Geschwister-Scholl-Preis für Odenwaldschüler "Sperrt den Laden endlich zu!"

Aufklärer: Andreas Huckele hat den Geschwister-Scholl-Preis erhalten.

(Foto: dpa)

Fast täglich musste Andreas Huckele sexuelle Übergriffe erdulden. Jahre später hat er die Kraft gefunden, sich zu wehren. Ohne den 43-Jährigen wäre der Missbrauch an der Odenwaldschule vielleicht nie an die Öffentlichkeit gekommen. Nun hat er den Geschwister-Scholl-Preis erhalten - und kritisiert, dass seine alte Schule noch immer geöffnet ist.

Die bewegende Rede im Wortlaut.

Jürgen Dehmers ist ein Pseudonym, das Andreas Huckele sich nicht selbst ausgesucht hat. Vor 13 Jahren wurde es ihm verpasst für einen Artikel in der Frankfurter Rundschau. Fortan trug er es in seinem langen Kampf für die Wahrheit über die Odenwaldschule. Andreas Huckele hatte das berühmte Internat in den Achtzigerjahren besucht. Dort war er dem Schulleiter Gerold Becker ausgeliefert, beinahe täglich musste Andreas Huckele sexuelle Übergriffe erdulden. Sie warfen ihn aus der Bahn, bis er schließlich die Kraft fand, sich zu wehren. Ohne ihn und seine Beharrlichkeit wäre der Missbrauchsskandal vielleicht nie an die Öffentlichkeit gekommen. An diesem Montagabend erhält Andreas Huckele in der Großen Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität den Geschwister-Scholl-Preis. Die Laudatio hat SZ-Redakteur Tanjev Schultz gehalten.

Aus Anlass der Preisverleihung legt Huckele, der in Hessen als Sport- und Politiklehrer an einem Oberstufengymnasium arbeitet, den Namen "Jürgen Dehmers" wieder ab. Unter dem Pseudonym hatte er im vergangenen Jahr ein aufrüttelndes Buch veröffentlicht, das nun ausgezeichnet wird: "Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch" (Rowohlt Verlag).

Dass der 43-Jährige es schaffte, das Schweigen zu durchbrechen, das die Täter so lange geschützt hatte, würdigt die Jury des Geschwister-Scholl-Preises als "ein seltenes Beispiel von Mut". Nicht nur an der Odenwaldschule, sondern auch an anderen Schulen, in der Kirche und in Sportvereinen seien Kinder belästigt, gequält und vergewaltigt worden.

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird von der Stadt München und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Bayern, vergeben. Preisträger der vergangenen Jahre waren Roberto Saviano, Joachim Gauck und der chinesische Dissident Liao Yiwu.

Die Rede von Andreas Huckele im Wortlaut:

Die Mailbox blinkte, als ich vor einigen Wochen nach Hause kam, an der Stimme meines Lektors Uwe Naumann erkannte ich sofort: Es handelt sich um eine gute Nachricht: "Sie bekommen den Geschwister-Scholl-Preis verliehen." Das Tolle an einer Mailbox ist, die Nachricht kann so oft abgehört werden, bis man die Mitteilung verstanden hat.

Ich hätte niemals im Traum daran gedacht, dass es im Zusammenhang mit der Odenwaldschule einmal ein Ereignis geben könnte, das bei mir das Gefühl ungetrübter Freude auslösen würde. Jetzt war es so weit!

Ich danke den Mitgliedern der Jury und den Stiftern für diesen Preis und für die Erfahrung, dass nicht nur der Horror größer ist als meine Vorstellungskraft.

"Das müssen mutige Leute sein", habe ich gedacht, nachdem sich die wiederholt gehörten Worte einen Weg zu dem Teil meines Gehirns gebahnt hatten, in dem das Verstehen wohnt.

Mutig, weil das Thema sexualisierte Gewalt bisher in unserer Gesellschaft nicht den Platz hat, der angemessen wäre, bedenkt man, dass etwa jeder fünfte Mensch in Deutschland davon in irgendeiner Form betroffen ist. Betroffene sexualisierter Gewalt erfahren Widerstände und Hohn allerorten, der Staat schützt die Täter mit Verjährungsfristen, die unzureichend sind. Sobald jemand das 28. Lebensjahr erreicht hat, kann er oder sie in der Regel weder gegen den Täter oder die Täterin juristisch vorgehen, oder, was für viele ebenso schrecklich ist, noch nicht einmal laut sagen, was geschehen war, welche schrecklichen Ereignisse sie erfahren haben, was sich in der Black Box des Missbrauchs befindet, weil die Täter mit ihren Anwälten per einstweiliger Verfügung das Opfer sehr schnell zum Schweigen bringen können. Durch die Verjährungsfristen kann kein klärendes Gerichtsverfahren mehr stattfinden, ohne Gerichtsverfahren kein Urteil gefällt werden und ohne Urteil darf niemand beschuldigt werden, Kinder missbraucht zu haben. Ehrverletzende Äußerung heißt das bei den Juristen. Die Ehre des Täters, wohlgemerkt. Das Opfer wird zum zweiten Mal zum Opfer. Die Logik der Täter, die sich daraus ableitet, lautet: Sie müssen ein Kind nur so schwer beschädigen, dass es garantiert nicht vor seinem 28. Geburtstag über das Verbrechen spricht. Das klingt zynisch? Das ist es auch!