Frühstückslokale Kaffee mit Rolex und Biosalat

Eine Woche lang quer durch München zum Frühstücken - einmal sogar mit Kino-Vorstellung.

Von Tanja Rest

Schöne, schwere Aufgabe. Eine Woche lang soll ich mich quer durch München frühstücken. Je nach Appetit, Wetter und Tageslaune. Aber bitte immer auf verschiedene Weise. Dabei ist München die deutsche Frühstücksmetropole.

Acht Meter Buffet: Bayerischer Hof

(Foto: Hess)

Hier hatten viele Cafés schon riesige Frühstückskarten, als man in Hamburg zum Auswärts-Frühstücken nur ins Hotel gehen konnte. Manche Lokale haben 15 bis 20 verschiedene Frühstücksvarianten auf der Karte. Gehen wir es an.

Montag, Coffee Fellows: Ich lass' den young urban professional raus. Voraussetzung: Nike-Turnschuhe, Motorola-Handy zum Aufdentischlegen, fortgeschrittene Englischkenntnisse. So kann ich mich bei den Coffee Fellows (Schwabing, Leopoldstraße) blicken lassen.

Eine dieser angesagten Kaffeebars, wo man sich morgens seinen Medium Cappuccino im Pappbecher holt, um ihn eine halbe Stunde später kalt, aber superlässig am Konferenztisch zu schlürfen.

Frühstück gibt's auch, aber natürlich keine spießigen Wurstsemmeln mit Gurke. Sondern Bagels. Ich stelle mich brav unter das Schild "Order here" und gerate sofort in akuten Entscheidungsstress. Nehme ich jetzt einen Onion-Bagel mit Tuna Fresh Cheese-Belag oder einen Everything-Bagel mit Chicken Curry? Die Muffins sehen natürlich auch lecker aus.

Todschicke Lebensgefühle

Oder doch Obstsalat? Am Ende bestelle ich einen Bagel der Geschmacksrichtung Sun dried Tomato mit Vegetarian-Belag (3,25 Euro) und dazu eine große Latte Macchiato (3,05 Euro). Gezahlt wird sofort - man hat ja nicht ewig Zeit.

Wenig später sitze ich auf der Leopoldstraße, beiße in meinen zart angerösteten Hefekringel mit Gemüse, Frischkäse und frischem Basilikum und schaue der Großstadt beim Funktionieren zu. Todschickes Lebensgefühl, das die Fellows da servieren. Wer dazugehören will, sollte aber auf keinen Fall länger als ein halbes Stündchen bleiben.

Dienstag, Ruffini: Das sollte man natürlich schon wissen: Dass hier das Frühstück nicht zum Gast kommt, sondern umgekehrt. Bis ich das kapiert habe, verbringe ich aber schon mal eine wunderbar friedliche Viertelstunde zeitunglesend auf der Dachterrasse des Ruffini (Neuhausen, Orffstraße).

Auf der einen Seite guckt man in eine ruhige Wohnstraße, auf der anderen in malerisch verwahrloste Kleingärten, und auch sonst kein bisschen Großstadtgedöns, nur Amseln in concert.

Bestellt wird unten am Tresen: Das Frühstück kommt auf einem Tablett, das man dann selbst die schmale Treppe hinaufbalancieren muss, wobei man fast immer mit jemand anderem zusammenstößt. Worüber sich fast nie jemand aufregt.

Die Runde der Biertisch-Nachbarn

Wie überhaupt das ganze Lokal, das seit 1978 in Selbstverwaltung betrieben wird, so ein freundlich-alternatives Gemeinschaftsgefühl verbreitet. Nach einer halben Stunde habe ich alle meine Biertisch-Nachbarn kennen gelernt.

Das Spektrum reicht von der Kunst-Studentin über den Programmierer bis hin zu Hermann, dem Lehrer in Rente, der am Ruffini vor allem die Bioprodukte lobt. Auf jeden Fall schmeckt's: Milchkaffee, gemischter Teller, Laugensemmel und ökologisch angebaute Salatblätter für 7,60 Euro. Gutes Gewissen inklusive.

