. Inzwischen steht fest, wie sieben weitere der KZ-Opfer hießen, die am 30. April 1945 in Tutzing ankamen und starben: Jakob Blitz und Juda Steg zum Beispiel, Rudolf Hochteil und Marton Klein. Wanner ließ ihre Namen 2009 über den Internationalen Suchdienst recherchieren, die Menschen konnten vorwiegend durch die registrierten KZ-Nummern in ihren Armen identifiziert werden. Und wie der "Gang der Erinnerung" wird auch der Tutzinger Gedenkstein eine Glasplatte bekommen, mit nun 24 Namen. Der Traubinger Steinmetz Robert Schubert hat das Mahnmal entworfen: einen 1,80 Meter hohen und 1,40 Meter breiten granitartigen Stein aus Nero Impala. "In der Mitte geht ein Riss von oben nach unten", sagt Schubert. Der Spalt kontrastiere mit einem eingravierten goldenen Kreis, "der alles doch wieder schließt". Auch durch den Neuen Friedhof in Tutzing geht ein Riss. An der westlichen Grenze sind Erich Ludendorff, ein Steigbügelhalter des frühen Hitler, und seine Frau Mathilde bestattet, eine überzeugte Antisemitin, die die obskure Bewegung der "Deutschen Gotterkenntnis" begründet hatte. Am nördlichen Ende findet sich das Grab der Pianistin Elly Ney und ihres Mannes, des Dirigenten Willem van Hoogstraten. Tutzing hatte Ney 1952 zur Ehrenbürgerin ernannt, jahrelang war über ihre braune Vergangenheit offiziell kein Wort verloren worden. Erst im Februar 2009 distanzierte sich der Gemeinderat klar von den antisemitischen Äußerungen der Musikerin. Ney sei aktive Mitläuferin gewesen, hieß es nun. Im südlichsten Teil des Friedhofs soll am Freitag, 23. September, 11 Uhr, der Gedenkstein für die KZ-Opfer eingeweiht werden. Tutzing wahrt damit die größtmögliche Distanz zu den Gräbern von Ney und Ludendorff. Der Bürgermeister hat Mannheimer und Schwartz zu der kleinen Feier eingeladen, außerdem den neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, Schulleiter, die Vorsitzenden von Elternbeiräten und Schülersprecher. Denn ihm sei es besonders wichtig, die Jugend anzusprechen, sagt Wanner. Schließlich gehe es darum, die Erinnerung weiterzugeben.