Kerschlach Ärger im Herrenschlösschen

Das "Vegetaria" auf Gut Kerschlach ist laut Eigenwerbung Deutschlands einziges vegetarisches Restaurant mit Küche auf Sterneniveau und ein Erfolgsmodell. Trotzdem steht es nun vor dem Aus.

Von Gerhard Summer

Tutzing/KerschlachFür Gourmets ist das bitter: Das vor drei Jahren eröffnete "Vegetaria" auf Gut Kerschlach bei Tutzing, laut Eigenwerbung Deutschlands einziges Restaurant mit vegetarischer Küche auf Sterneniveau, steht vor dem Aus. Der Gutsherr und Verleger Werner Mützel hat den aus Dortmund stammenden Gastronomen Nina und Oliver Beisert gekündigt, die geltend gemachten Gründe halten die Lokalbetreiber für den Versuch, den abgeschlossenen Zehn-Jahres-Mietvertrag samt Verlängerungsoption mit juristischen Tricks auszuhebeln.

Die beiden ließen sich nämlich nach eigenen Angaben nichts zuschulden kommen und sind auch nicht mit Mietzahlungen im Rückstand. Zudem laufe das Restaurant "richtig gut", habe viele Stammgäste und längst den Status eines Geheimtipps. Auf persönliche Gespräche mit Oliver Beisert ließ sich Mützel angeblich nicht ein ("Ich bin keine Rechenschaft schuldig"). Auch auf SZ-Anfrage wollte sich der Gutsbesitzer nicht zu der Angelegenheit äußern. Der Rechtsstreit beschäftigt inzwischen das Oberlandesgericht München. In erster Instanz scheiterte Mützel mit seiner Räumungsklage. Doch nun sieht es für die Existenzgründer schlecht aus.

Bereits vor dem für Mitte April angesetzten Verhandlungstermin zeichnet sich nämlich ab, dass Mützels Anwalt mit seiner Berufung Erfolg haben könnte: Der Vorsitzende Richter Mathias Ruderisch schlug den Parteien einen Vergleich vor, obwohl ihm die Stellungnahme der Beiserts zur Berufungsbegründung des Vermieters noch nicht vorlag. Im Juristendeutsch heißt das: "unter Vorbehalt der noch nicht vorliegenden Berufungserwiderung". Ruderischs Offerte: Die Gastronomen sollen die Räume im denkmalgeschützten Herrenschlösschen zum 30. Juni dieses Jahres räumen und die Kosten aus beiden Verfahren übernehmen, rund 12 000 Euro. Damit stünden die zwei Idealisten, die bislang sechs bis sieben Aushilfen im "Vegetaria" beschäftigt haben und mit dem so geschmackvoll wie schlicht eingerichteten Lokal "nicht reich, sondern zufrieden und glücklich werden wollten", vor den Trümmern ihrer Existenz.

Die beiden sind von der Vorgehensweise des Gerichts überrascht. Wilhelm Schneider, Pressesprecher des OLG, sieht in dem von Ruderisch gewählten Prozedere allerdings kein Problem. "Ich hätte daran nichts auszusetzen, diese Möglichkeit würde ich keinem Richter absprechen, die Parteien müssen ja nicht darauf einsteigen", sagt er. Die Begründung für die Berufung laut Beiserts Anwalt: Der Vermieter reklamiere, dass in dem von ihm aufgesetzten Mietvertrag ein genaues Protokoll der Umbauten fehle. In erster Instanz, der Räumungsklage vor dem Landgericht München II, sah der Richter diesen Punkt noch als völlig unproblematisch an, so die Restaurantchefs. Damals gab es Streit um die Parkplätze des Restaurants, die im Vertrag nicht schriftlich fixiert worden seien.

Für Nina und Oliver Beisert war die Kündigung aus heiterem Himmel gekomme n. Denn ihr Verhältnis zum Vermieter sei anfangs ausgesprochen harmonisch gewesen, sagen sie. Auch schien das vegetarische Restaurant die ideale Ergänzung zu dem Gut mit Reitbetrieb, Käserei, Metzgerei und Bäcker zu sein, das seine Landwirtschaft nach biologischen Grundsätzen betreibt. Doch nach und nach sei ihnen untersagt worden, Gemüse aus dem ehemaligen Klostergarten zu holen oder ein Müllhäuschen zu nutzen. "Alle zwei Wochen kam eine neue Mail", sagt Nina Beisert, "wir hatten das Gefühl, wir sollten ausgehungert werden". Ihr Mann spricht von "Zermürbungstaktik". Über die Gründe, warum es zum Zerwürfnis mit Mützel gekommen ist, können sie nur spekulieren. Womöglich prallen in diesem Fall einfach auch zwei Welten aufeinander: Hier der erfolgreiche Geschäftsmann, da zwei Lokalbetreiber mit Hang zur liebevoll-individuellen Küche mit Bio- und Demeter-Standard, denen der "Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn genauso willkommen ist wie die Studentin, die einen Abend vor einem Mineralwasser sitzt".

Nina Beisert kann Aufregung im Moment nicht gut gebrauchen. Sie erwartet ihr erstes Kind.