Mittwoch, Café Schneller: Ich weiß nicht, ob es anderen Leuten genauso geht, aber beim Anblick einer gestärkten weiße Schürze, unter der zwei kräftige schwarzbestrumpfte Beine hervorschauen, welche wiederum in ein Paar schmatzender Gesundheitssandalen münden - also, da wird mir immer ganz nostalgisch zumute.

Drin in der Schürze steckt natürlich die Hildegard, rotbackiger Inbegriff der Bäckersfrau und so genannte Seele des Café Schneller (Schwabing, Amalienstraße).

Diesen herrlich altmodischen Torten- und Teilchen-Tempel gibt es seit mehr als 100 Jahren, und viel dürfte sich in dieser Zeit nicht geändert haben. An der Wand eine vergilbte Rosentapete sowie der gerahmte Lehr-Vertrag von Karl Schneller selig aus dem Jahr 1907; hinter der Theke Pralinenschachteln, Kaffeesahne-Pyramiden, Jägermeister-Bataillone, und im Schaufenster... o là là! Croissants, Eclairs, Schweinsöhrchen, Mohnstückchen, Erdbeertörtchen und so weiter.

Außerdem gibt's hier eines der günstigsten Frühstücke der Stadt: zwei Semmeln, Brioche, Wurst, Käse, Marmelade und Croissant für 2,90 Euro (mit Ei 3,20).

Den Seligen nahe

Die Schokocroissants im Schneller sind berühmt und von so beträchtlichen Ausmaßen, dass man auch von einem (1,20 Euro) satt wird. Ich verspeise meines am Tisch gegenüber der Theke.

Das ist der beste Platz, weil man da beobachten kann, wie ein Stammgast nach dem anderen hereinspaziert und von der Hildegard strahlend und mit Namen begrüßt wird. Was an dieser Stelle einer Seligsprechung gleichkommt.

Donnerstag, Gloria-Kino: Ich gehöre ja zu den wenigen Menschen, die ich kenne, die sich alljährlich zur Oscar-Verleihung eine weitgehend sinnfreie Nacht um die Ohren schlagen. Aber in diesem Moment frage ich mich schon, ob die Liebe zum Kino nicht Grenzen hat.

Sechs Uhr morgens, und ich bin unterwegs zum Gloria Palast (Karlsplatz). Dort zelebrieren sie jeden Donnerstag um 6.30 Uhr den frühesten Filmstart der Stadt, mit Verköstigung. Frühstückskino heißt diese Prozedur - wahrscheinlich ein Service für Kamikaze-Cineasten und Angeber, die morgens um neun im Büro erzählen wollen, dass der neue Robert Altman mal wieder hoffnungslos synchronisiert ist.

"Einen wunderschönen guten Morgen", wünscht der Mann an der Kasse und will 5,60 Euro. Im Foyer drängeln sich etwa 80 gut gelaunte und niederschmetternd ausgeschlafene Menschen um einen Tisch mit Kaffee, frischen Semmeln, drei Sorten Marmelade und Nutella.

Alles zum Mit-ins-Kino-Nehmen. Drinnen ruft dann einer aus den hinteren Reihe, ob wir auch alle unsere Taschentücher dabei haben. Der Film geht los. Aha, "E.T.", in der neuen Fassung. Ich esse zwei Semmeln mit Himbeermarmelade und hole mir zwischendurch drei Mal Kaffee-Nachschub.

Spätestens als E.T. am Mond vorbeiradelt, glaube ich an einen gelungenen Start in den Tag.

Freitag, Bayerischer Hof: Andererseits muss man es auch nicht übertreiben mit dem Frühaufstehen. Das Buftet im sechsten Stock des Bayerischen Hof (Promenadeplatz) wird zwar schon um sechs Uhr aufgebaut, aber satt wird man da auch um zehn Uhr noch.

Mal was extraördinäres

Und wie! Sechs Sorten Säfte, fünf Sorten Nüsse, Müsli zum Abwinken, gerösteter Speck, Champagner, Shrimps, Lachs, Salate, Käse, Obst, Croissants, Eier, Semmeln, Plundergebäck. Acht Meter Buffet für beachtliche 27 Euro.

