SZ-Interview über engagierte Literatur Reale Fiktion

Leonhard F. Seidl schreibt akribisch recherchierte, politische Kriminalromane. In "Fronten" greift er den Amoklauf in Dorfen vor 30 Jahren auf und baut darauf eine neue und brandaktuelle mörderische Geschichte.

Interview von Florian Tempel

Für seinen vierten Roman "Fronten" hat sich Leonhard F. Seidl lange mit dem Amoklauf eines psychisch kranken Waffensammlers auseinandergesetzt, der am 4. März 1988 in der Polizeiinspektion Dorfen drei Polizeibeamte ermordete. Und er hat auch die Geiselnahme eines jungen, rechtsradikalen Iseners intensiv recherchiert, der einen Monat später in der Dorfener Sparkasse den Polizistenmord an Ausländern rächen wollte. Seidl nimmt die realen Ereignisse als Basis, baut jedoch in seinem wie immer politischen Kriminalroman eine neue, ganz in die Gegenwart gesetzte Geschichte. Seit das Buch erschienen ist, ist Seidl auf Lesetour, auch und insbesondere an Schulen.

SZ: Herr Seidl, lesen Sie auch im Landkreis aus Ihrem neuen Werk?

Leonhard F. Seidl: Das Bayerische Seminar für Politik hat mich angefragt, ob ich Interesse an Schullesungen hätten. Dann wurden verschiedene Schulen angefragt. Unter anderem war die Fachschaft des Anne-Frank-Gymnasiums interessiert und auch die Berufsschule in Erding.

Wie läuft so einen Schullesung ab?

Ich stelle zu Beginn immer die Hauptfiguren vor, wiederhole auch ihre Namen mehrfach, weil es für manche verwirrend ist. Ich erkläre auch die Bedeutung der Namen, dass zum Beispiel Ayyub in der Bibel Hiob heißt. Und bei Markus Keilhofer gibt es am meisten Gelächter, was mich darin bestätigt, dass ich den Namen doch ganz richtig gewählt habe.

Das Konzept für die Lesungen ist vorher klar festgelegt?

Die Sequenzen, die ich lese, sind nahezu immer die gleichen. Die haben sich bewährt. Auch in Erding. In der Sequenz, in der es um die Vorgeschichte des Amokläufers ging, begann eine Schülerin zu weinen. Das ist mir jetzt schon zum zweiten Mal passiert. Das ist natürlich erst mal tragisch, aber es bestätigt mich auch darin, dass die Stelle gelungen ist.

Um was geht es in jener Stelle?

Es ist die Szene in Srebrenica, als am 12. Juli 1995 die Serben mit dem Massaker begannen.

Sie können kaum voraussetzen, dass die Schüler Ihr Buch gelesen haben?

Nein. Wobei es aber in einigen Schule schon so ist, dass sie "Fronten" als Lektüre lesen. In Hessen bin ich einmal zu einer Lesung gekommen, da hat sich die Lehrerin entschuldigt, dass ihre Klasse das Buch noch nicht ganz gelesen hatte.

Wie beschreiben Sie die Thematik Ihres Buches?

Kritikerlob ist schön, aber unmittelbare Reaktionen bei Lesungen gehen Leonhard Seidl besonders nah.

(Foto: Karin Heim /oh)

Ich sage, dass das Buch auf einem realen Fall beruht, der sich vor 30 Jahren in Dorfen ereignet hat. An dem Tag, dem 4. März 1988, sind alle drei Hauptfiguren meines Buchs zur Welt gekommen. Ich betone in der Lesung mehrfach, dass Ayyub aus Bosnien kommt, Roja aus Kurdistan und der Markus aus Bayern. Ich sage dann, dass Ayyub und Roja beide geflüchtet sind, wie so viele Menschen dieser Tage, dass Ayyub alleine am Hauptbahnhof in München angekommen ist und Roja das Glück hatte, mit ihrer Familie anzukommen.

Wie real sind Ayyub und Roja als Figuren?

