Rapper über Rapper Die zwei Seiten von 50 Cent

Vorbild oder abschreckendes Beispiel: Münchner Rapper diskutieren über den Film "Get Rich or Die Tryin'".

Von Jochen Temsch

Curtis Jackson alias 50 Cent zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Rappern der Welt. Im Film "Get Rich or Die Tryin'", der derzeit in den Kinos läuft, spielt er sein Leben selbst: den Aufstieg eines kriminellen Ghettojungen. Darüber diskutieren hier zwei Münchner Rapper, die die Welt völlig unterschiedlich sehen: Nino Brown aus Neuperlach und der Schwabinger Lea-Won.

SZ: Wie findet ihr den Film?

Lea-Won: Ich sehe ihn kritisch. Ich frage mich, wie viel Imagekampagne darin steckt. In Hollywood geht es natürlich überhaupt nicht um künstlerischen Ausdruck. Es geht darum, Geld zu scheffeln.

Nino Brown: Mich hat er sehr gut unterhalten. Ich sehe nichts Verwerfliches darin, dass jemand Geld verdienen will. 50 Cent ist ein Top-Geschäftsmann. SZ: Was hat der Film mit euch zu tun?

Lea-Won: Die Rap-Szenen. Wie 50 Cent seine Texte mit einer Rasierklinge in seine Zellenwand ritzt, hat mich schon geflasht. Aber für mich gibt es inhaltliche Abgrenzungen. Ich habe keine Alben von 50 Cent, kann mich nicht mit seiner Art Rap identifizieren. Ich fühle mich manchen Punk-Bands näher. Im Grunde geht es im Film gar nicht um Rap.

Nino Brown: Ich sehe die Gemeinsamkeiten in der Musik, im Lifestyle des Hip-Hop und dem Leben auf der Straße. Drogen und Gewalt sind etwas Alltägliches. In meinem Umfeld sind einige Leute gestorben. Ein guter Freund von mir wohnte in Neuperlach, wurde ausgewiesen und dann in Chicago erschossen.

SZ: Was denkst Du, wenn Du solche Dinge im Film siehst?

Nino Brown: Es gibt Parallelen zur Wirklichkeit. Aber Europa ist nicht Amerika. Hip-Hop kann ein Weg aus der Gewalt sein, Gewalt gehört aber nicht zum Hip-Hop. Gewalt liegt in der menschlichen Kultur. Filme und Musik ändern nichts daran.

Lea-Won: Ich glaube aber, dass Künstler wie 50 Cent sich nicht darüber im Klaren sind, was sie bewirken. Sie werden zu Marionetten. Wer weiß schon, was er rappen würde, wenn es ihm egal wäre, wie es sich auf seine Karriere auswirkt.

Nino Brown: Ich glaube schon, dass er macht, was er will.

Lea-Won: Aber in Interviews sagt er selbst, dass er gewisse Dinge tun muss, weil er sonst kein Geld verdient. So funktioniert die Gangster-Rap-Industrie in den USA. Schon der Titel "Get Rich or Die Tryin'" suggeriert, dass jeder rauskommen kann.

Nino Brown: Das kann auch jeder. Jeder, der den Willen hat.

Lea-Won: Der amerikanischen Traum als Lösung. Dagegen sagen Underground-Rapper wie Dead Prez nicht "Get Rich", sondern "Get Free or Die Tryin'". Reichtum rettet vielleicht 50 Cent, aber das ändert nichts an den Mechanismen der Gesellschaft. Und wie viel von deinen alten Idealen musst du über Bord werfen, um dich in einer bestimmten Position zu halten?

Nino Brown: Es kommt halt auf den Preis an, den du zu bezahlen bereit bist. Für alles musst du etwas opfern - Schlaf, Zeit, Familie. Auch für die Kunst musst du was opfern.

Lea-Won: Aber so können ja auch die Münchner Politiker sagen: Leute in Neuperlach, strengt euch an, dann kriegt ihr schon einen Job. Ich meine, es weiß ja jeder, auch 50 Cent, dass das Gangsterleben nicht gut ist. Aber es sind eben die Lebensbedingungen, durch die die Menschen in so was reingeraten.

Nino Brown: Da rauszukommen ist harte Arbeit. Deswegen wird nicht jeder, der meint, rappen zu müssen, erfolgreich sein. Der Weg ist das Ziel.

Lea-Won: Aber wer Geld machen will, wird den Leuten das sagen müssen, was sie hören wollen.