In Worten: achtundzwanzig. Mehr als 50 Mark. Ich kämpfe den noch aus meiner Studentenzeit datierenden Reflex nieder, mir gleich den ersten Teller maßlos voll zu schaufeln. Schließlich ist der Bayerische Hof eine gediegene Adresse: Im sonnendurchfluteten Speisesaal in den Frühlingsfarben hellblau-lindgrün-dottergelb frühstücken Businessleute, zahlungskräftige Familien aus Übersee und Münchner, die sich mal was Extraordinäres gönnen wollen.

Kellner gleiten vorbei und schenken formvollendet Kaffee nach; der Teppich verschluckt jeden Schritt. Am allerschönsten ist es draußen auf der Dachterrasse - wenn die Sonne scheint, in den Terracottakübeln die Narzissen wippen und der 180-Grad-Cinemascope-Blick elf Kirchtürme auf einmal streift. Frühstücken über den Dingen. Erhebend.

Samstag, Friesische Teestube: Moin, moin. Das Café, in dem ich heute gelandet bin, ist von all dem das Gegenteil: eher klein, halbdunkel, voll gestellt mit uralten Tisch-Giganten, Oma-Sesseln und knarzenden Sofa-Ungetümen.

Dazwischen diverse Stand-, Wand- und sonstige Uhren, alle gehen anders, und das ist auch ein sehr schönes Symbol für diesen Ort: weil die Friesische Teestube (Schwabing, Pündter Platz) nämlich ihre eigene Zeit hat.

"Wir bemühen uns, unseren Gästen über die Wohnzimmer-Atmosphäre etwas Ruhe abseits der Hektik unserer Tage zu vermitteln", heißt es im Speisekarten-Prolog. Glückwunsch, gelungen! Am Fensterplatz spielen zwei Männer Schach, nebenan liest jemand "Anna Karenina"; unterm Stich einer Windmühle schwänzen vier Teenager die Mathe-Doppelstunde.

Nicht ohne meine Gucci

Ich sitze an einem Tisch, an dem meine komplette Familie inklusive Tanten väterlicherseits Platz finden würde und fange mit der Teekarte an. 140 Sorten! Zum Glück ist das Frühstück überschaubarer: Es gibt ein "Kleines", ein "Mittleres" und ein "Großes" (von 6,80 bis 10 Euro) und wird auf blau-weiß-gemustertem Friesengeschirr serviert.

Die Kanne "Bünting Grünpack"-Tee (4,20) kommt aufs Messingstövchen. Das Tückische an der Teestube ist übrigens, dass man sich nach einer Stunde selbst als Teil des Inventars fühlt.

Ich bestelle also kurzentschlossen noch einen "Bontjesopp" (Rosinen in Rum) und verschiebe alles Weitere auf den späten Nachmittag.

Sonntag, Roma: Heute hab' ich meinen glamourösen Tag, das heißt: Unter der aufgebrezeltsten Sonnenterrasse der Stadt mach' ich's nicht. Soll vorkommen. Obwohl man sich natürlich schon fragt, warum man extra in die Hochhackigen gestiegen ist, das Kostümjäckchen angelegt und die Gucci-Brille ins Haar drapiert hat, um nun in qualvoller Enge auf dem erweiterten Trottoir zu sitzen und die Abgase vom Karl-Scharnagl-Ring einzuatmen, während das Schumann's gegenüber noch geschlossen hat.

Nichtsdestotrotz huldigt München im Roma (Maximilianstraße) hartnäckig seinem italienischen Lebensgefühl. Zunächst mal scheint hier fast den ganzen Tag lang die Sonne - die Ausrichtung der Bistrostühle verrät die Uhrzeit.

Außerdem bekommt man das "Classico"-Frühstück: Mortadella, Mozzarella, würzige Veroneser Salami und um Honigmelonenspalten gewickelter San-Daniele-Schinken, eine echte Streicheleinheit für den Gaumen (10,90 Euro).

Vor allem aber gibt es an einem Sonntagmorgen anscheinend keinen besseren Ort, um das neue Statussymbol auszuführen. Ich identifiziere (Auswahl): drei in Sichtweite geparkte Cabrios, eine Rolex, unzählige Designer-Sonnenbrillen sowie ein Leder-Ensemble, das 50 Meter weiter bei Jil Sander im Schaufenster hängt. Voller Sozialneid voraus!