Erding im ersten Jahrtausend Archäologischer Hotspot

Über Forschungsergebnisse aus Erding berichten internationale Fachzeitschriften. Das Kletthamer Gräberfeld gilt noch immer als immens wichtig

Von Antonia Steiger, Erding

Einen "einzigartigen Forschungsstand" zum mittelalterlichen Erding verspricht Professor Bernd Päffgen, wenn die Stadt im Jahr 2028 ihr 800. Gründungsjubiläum feiert. Wie Päffgen den Stadträten kürzlich erläutert hat, gründet sich die heutige Forschung noch immer auf die Entdeckung des frühmittelalterlichen Gräberfeldes in Klettham vor mehr als fünfzig Jahren, das Erding zu einem "Hotspot der Frühmittelalterforschung" gemacht habe. Neue Fragestellungen hätten sich abgeleitet, konkret forschen Archäologen derzeit an sechs Teilprojekten.

Päffgen leitet das Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie und provinzialarchäologische Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Er überträgt seinen Studenten immer wieder Themen, die sie nach Erding führen. Und aus denen dann Dissertationen entstehen - wie zum Beispiel bei der Erforschung des karolingischen Königshofs in Altenerding, die im vergangenen Jahr unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und vor allem auch der ehrenamtlichen Mitarbeiter in Erding vonstatten ging.

Fast überall, wo in Erding gebaut wird, gibt es für Archäologen etwas zu finden. Das Interesse und die Anteilnahme der Bevölkerung ist oft groß - wie im vergangenen Jahr, als die Überreste des karolingischen Königshofs in Altenerding ausgegraben und untersucht wurden.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Archäologische Verein und das Museum Erding unterstützen die studierten Archäologen. Doch auf die Unterstützung durch die Stadt Erding könne man stets verlassen, betonte Päffgen. Dass Erding die archäologische Forschung mit 50 000 Euro unterstütze, mache es erst möglich, auch an anderer Stelle Geld einzutreiben: Zum Beispiel an einer Universität im amerikanischen Wisconsin, wo sich Professorin Leslie Williams mit ihren Studenten für die Forschung in Erding erwärmt und in Kürze wieder in die Stadt kommen werde, wie Päffgen sagte.

Die Forschungsergebnisse finden internationalen Widerhall, wie Päffgen den hocherfreuten Stadträten und ebenso erfreuten Zuhörern anhand von Beiträgen in wissenschaftlichen Zeitungen belegen konnte. So befassten sich die Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, die laut Päffgen "viertwichtigste wissenschaftliche Zeitschrift der Welt", erst kürzlich in einem Artikel von 18 Autoren - darunter auch Päffgen - mit den Forschungsergebnissen zu den in Erding gefundnen Frauenskeletten mit künstlich deformierten Schädeln, die mit neuen Methoden untersucht worden seien. Für diese Schädel interessieren sich Archäologen und Anthropologen, um an ihnen die Stammeswerdung der Bajuwaren nachvollziehen zu können. Dafür sei das Kletthamer Gräberfeld "wie kein zweites in Bayern geeignet". Sechs solcher Schädel waren bei den Grabungen in Klettham aufgetaucht, so viel wie nirgendwo sonst in Bayern. Ergebnis der Forschung war, dass die Frauen weiter aus dem Osten gekommen waren. Ihre Genetik weise die größte Ähnlichkeit mit der heutigen Bevölkerung in Rumänien, Bulgarien und der Türkei auf, sagte Päffgen.

So wunderbare Schmuckstücke wie diesen um 650 n. Chr. entstandenen silbernen Armreif haben Archäologen im Kletthamer Gräberfeld gefunden.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Zuzug von Menschen aus anderen Teilen der Welt hat demnach schon von Hunderten von Jahren zum Leben in dieser Region gehört, ebenso offenbar auch die Platznot. Wie Päffgen erläuterte, kam es in Klettham "häufig wie bei keinem anderen Gräberfeld" zu Grabüberschneidungen. "Offenbar war der Raum nicht unbegrenzt, und man wollte in der Nähe bestattet werden." Ein anderes Phänomen stellen ihm zufolge die Nachbestattungen darf. Sie erfolgten in einer Grabgrube. Kam es zu einer neuen Bestattung, wurde der Vorgänger "zur Seite geschoben".

OB Max Gotz (CSU) sagte nach Päffgens Referat, es sei die richtige Entscheidung gewesen, in das Museum zu investieren, "damit wir unser Wurzeln kennen lernen" - auch wenn Bauherren manchmal "murren". Denn bei der Entstehung jedes neuen Baugebietes dürfen in Erding zuerst einmal die Archäologen auf das Gelände und es nach Bodendenkmälern durchforsten. Gotz pries die ehrenamtlichen Mitarbeiter in Museum und Verein für ihre hohe Motivation. Dass die Deutsche Forschungsgesellschaft die Arbeit in Erding nicht unterstützt, schmerzt alle Beteiligte etwas. Diese Qualen werden jedoch gelindert durch den Umstand, dass in einer Festschrift der Forschungsgesellschaft den Grabungen in Erding mehr Platz eingeräumt worden war als den von der Gesellschaft unterstützten Grabungen in einem Gräberfeld in Lauchheim in Baden-Württemberg. "Das hat mich gefreut", sagte Päffgen.