Hochhaus-Frage Will München zu hoch hinaus?

Georg Kronawitter und Walter Zöller diskutieren über den Hochhausbau - und über alte Zeiten

(SZ vom 24.3.2001) - Wer darf in München wo wie hoch bauen? Über diese Frage ist eine heftige Debatte entbrannt, seitdem es Pläne gibt, am Georg-Brauchle-Ring einen bis zu 212 Meter hohen Wolkenkratzer zu errichten. Jüngst hat sich Alt-OB Georg Kronawitter massiv gegen solche Hochhaus-Pläne ausgesprochen. Bei der CSU vertritt dagegen Kronawitters alter Gegner von einst, Fraktionsvize Walter Zöller, eine liberalere Linie. Für die SZ trafen sich beide zum Streitgespräch - über Stadtplanung und über alte Zeiten.

Kronawitter und Zöller Der eine war der richtige und der andere der heimliche Oberbürgermeister

(Foto: )

SZ: Dass Sie so fröhlich hier beisammen sitzen, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Wir dachten immer, Sie gehen sich aus dem Weg ...

Zöller: Oft sehen wir uns wirklich nicht. Ich erinnere mich aber, dass Kronawitter mir nach der OB-Wahl eine Flasche Wein brachte, weil er gegen mich eine Wette verloren hatte - er hatte Udes Ergebnis zu hoch getippt, nämlich auf 65 Prozent. Was ihn bei mir sicher große Überwindung gekostet hat war, dass er auf die Tüte schrieb: "Der Verlierer".

Kronawitter: (lacht). Ach Gott, ach Gott.

SZ: Zumindest reden Sie miteinander. Das war ja nicht immer so.

Kronawitter: Er war der eigentliche Gegner meiner Zeit. Da hatten wir schon harte Auseinandersetzungen.

Zöller: Aber wir haben auch vieles zusammen gemacht, so ist es nicht.

SZ: Damals gab es zwei Gegenspieler in der Politik, heute hat Ude niemanden, der ihm so richtig zusetzt.

Kronawitter: Der Zöller mag nimmer, und ein anderer ist nicht da.

Zöller: Ich mag schon noch, aber in einer anderen Funktion, in einer fachlich sehr stark definierten Funktion als Planungsexperte. Und da bin ich halt mit dem Christian Ude häufig einer Meinung. Oder er mit mir. Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Kronawitter.

SZ: Sie, Herr Kronawitter, haben sich jüngst mit deutlicher Kritik an der Hochhaus-Politik des Rathauses zu Wort gemeldet und davor gewarnt, dass München zur Allerweltsstadt verkommt.

Kronawitter: Man muss die Frage stellen: Braucht München jetzt als High-Tech-Metropole ein neues Gesicht? Verlangt das neue Image der Stadt wirklich nach Hochhäusern? Darüber muss diskutiert werden. Mir kommt es so vor, als ob man das einfach laufen lässt, und plötzlich sieht man, dass die Hochhäuser immer höher werden. Am Schluss sind sie dann 212 Meter hoch, wie das jetzt für den geplanten Bau am Georg-Brauchle-Ring diskutiert wird. Zu dem muss ich als Alt-OB sagen: Zum Davonlaufen. Das verschandelt das Stadtbild. Wir müssen jetzt diskutieren, bevor dann am Ende eine beliebige Zahl von Hochhäusern in beliebiger Form an beliebigen Stellen in beliebiger Höhe und in beliebiger Qualität gebaut werden. Dieser Wolkenkratzer darf nicht gebaut werden. Und er wird auch nicht gebaut werden.

SZ: Wie hoch darf man denn Ihrer Auffassung nach in München bauen?

Kronawitter: In den siebziger Jahren haben wir uns auf die Linie geeinigt: Kein Hochhaus innerhalb des Mittleren Ringes und kein Bau außerhalb, der höher als die Frauenkirche ist, also runde hundert Meter. Diese Regel hat bis heute ihre Berechtigung.

Zöller: Für das Projekt am Georg-Brauchle-Ring gibt es einen Bebauungsplan, der 146 Meter Höhe vorsieht, und es gibt Überlegungen in der Stadtgestaltungskommission, auch 170 zuzulassen. Die 212 Meter, über die da geredet wird, werden nicht kommen. Aber: Eine Stadt ist etwas Lebendiges, eine Stadt verändert ihr Gesicht im Laufe der Jahrzehnte permanent. Es gibt immer wieder neue Bedürfnisse, es gibt auch neue Architekturmoden. Wir müssen auch für neue Akzente sorgen. Hochhäuser sind Signale und Orientierungspunkte, so wie es früher die Kirchen in ihrer städtebaulichen Funktion auch waren. Es kann doch niemandem an einem Stadtbild gelegen sein, in dem sich alles gleichförmig in die Breite verflüchtigt.