Dazu folgendes: Ich war in Nordrhein-Westfalen auf Lesereise. Die Lesungen wurde von einer DGB-Jugendreferentin organisiert. Sie stammt aus einer Stadt in der Nähe von Halabdscha, ist Kurdin, hat Asthma, ist zwar Jesidin und keine Muslima, aber ihre Mutter hatte auch irgendwann das Kopftuch abgelegt . . .

... also alles ganz ähnlich wie bei Roja, der Figur in Ihrem Buch ... .

.. und die DGB-Jugendreferentin hat zu mir gesagt, sie habe sich so oft in meinem Buch wiedererkannt. Das ist eines der größten Komplimente, die man einem Autor überhaupt machen kann.

Der Markus Keilhofer hat keinen Fluchthintergrund, aber auch ein schwieriges Leben hinter sich. Seine Mutter ist tot, sein Vater ist dauernd als Fernfahrer unterwegs. Markus lebt bei seinen Großeltern, die ziemlich abgedreht sind.

Bei ihm habe ich versucht, Analogien zu Anders Breivik herzustellen, dessen Mutter zwar nicht verstorben ist, die aber äußerst problematisch war.

Man kann der Ansicht sein, "Fronten" sei gar kein echter Krimi.

Es gibt die fälschliche Annahme, ein Krimi brauche einen Mord, Ermittler, Befragung, und auch kriminaltechnische Untersuchungen am Tatort müssen dabei sein. Dann wird der Mörder gefunden und am Ende ist es wieder gut, weil das Böse aus der Welt ist. Das entspricht nicht meinem Verständnis von einem Kriminalroman.

"Fronten" ist allerdings ganz klar ein Krimi, weil "Die Welt" das Buch, kurz nachdem es raus war, gleich mal zum Krimi der Woche erhoben hat.

Der Inhalt in maximaler Kürze: Ein bosnischer Waffensammler läuft Amok, ein "Reichsbürger" sinnt auf Rache und eine muslimische Ärztin gerät zwischen die Fronten. Das Buch ist im Verlag Edition Nautilus erschienen, 160 Seiten kosten 16 Euro - es ist auch als E-Book erhältlich.

(Foto: Edition Nautilus)

Das war sehr schön auch eine tolle Rezension. Ich erfahre in der Tat gerade bundesweite Anerkennung.

Auch in Ihren anderen Romanen geht es immer um aktuelle gesellschaftliche und politische Themen, die literarisch verarbeitet werden. Ein zentraler Punkt in "Fronten" ist: Wo liegen die Unterschiede zwischen Amoklauf und Attentat? Was ist Ayyub Zlatar aus ihrem Buch, Attentäter oder Amokläufer?

Das darf ich nicht verraten. Aber die grundsätzliche Frage finde ich tatsächlich sehr wichtig. Zum Attentat im Münchner Olympiaeinkaufzentrum gab es drei Untersuchungen, nach denen es ein rechtsradikaler Täter war, der AfD-Wähler war, der das Manifest von Anders Breivik zu Hause hatte. Und die Opfer waren ausnahmslos migrantischer Herkunft. Für die Bewertung, Attentat oder Amoklauf, ist es auch wichtig, zu sehen, wen trifft es. Trotzdem gibt es Teile in der Politik, die es nach wie vor negieren, dass es ein rechtsextremes Attentat war - weil es nicht in ihr Weltbild passt.

Im realen Fall in Dorfen war es ein Amoklauf eines nachweislich psychisch kranken Täters?

Ja, er fühlte sich von allen bedroht, vom CIA, KGB, jugoslawischen Geheimdienst, von Muhammad Ali, RAF und Polizei.

Während Sie am Buch gearbeitet haben, waren Sie zu einem Plus-Kurs am Gymnasium Dorfen, um mit Schülern den realen Fall aufzuarbeiten.

Wir haben uns dem Fall angenähert, über Zeitungsartikel, wir haben Zeitzeugen eingeladen. Wie hatten einen Psychiater da und einen Neonazi-Aussteiger. Und es war auch eine Gelegenheit, aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen zu thematisieren.

Wie wertvoll ist für Sie die Begegnung mit Schülern?

Mir ist der Austausch - ob mit Kollegen oder Schülern - immer wichtig. Weil ich denke, Menschen können sich im Austausch mehr klar machen und mehr erreichen als ein einzelner.