Kriminelle Polizei Die Exekutive und ihre Affären

Irgendwann hat Hauptkommissar Wolfgang R. aufgehört, Polizist zu sein, und wechselte die Seite: der 40-Jährige verging sich an Frauen im Bordell, hatte falsche Freunde und Koks im Blut. Da ist er nicht der einzige: In München ermitteln Beamte ständig gegen Kollegen.

Von Susi Wimmer

Irgendwann hatte Hauptkommissar Wolfgang R. aufgehört, Polizist zu sein. Irgendwann wechselte er die Seite. Falsche Freunde, Koks im Blut, Drogenhandel sogar auf der Polizeiwache.

Der 40-Jährige unterstützte die Machenschaften in der Ottobrunner Table-Dance-Bar ,,Maximila'', wo junge Tschechinnen zur Prostitution gezwungen wurden. Er verging sich auch selbst an den Frauen und steckte dem Betreiber, wann seine Kollegen die nächste Razzia planten.

Dass Kriminaler kriminell werden, kommt vor. ,,Schließlich sind auch wir ein Querschnitt der Gesellschaft'', sagt der Leitende Kriminaldirektor Bernhard Parma. Einmalig in Bayern hat das Münchner Präsidium ein eigenes Kommissariat, in dem Beamte gegen ihre Kollegen ermitteln.

Gegen den Corpsgeist

,,Uns umgibt schon so eine gewisse Aura'', sagt Kriminalhauptkommissar Armin Hetzel. Der Kommissariats-Leiter sitzt in seinem Büro im sechsten Stock. Unten das Gewusel des Bahnhofsviertels, oben endlos grauer Himmel. Seit sieben Jahren empfangen er und seine acht Mitarbeiter die Kollegen, um sie zu vernehmen.

Die sechs Männer und drei Frauen, die hier arbeiten, wurden sorgfältig ausgewählt: Sie müssen erfahren sein, Sensibilität mitbringen und charakterlich gefestigt sein. Ganz bewusst wurde die Dienststelle von der Ettstraße abgeschottet und in die Bayerstraße gesetzt, ganz bewusst werden die Ermittler vom K 134 nicht für andere Arbeiten wie Großeinsätze herangezogen.

,,Für viele Kollegen sind wir hier die, die sie in die Pfanne hauen wollen'', sagt Hetzel unverblümt. Dabei gehe es in den meisten Fällen in die andere Richtung: ,,Durch unsere Ermittlungen können wir viele Vorwürfe gegen die Kollegen entkräften und sie schützen.'' Einen Ermessensspielraum aber, sagt Hetzel, gebe es nicht.

Etwa 5000 Polizeibeamte verrichten in München ihren Dienst. 362 von ihnen wurden im vergangenen Jahr angezeigt. ,,Die meisten Delikte entwickeln sich aus der normalen Arbeit heraus'', erklärt Direktionsleiter Parma. Paradebeispiel Alkoholkontrolle: Ein Autofahrer wird angehalten und zum Test am Alkomaten gebeten. Den verweigert er und muss nun in die Rechtsmedizin zur Blutentnahme gebracht werden. Es kommt zu verbalen Auseinandersetzungen, Handgreiflichkeiten, die Beamten müssen den Fahrer fesseln.

,,Gerade bei Festnahmen oder Kontrollen kommt es oft zu Gegenanzeigen, weil der Bürger die polizeilichen Maßnahmen in Frage stellt'', meint Parma. Etwa in 98 Prozent aller Fälle werden die Ermittlungsverfahren gegen die Polizisten wieder eingestellt.

Das K 134 befasst sich mit privat verübten Straftaten, etwa wenn ein Polizist nach Dienstschluss im Laden klaut oder zuhause seine Frau schlägt, und mit ,,Amtsdelikten'', sprich solchen, die nur ein Polizist im Rahmen seiner Dienstausübung begehen kann. Das fängt an bei Aussageerpressung, Verfolgung Unschuldiger und geht bis zu Datenschutzverstößen, wenn ein Polizist ,,den Neuen'' seiner Ex-Frau durchchecken will.