SZ: Warum dann die Angst vor 212 Metern?

Zöller: Weil die Untersuchungen gezeigt haben, dass zum Beispiel die Blickachse vom Nymphenburger Schloss her bei 212 Metern beeinträchtigt wäre.

Kronawitter: Dieser Turm würde das Olympiasensemble erschlagen. Und in der Sichtachse von Nymphenburg her würde auch eine geringere Höhe noch stören. Über Hochhäuser sollen nicht der Investor, nicht der Bauträger und nicht einmal alleine die Politiker entscheiden. Sondern die Bürger. Sonst bekommen wir eine Verdichtungsorgie und Hochhäuser, die nicht nur 200 Meter hoch sind, sondern vielleicht 300 oder 350.

SZ: Sie wollen ein Bürgerbegehren?

Kronawitter: Ja, das kann der Stadtrat beschließen.

Zöller: Das können Sie auch initiieren.

Kronawitter: Natürlich könnte ich.

SZ: Würden Sie das machen?

Kronawitter: Ich habe mich zu Wort gemeldet, weil wir eine Grundsatzdiskussion brauchen. Ich habe wenig Vertrauen zur Stadtgestaltungskommission, weil da viele Architekten drinsitzen, die natürlich um so mehr verdienen, je höher gebaut werden kann. Ich würde ein Bürgerbegehren sicher nicht anführen, aber ich würde es machen wie Hans-Jochen Vogel beim Thema Olympiastadion: Ich würde es unterstützen, weil das Thema von zentraler Bedeutung ist für die Stadtentwicklung der nächsten 200, 300 Jahre.

SZ: Das Hochhaus-Thema ist für Sie nur ein Symbol für die Probleme der "Boomtown" München?

Kronawitter: So ist es. Die Hauptprobleme sind: Wir können nie so viele preiswerte Wohnungen bauen wie Leute nach München ziehen wollen. Wir können nie so viel Büroarbeitsplätze zur Verfügung stellen wie sich High-Tech-Firmen niederlassen wollen. Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen dem Bau von Wohnungen und der Ansiedlung von Arbeitsplätzen.

Zöller: Aber man kann eine Stadt nicht unter eine Glocke stellen und sagen, sie darf nicht verändert werden. Man muss natürlich auch auf wirtschaftliche Anforderungen reagieren. Aber das tun wir zurückhaltend und schonend - übrigens auch in der Stadtgestaltungskommission, die ich gegen Sie in Schutz nehmen muss. Die These, es darf nichts gebaut werden, was höher als hundert Meter ist, ist ein reiner Anachronismus Wenn wir nicht an manchen Orten stärker verdichten, dann können wir uns an anderen Punkten auch nur weniger Grünflächen leisten. Deswegen lautet das Motto des neuen Stadtentwicklungsplanes auch "kompakt - urban - grün".

Kronawitter: In meinen 15 Amtsjahren haben die Freiflächen nicht gelitten.

Zöller: Bei Ihnen ist ja auch nichts passiert.

Kronawitter: Entschuldigung, bei mir sind jährlich mehr als 6000 Wohnungen gebaut worden.

Zöller: Das meinte ich nicht. Ich meinte, in Ihrer Zeit ist nichts geschehen hinsichtlich der Veränderung des Stadtbildes.

Kronawitter: Also gut. Ich beklage die Tendenz, nicht kompakt, urban und grün zu bauen, sondern nur noch kompakt.

Zöller: Herr Kronawitter, alles, was Sie hier auflisten, ist eine massive Kritik an ihrem Amtsnachfolger Ude.

Kronawitter: Das ist meine Position. Ich komm' mit Christian Ude gut zurecht...

Zöller: ...aber inhaltlich ist alles, was Sie sagen, eine massive Kritik an ihm.

Kronawitter: Wir kommen zurecht, und sein OB- Wahlergebnis wird so hoch sein, dass Sie grad schau'n werden.

Zöller: Das will ich jetzt nicht kommentieren.

Moderation: Arno Makowsky, Frank Müller