Kinderarmut "Manche kommen hungrig in die Schule"

Einigen Münchner Kindern fehlt sogar das Geld fürs Mittagessen: Die Hauptschul-Lehrerin Waltraud Lucic über die Anzeichen von Armut.

Interview: Christian Rost

Die Vorsitzende des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Waltraud Lucic, beobachtet in den Schulen eine zunehmende Armut unter Kindern und schlägt Alarm . Wie drängend das Problem ist, beschreibt Lucic, die seit 27 Jahren Lehrerin ist und selbst an einer Münchner Hauptschule unterrichtet, im SZ-Gespräch.

SZ: Woran erkennen Sie, dass ein Kind aus armen Verhältnissen kommt? Waltraud Lucic: Wir sehen das an verschiedenen Verhaltensweisen. Wenn das Kopiergeld eingesammelt wird und die Schüler immer wieder Ausreden erfinden müssen, weil zu Hause jeder Euro umgedreht wird, ist das ein Hinweis. Wenn sie sagen, dass sie keine Lust auf Klassenfahrten haben, die Geld kosten. Oder wenn sie, wie in den gravierenden Fällen, hungrig in die Schule kommen.

SZ: Kaum vorstellbar, dass in Deutschland Kinder hungern müssen. Lucic: Aber es ist so. Manche Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule, und besonders augenfällig wird das Problem in der Mittagsbetreuung. Das von der Schulsozialarbeit organisierte Essen für vier Tage in der Woche kostet 16 Euro. 25 Prozent der Kinder in der Mittagsbetreuung sind für das Essen nicht vorgemerkt. Manche Kinder sagen auf Nachfrage, sie hätten keinen Hunger, und die Eltern sagen, ihre Kinder bekämen das Mittagessen von zu Hause mit. Viele dieser Kinder werden dann aber trotzdem verköstigt, und sie sind sehr dankbar dafür. Das sieht man. In einem Fall hat sich ein älterer Schüler - für uns Lehrer völlig unerwartet - für das Fach Hauswirtschaftslehre angemeldet. Er hat das offensichtlich getan, um in der Schule essen zu können.

SZ: Wie können Sie helfen? Lucic: In dem man die Schüler nicht bloßstellt. Es ist ja schon schlimm, dass sie für die Eltern lügen müssen. Deshalb sprechen wir die Kinder auf das Kopiergeld nicht vor der Klasse an. Wir bitten sie, dass uns die Eltern, wobei es sich meist um allein erziehende Mütter handelt, schreiben sollen, wann sie das Geld beibringen können. Ich bekomme in jedem Jahr einige Briefe, in denen steht: Ich zahle dann oder dann...

SZ: Wie viele Kinder sind Ihrer Einschätzung nach von Armut betroffen? Lucic: An den Grund- und Hauptschulen sind fünf bis zehn Prozent von der Zuzahlung zum Büchergeld befreit, sie kommen also aus sozial schwachen Familien. In den Realschulen oder Gymnasien ist der Anteil geringer.

SZ: Wie reagieren die anderen in der Klasse, wenn sie von der Situation eines Mitschülers erfahren? Lucic: Kinder sind da brutal, ein Betroffener wird sofort ausgegrenzt und kommt in eine andere soziale Gruppe. Die Schüler merken es ja, wenn einer kein Handy oder teure Klamotten hat. Die Kinder bleiben dann in der Schicht, in die sie hineingeboren wurden.