Starnberg Der mit dem Cello malt

Das Kino Breitwand zeigt einen Film über den Adorno-Schüler Frank Wolff, der ein professioneller Musiker wurde. Danach diskutieren der Protagonist und der Regisseur mit dem Publikum

Von Sabine Zaplin

Starnberg"Der Frank" nennen ihn die Freunde und Weggefährten, wenn sie über den Cellokünstler Frank Wolff sprechen. "Der Frank" male mit dem Cello, sagt die junge Malerin Friederike Walter. "Der Frank" sei ihm aus den Jahren der Revolution bekannt, berichtet Daniel Cohn-Bendit. "Der Frank" sei der einzige Adorno-Schüler, der ein Instrument professionell beherrsche, sagt der Bruder Karl Dietrich, "alle anderen waren bloß Soziologen".

Die Sätze fallen in dem Dokumentarfilm "Mein blaues Cello" von Wolfgang Würker. Am Sonntagvormittag stellte Regisseur Würker gemeinsam mit Wolff das Portrait des "Stadtstreichers" von Frankfurt im Starnberger Kino Breitwand vor. Eingeladen zur Matinée hatte der Verein "KunstRäume am See".

Und ein Kunstraum tat sich tatsächlich auf in "Mein blaues Cello": In 60 Minuten offenbart sich der Kosmos eines außergewöhnlichen Künstlers, der in seinem Instrument einen Raum für sich gefunden hat, den er seit dem zehnten Lebensjahr bewohnt, einrichtet und ständig umgestaltet. Würker begleitet Wolff durch dessen Wahlheimat Frankfurt, stößt gemeinsam mit ihm in einem U-Bahnhof auf Erinnerungen an die revoltebewegte Studienzeit, beobachtet ihn auf Konzerten mit seiner Band, dem Neuen Frankfurter Schulorchester, geht mit ihm auf den Spuren früherer musikalischer Aktivitäten wie den Jahren mit dem Frankfurter Kurorchester, das er gemeinsam mit seiner vor sieben Jahren gestorbenen Lebensgefährtin Anne Bärenz gründete und das Frank Wolff in der Szene der Neuen Musik bekannt machte. Ein Film aus der Perspektive dessen, der einem Freund über die Schulter blickt, mit der Kamera auch dessen Schritten folgt und zuweilen dessen Perspektive einnimmt. Der einen Menschen und sein Instrument ins Zentrum stellt und damit den Beweis liefert, dass Musik tatsächlich Grenzen überflüssig macht, die auf der Karte und die in den Köpfen - wenn Wolff beispielsweise die deutsche Hymne interpretiert und dabei bis zu Jimi Hendrix gelangt.

Fünf Jahre habe er an "Mein blaues Cello" gearbeitet, sagt Regisseur Würker in der anschließenden Diskussion, die Breitwand-Chef Matthias Helwig moderiert. Erste Entwürfe gab es schon vorher, beispielsweise die Idee, mit den bekannten Fotos von Barbara Klemm die Geschichte der Studentenbewegung zu erzählen. Ein anderes Schlüsselerlebnis war Wolffs "Deutschlandlied": "Ich war begeistert davon, wie der Frank mit seinem Instrument Geschichten erzählt, am Beispiel eben dieser Hymne." Zu Beginn der Dreharbeiten gab es noch das Kurorchester. Dann starb Anne Bärenz, die Arbeit am Film musste unterbrochen werden, lange stand gar nicht fest, ob er nach diesem Verlust überhaupt noch weitergedreht werden konnte. Es war dann möglich, irgendwann, ein Soloprogramm, eine Fernreise und viele, viele Stunden mit Bach später. Vor zwei Jahren kam der Film in die Kinos.

In Starnberg eröffnete Frank Wolff die Matinée mit einem Auftritt von hinten. Während er die Stufen hinunter bis zur Leinwand schritt, spielte er auf seinem Cello, das er vor sich trug wie ein Schild, wie ein Kind. Mit einem kurzen Ausschnitt aus seinem aktuellen Solo-Programm "PENG!" nahm er das Publikum mit hinein in den Urknall und von diesem auf eine Reise zu den verschiedensten Galaxien, der Hendrix-Galaxie, der John-Cage-Galaxie. Da war er plötzlich anwesend, der Adorno-Schüler, dem so viel mehr gelungen ist als "bloß Soziologe" zu sein. "Mein Cellospiel ist nicht nur Revolte", sagt Frank Wolff auf eine Frage aus dem Publikum zu den Zusammenhängen zwischen dem studentenbewegten Wolff und dem Cellisten Wolff. Er sei durchaus von früheren Wegbegleitern auch angefeindet worden für seinen Weg mit dem so bürgerlichen Instrument. Und es sei durchaus immer beides in seinem Cello-Raum, die revoltierenden Elemente genauso wie eine große Menschenliebe. "Es spielten Sternenhände vier -/die Mondfrau sang im Boote", heißt es in dem Gedicht "Mein blaues Klavier" von Else Lasker-Schüler, das den Film und zuvor ein Cello-Programm Wolffs zu dem Titel anregte. Und gewiss gelingt "dem Frank" auch, was die Lasker-Schüler sich wünschte: "Ach liebe Engel öffnet mir/ - Ich aß vom bitteren Brote -/Mir lebend schon die Himmelstür,/Auch wider dem Verbote."