Klassik Musikalische Delikatessen

Zum Dahinschmelzen: der Countertenor Philippe Jaroussky.

(Foto: Fritz Etzold)

"Quatuor Ébène" und Kollegen mit französischen Köstlichkeiten

Von Klaus Kalchschmid, Neumarkt

Was für ein herrlicher Luxus: Da singt der wunderbare Countertenor Philippe Jaroussky im historischen Reitstadl mit dieser exzellenten Akustik einen exquisiten Liederabend mit Vertonungen von Gedichten Paul Verlaines. Und da sitzen außer seinem Pianisten Jérôme Ducros am Flügel links von ihm die Geiger Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure, rechts Mathieu Herzog (Bratsche) und Raphaël Merlin am Cello, also das komplette Quatuor Ébène - noch mit seinem Gründungsbratscher, der für CD und Tournee mit dem entsprechenden Programm ein letztes Mal mit seinen drei Kollegen spielt.

Weil viele Gedichte in mindestens zwei verschiedenen Vertonungen zu hören sind, wird der Abend eine wunderbare vielstimmige, abwechslungsreiche Reise in die Welt des französischen Fin de siècle. Anders als auf der Doppel-CD "Green" des Sextetts beginnt der Abend rein instrumental mit einem Ausschnitt des Concert D-Dur op. 21 für Klavier und Streichquartett von Ernest Chausson, dem später noch ein hinreißend musizierter zweiter Satz aus dem Debussy-Quartett und dessen "Clair de Lune" für Klavier folgen sollten.

Danach gibt es ein paar originale Klavierlieder und mit dem titelgebenden "Green" von Gabriel Fauré erstmals eine vom Streichquartett begleitete Vertonung, das zart assistiert und Farben anreichert. Es folgt zweimal "D'une prison", eben das Gedicht über einen Gefangenen, der die Schönheit der Welt aus seinem Kerkerfenster heraus betrachtet, das dem jungen Philippe auf der Schule Augen und Ohren für Verlaine geöffnet hat. Nun wechselten sich für insgesamt 30 "Nummern", komponiert von Debussy, Fauré, Caplet, Saint-Saëns, Poldowski, Cantelube und anderen, Counter plus Klavier, Sänger plus Quartett und die Sextett-Besetzung ab: eine feine "Mélodie", wie sich das französische Kunstlied nennt, folgte auf veritable Chansons wie das Léo Ferrés ("Ecoutez la chanson bien douce"), das um so vieles lebenslustiger und leichtsinniger klingt als die ernste Vertonung von Chausson.

Ein gutes Dutzend Komponisten haben Lieder aller Couleur für diesen Abend beigesteuert, die so kontrastieren können wie das "Chanson d'automne" von Reynaldo Hahn mit seiner ebenso gläsern schwebenden wie sehnsuchtsvollen Streicher-Begleitung und auf denselben Text als letztes Lied des offiziellen Programms gesungen: "Les sanglots des violons" von Charles Trenet. Da wird aus dem trauerumflorten Herbstlied auf einmal ein ironisch hingeworfenes, ganz und gar unernstes Kabinettstück.

Jaroussky singt das alles mit einer Leichtigkeit, einer Raffinesse und einem Charme, dass einem beim Zuhören Herz und Hirn dahinschmelzen, zumal auch Pianist und Quartett mit großer Lust und ebensolchem Können mitgestalten. Danach großer Beifall für Jaroussky, die Ébènes und Jérôme Ducros und entsprechende Zugaben: Emmanuel Chabriers (Operetten-)Air de Fisch-Ton-Kan, bei dem Streicher und Pianist schon mal nebenbei den launigen Männerchor geben, und Georges Brassens "Colombine", auch dies ein perfektes Chanson.