Nino Brown: Überhaupt nicht. Wenn ich ein alter Mann bin - falls ich alt werde - kann ich sagen: Ich habe gemacht und gesagt, was ich will.

Lea-Won: Aber Du merkst doch auch, dass Du bestimmte Käuferschichten bedienst. Mir geht es ja auch so: Will ich den Leuten gefallen? Wie viel gefällt mir dann selbst noch von mir? Und was würde ich anders machen, wenn ich ihnen nicht gefallen wollen würde?

Nino Brown: Das ist Dein persönliches Problem. Mir ist das egal. Wenn mir einer den Stinkefinger zeigt, spornt mich das an. Ich weiß: Ich stehe da oben und mache Geld mit dem Zeug. Und der bleibt da unten. Der kann mich haten, wie er will. Wir machen Hardcore-Rap von der Straße, spiegeln das Leben, wie es ist.

Lea-Won: Die Realität zu beschreiben, ohne einen Standpunkt einzunehmen, ist mir zu wenig. Mich beeinflussen Rapper genauso wie politische Bücher.

Nino Brown: Ich will, dass die Leute eine gute Zeit haben. Und ich will gut davon leben.

SZ: Wie gut?

Nino Brown: Uns, unseren Freunden und Familien soll es gut gehen. Ich finde es super, wenn viele Leute mit unserer Musik Geld machen. So wird Arbeit geschaffen. Nach oben habe ich mir keine Grenzen gesteckt.

Lea-Won: Das ist die Falle. Rapper wie 50 Cent brauchen Autos, fettes Gold, ein gewisses Erscheinungsbild, damit Leute aus ärmeren Verhältnissen sie cool finden und ihre CDs kaufen. Aber das ändert nichts. Ich halte nichts von dem Kampf-Slogan "Krieg den Palästen". Ich will Paläste für alle.

SZ: Im Film spielen Freunde eine wichtige Rolle. Wie ist das bei euch? Nino Brown: Meine Freunde sind wie meine Familie. Ich würde alles für sie tun. Und die für mich.

Lea-Won: Ich finde wichtig, dass sich Leute finden, die gleiche Ziele haben. Man kann sich eigene Strukturen aufbauen, damit man nicht mehr auf fremde Leute angewiesen ist. So kann man das Business unterlaufen. Hip-Hop ist schon ein Community- und Cliquending.

Nino Brown: Und Männersache. Frauen haben eigentlich nichts im Hip-Hop zu suchen, höchstens noch im Soul. Rapperinnen wie Lil' Kim oder Foxy Brown haben einfach nichts zu erzählen.

Lea-Won: Aber parallel dazu haben die männlichen Kollegen dieser Art Rap auch nichts zu erzählen. Es ist für mich ein Paradebeispiel für sexistische Diskriminierung: Wenn Frauen was erzählen, soll es gefälligst mit Sex zu tun haben.

SZ: Wie seht ihr Frauen in Rap-Videos?

Nino Brown: Jeder soll seine Videos machen, wie er will. Wenn er gerne nackte Frauen drin hat, von mir aus. Ich schau mir sowas gerne an. Und wer es nicht anschauen will, soll wegschauen. Aber solche Videos müssen nicht unbedingt am Nachmittag laufen, sondern dann, wenn die Kinder im Bett liegen.

Lea-Won: Das ist eben das Schlimme: dass man denkt, als Erwachsener sei man hart genug, diese Art von Gewalt hinzunehmen, die man Kindern nicht zumuten würde. Ich habe eine Tochter, und ich will auf eine Gesellschaft hinarbeiten, in der sie nicht so behandelt wird wie diese Frauen in den Videos.

Nino Brown: Wenn ich einmal eine Tochter haben sollte, werde ich darauf achten, dass sie zu einer anständigen Frau heranwächst.

Lea-Won: Du würdest ihr erklären: Ich finde es geil, dass es solche Frauen in Videos gibt, aber Du sollst sowas nicht machen?

Nino Brown: Wenn ich eine Tochter habe, hoffe ich, dass ich sie gemeinsam mit meiner Frau erziehen kann. Dann möchte ich auch keine Partys mehr haben, auf denen rumgehurt wird. Solange ich nicht verheiratet bin, lebe ich mein Leben, wie es mir passt.

SZ: Was wäre, wenn ihr die Chance hättet, groß rauszukommen wie 50 Cent? Lea-Won: In einer Mainstream-Öffentlichkeit macht man sich immer abhängig.

Nino Brown: Ich würde mich freuen.