"Germany´s next Top Model" Gruppenfoto in Unterwäsche

Mit einer ungewöhnlichen Anzeigenkampagne hat der Münchner Sender Pro7 auf die Negativschlagzeilen in den Medien reagiert: In einem offenen Brief verteidigen die Teilnehmerinnen die Klum-Show. Violetta Simon hat ihnen geantwortet.

Liebe Anne, Jennifer, Luise, Lena M. und Lena G., Charlotte, Janina, Yvonne, Andrea, Micaela und Rahel!

"Germany´s next Top Model"

(Foto: screenshot: sueddeutsche.de)

Ihr wollt Supermodels werden? Prima! Nur, bis es soweit ist: Warum muss Euch die Welt dabei zusehen? Sicher nicht, weil es zum Werdegang eines Models gehört, sich in der Öffentlichkeit für seine Oberschenkel kritisieren zu lassen. Pro7 und Heidi Klum haben einfach die Zeichen der Zeit erkannt: Die Sendung Germany´s next Top Model springt auf denselben Zug wie Big Brother oder Deutschland sucht den Superstar.

Wenn junge Frauen vor die Jury treten, um ihr Äußeres vor laufender Kamera beurteilen zu lassen, wenn bei Größen geschummelt und um Zentimeter gefeilscht wird ("In Deiner Bewerbung steht, Du seist 1,83!"), wenn Tränen fließen, weil das Selbstwertgefühl verletzt wird, wenn der Körper als Hindernis zur Verantwortung gezogen, abgespeckt und gedrillt wird - dann ist das in so einem Fall nicht als "steiniger Weg ans Ziel" misszudeuten. Das Ziel ist damit für die Macher dieser Sendung längst erreicht: Die Quote stimmt.

Doch warum finden sich immer wieder Leute für diese Shows? Weil sie einen Traum haben: Sie alle wollen wenigstens für einen Moment berühmt sein. Und diese Show macht es möglich. Sie rückt auch jene ins Rampenlicht, die nicht das Zeug zum Superstar haben, sondern nur verheizt werden. Dafür kann man schonmal Dinge tun, die einem peinlich sind. Das ist der Deal. Wäre es nicht so, würde Daniel Küblböck noch heute in Eggenfelden herumhopsen. Und die 19-jährige Irina wäre vermutlich nie in die Zeitung gekommen, sondern sang- und klanglos als Karteileiche in einer Agentur verrottet.

Heidi Klum hat in diesem Spiel die Rolle der - durchaus attraktiven - Internatsleiterin, die der Philosophie frönt: Gut ist, was hart macht. Das war schon immer so, und geschadet hat es nicht. Sie verschanzt sich dabei nur leider hinter der Phrase: "Wir haben die Regeln für die Modewelt nicht aufgestellt" und - was noch schlimmer ist - schickt Euch vor, um sie von jedem Vorwurf reinzuwaschen.

Und, Hut ab, das habt Ihr wirklich ganz toll gemacht: Zwölf junge Frauen in Dessous, bis auf zwei Bauchnabel sind hauptsächlich üppig gefüllte Dekolletés zu sehen. Darüber schwebt die Frage: "Sind WIR zu dünn?" Ebenso gut könnte man fragen: "Findet Ihr etwa unsere Brüste zu klein?" Jeder Mann mit ein bisschen Verstand weiß spätestens jetzt, dass er sich soeben auf vermintes Gebiet begeben hat. Und sagt artig: Aber nein, natürlich nicht!

Wenn ihr den Brief nicht selbst geschrieben hättet - man könnte meinen, es war die Pro7-Marketing-Abteilung. Aber das ist natürlich Unsinn, denn, wie man auf der Abbildung sieht, habt Ihr den Text selbst getippt und auch alle persönlich unterzeichnet. Jeder Name in einer anderen Farbe, in schöner Mädchenschrift - wie in einem Poesiealbum.

Eine Stelle in Eurem Brief ist besonders schön: "Jetzt auf einmal soll es schlimm sein, dass wir an unserem Traum arbeiten? Das verstehen wir nicht." Gegen diesen Satz wirken die Puschelohren der Playboy-Bunnies wie Kettensägen. Es gehört schon eine Menge Mut dazu, seinen Verstand derart zu verleugnen. Oder wisst Ihr es wirklich nicht? Nicht Ihr arbeitet an Eurem Traum, dieser "Traum" arbeitet an Euch. Er formt Euch, zieht Euch an oder aus, drapiert Euch auf Sofas und lässt Euch Dinge sagen wie "Die Buffets sind superlecker".

Um also Eure Frage zu beantworten: Nein Ihr seid nicht zu dünn. Nur - warum fragt Ihr uns das? Millionen von Zuschauern mussten mit ansehen, wie die 19-jährige Irina ihre verschmähte Bikinifigur in die Umkleide bugsierte, verständnislos an sich hinuntersah und ihre kopfschüttelnden Kolleginnen fragte: "Bin ich wirklich zu dick?"

Bestimmt habt Ihr Recht, wenn Ihr sagt: Heidi Klum und Eure Coaches "sind die besten Lehrer, die man sich für diesen Beruf vorstellen kann". Denn wie hätten sie es sonst geschafft, Eure Sicht der Dinge innerhalb so kurzer Zeit ins Gegenteil zu verkehren?

Ob nach dieser Show von Eurem Traum noch etwas übrig ist, wird sich zeigen. Bis dahin habt Ihr "bei den besten Lehrern, die man sich vorstellen kann" sicher gelernt, Enttäuschungen mit einem Lächeln zu quittieren.

Heidis Sauberfrau-Image wird vermutlich nicht einmal Schaden von dieser Debatte nehmen. Dafür habt Ihr gesorgt. Mit Euren rührenden Mädchenaugen und den Dekolletés, die den Blick - wie so oft - vom Wesentlichen ablenken.

Folgt Euren Träumen, doch lasst Euch dabei nicht vor den falschen Karren spannen.

Das wünscht Euch

Violetta

Die Teilnehmerin Céline hat den offenen Brief der Models nicht unterschrieben und die Show verlassen.