Selbstmord-Drama Jede Hilfe verweigert

Erste Erkenntnisse nach dem Selbstmord der alleinerziehenden Mutter: Sozialamt und Gemeinde boten Silvia W. vergeblich Unterstützung gegen die Räumung an.

Von mm, loe, wim

Die 39-jährige Silvia W., die sich am Montagmorgen in Taufkirchen vor der Zwangsräumung ihrer Wohnung aus dem achten Stock gestürzt hat, hatte offenbar in den letzten Wochen alle Hilfsangebote ausgeschlagen. Sozialamt sowie Gemeinde hatten der Frau Unterstützung angeboten, zumal die alleinerziehende Mutter ihre Arbeit verloren hatte und die Miete für die Zwei-Zimmer-Wohnung nicht mehr bezahlen konnte.

"Wir haben ihr Hilfe angeboten, haben die Frau angeschrieben. Wir versuchten vergebens, sie zuhause anzutreffen, haben ihr sogar einen Zettel in den Briefkasten geworfen. Sie hat auf nichts reagiert", heißt es bei der Gemeinde Taufkirchen.

Finanzielle Hilfe hat Silvia W. nur für ihr Kind in Anspruch genommen, für die Tagesbetreuung ihres Sohnes sowie dessen Unterhalt, den der leibliche Vater nicht leistete. Am Abend vor ihrem Suizid hatte Silvia W. noch ihren dreijährigen Sohn umgebracht. Von der dramatischen Zuspitzung der Situation habe das Jugendamt jedoch keine Kenntnis gehabt, so ein Sprecher des Landratsamtes.

Der Leichnam des Buben wurde am Montag im Institut für Rechtsmedizin obduziert. Nach Angaben der Polizei hatte die Mutter ihren Sohn bereits am Sonntagabend erdrosselt. Auslöser für die Verzweiflungstat dürften nicht nur die finanzielle Misere, sondern auch massive Beziehungsprobleme gewesen sein, so die Polizei.

Job verloren, monatelang die Miete nicht bezahlt

"Die 39-Jährige hat phasenweise mit dem Vater des Kindes, einem 25-Jährigen, zusammengelebt", sagt Polizeisprecherin Eva Völkl. Offenbar sei es aber immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen seinerseits gekommen. "Die Frau hat ein Kontaktverbot gegen ihren Freund erwirkt", erzählt Völkl. Dieses sei im Januar erlassen worden und noch bis 6. Juli wirksam gewesen.

Zu dem Schwierigkeiten mit dem Mann seien finanzielle Probleme gekommen: Silvia W. hatte ihren Bürojob verloren und konnte laut Polizei seit Monaten die Miete nicht mehr bezahlen. Wie bei Räumungsklagen wegen Mietrückständen üblich, ging vom Amtsgericht eine Mitteilung an die zuständige Sozialbehörde beim Landratsamt München.

"Unser Außendienst sucht in solchen Fällen die Betroffenen auf, um Hilfe anzubieten", erklärt Sozialhilfe-Sachgebietsleiterin Christine Heese. Leider habe die Frau, die auch keine Sozialhilfe bezogen hat, nicht geöffnet. "Unsere Mitarbeiter hinterlassen dann ihre Visitenkarte im Briefkasten." Ohne Erfolg.

Wer in München wegen Mietrückständen eine Räumungsklage erhält, bekommt Post vom Sozialreferat. Wer nicht reagiert, erhält Besuch von einem Bezirkssozialarbeiter. In einem ein gutes Jahr alten Modellprojekt unternehmen Sozialarbeiter notfalls mehrere Versuche jenseits der üblichen Dienstzeiten, also frühmorgens oder am Abend.

"Wir sind mit diesem Projekt sehr erfolgreich dabei, den Kontakt herzustellen", erklärt Christel Dill, Leiterin der Fachsteuerung Wohnungslosenhilfe im Sozialreferat. "Mit einem Anschreiben ist es nicht getan. In überschuldeten Haushalten wird ja oft kein Brief mehr aufgemacht."

Rund 2000 Benachrichtigungen über anhängige Räumungsklagen wegen Mietrückständen erhält das Sozialreferat pro Jahr, "die Zahl nimmt zu", sagt Christel Dill. Mit dem Modellprojekt ließen sich 80 Prozent der Räumungen verhindern - die Fachstelle kann die Mietrückstände auf Darlehensbasis übernehmen und so das Mietverhältnis sichern.

Oft sind aber auch zusätzliche Hilfen nötig, wie etwa von der Schuldnerberatung. "Je früher man die Leute erwischt, desto besser kann man ihnen helfen", sagt Christel Dill. "Wer sieht, dass er seine Miete nicht mehr bezahlen kann, sollte sofort die Beratung im Sozialbürgerhaus aufsuchen oder sich unter Telefon 233-40034 bei uns melden." Rechtzeitige Hilfe kann auch der Stadt enorme Kosten sparen: Rund 11000 Euro muss die Stadt pro Jahr für einen Platz in einem Notquartier ausgeben.